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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-31 · Heft 14 (31.3.1868) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 14 (31.3.1868)
Date
1868-03-31
Page
Seite 279 (sequence 17)
Language
German
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Zeitung -es Zudenthums. FeuiUetoil-Lkilage zu Ar. 14. Leipzig, den 31. März 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Zweite Erzählung. (Fortsetzung.) 4. Einige Monate waren vergangen. Ich hatte von Elkan nichts gesehen und von Polls nichts gehört, als daß die Kaufleute, welche dem Mädchen Arbeit gegeben, sehr befriedigt waren, und sie als eine ihrer besten Arbeiterinnen schätzten. Eines Tages durchliefen Gerüchte die Stadt, welche dieselbe in große Aufregung versetzten. Es hieß, in der Tiefe des Waldes sei ein starkes Gefecht zwischen Schmugglern und den Grenzwächtern vorgefallen; man habe bedeutende Massen von Maaren in Beschlag genommen, aber der Sieg, den die Diener des Gesetzes erfochten, war mit schweren Verwundungen und sogar einem Todten bezahlt worden. Aber gleiches Schicksal hatten auch die Schmuggler gehabt und ein Theil derselben war auch gefangen und an das Kriminalgefängniß in der Stadt abgeliefert worden. Einige Stunden später kam noch ein neues Gerücht hinzu. In Neudorf war ein Raub ausgeführt worden; aber man hatte bald darauf die Räuber eingeholt und festgehalten. Da habe man in dem einen der Räuber einen Mörder erkannt, der vor Jahren eine Unthat vollbracht, die allen Nachforschungen der Gerichtsbehörden getrotzt hätte, so daß der Thäter nicht entdeckt worden. Jetzt sei der Mörder mit Ketten belastet eingebracht worden. Auch zu mir drangen diese Nachrichten, aber sie beschäftigten mickwenig, da ich gewohnt bin, von solchen Gerüchten stets einen guten Theil als hinzuerdacht abzuziehen. Nichts ist kurioser als eine Mittel- oder kleine Stadt, welche in den sanften Armen der Gewöhnlichkeit und Gleichmäßigkeit ihre Tage verbringt, plötzlich durch außerordentliche Ereignisse oder doch durch die Kunde von solchen aufgeregt zu sehen. Man kann da viele Beobachtungen über die Menschen machen, und wie die Gemüther zu fühlen und zu arbeiten pflegen. Die Stadt bekommt ein ganz anderes Aussehen auf einige Stunden. Die Straßen werden von Hin- und Hereilenden, von Gruppen aller Art belebt; eine gewisse Gleichheit der Stände tritt ein, der Vornehmste scheut sich nicht, mit dem Geringsten in Gespräch zu treten und seinen Worten zu lauschen, wenn dieser etwas von der großen Neuigkeit des Tages zu erzählen hat; die Geschäfte und Arbeiten werden unterbrochen, Männer und Frauen kommen aus den Häusern heraus; das Gemeinsame verbrüdert Me, das Außerordentliche erhebt Alle, und unbewußt hält sich Jeder für bedeutender als sonst, weil er Mitträger eines so außergewöhnlichen Vorganges ist. Ja, die Sache macht den Menschen Vergnügen und das Grauen vor der verbrecherischen That macht sehr bald der geheimen Befriedigung Platz, weder an der That noch an deren Folgen betheiligt zu sein, und sie dennoch mitzuerleben. Darum ist man auch nicht lange mit dem zufrieden, was wirklich geschehen, und was man davon weiß, und dis geschäftige Einbildung ergänzt und setzt hinzu, um die Sache noch außerordentlicher und noch tragischer zu machen. Dies währt aber nicht länger, als bis die Nacht ihre Schatten über die aufgeregte Stadt gebreitet hat; am folgenden Tage ist man bereits ruhiger, und' kommt nichts Neues hinzu, so hat man es bald vergessen, und das gewohnte Treiben und Drängen des Lebens ist darüber hinweggegangen. So war auch dies Mal unsere liebe Stadt beschaffen, als jene Nachrichten umliefen, und so trat vierundzwanzig Stunden später auch hier wieder die gewohnte Ruhe ein. Da fand ich am dritten Tage, als ich von einem Gange zurückkehrte, eine Botschaft vor: ich möchte doch nach Neudorf herüberkommen. Der Bote, ein Bauerknabe, hatte sich vor meiner Rückkunft wieder entfernt und nicht einmal den Namen der Sender genannt. Ich konnte mir denken, daß Wilhelmine meiner bedürfe, konnte aber die Ursache mir nicht erklären. Doch mußte es etwas Außergewöhnliches sein, sonst würde das bescheidene Mädchen mich wohl nicht so ohne Weiteres citirt haben. Bei der Theilnahme, die sie mir bereits eingeflößt, war ich daher nicht ohne Unruhe, während ich das Stündchen nach dem Dorfe zurücklegte. Das Dörfchen lag so still wie immer, das Häuschen so trübselig wie immer. Ich trat in die Flur, sie war leer, und öffnete daher vie nur angelehnte Thüre zu der Stube. Der erste Blick zeigte mir einen sehr armseligen Hausrath, aber Reinlichkeit und saubere Ordnung. In

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