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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-24 · Heft 13 (24.3.1868) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 13 (24.3.1868)
Date
1868-03-24
Page
Seite 261 (sequence 19)
Language
German
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uns verweilte, änderte sich. Sein Gesicht glühte leidenschaftlich und seine Augen fielen brennend auf mich. Dies erschreckte mich in der Tiefe meiner Seele und es war ein qualvoller Augenblick für mich, wenn er über unsere Schwelle trat. Eines Tages, als meine Mutter schlief und ich in dieser Flur mich befand, trat er hastig auf mich zu, erklärte mir seine Neigung, warf zugleich seine Arme um mich, um mich an sich zu ziehen. Ich wehrte mich, und da ich mich nicht loswinden konnte, schrie ich laut nack Hülfe. Meine Mutter hörte mich, schleppte sich auf den Knieen nach der Thüre und überhäufte Man mit Borwürfen. Er sprang zum Hause hinaus, drohend Fluchworte ausstoßend. Nach einiger Zeit, zu einer Stunde, wo er mich im Walde wußte, einige Holzstücke zu sammeln, kam er zu meiner Mutter und bat sie um Verzeihung, gestehend, daß in seiner Seele eine unüberwindliche Leidenschaft glühe. Meine Mutter wies ihn hart ab und verbot ihm, jemals wieder in unser Haus zu kommen. Seitdem haben wir ihn nicht wieder gesehen." Dieser letzte Theil der Erzählung machte mich sehr betroffen. Verworrene Vorstellungen und Ahnungen stiegen in mir auf, und drängten mir die Frage auf die Lippen, ob über den Tod des Vaters nichts Näheres bekannt geworden? aber ich unterdrückte sie; wahrscheinlich wußte das Mädchen selbst nicht viel davon und ich wollte es nicht noch mehr betrüben. Sie sagte: „Sie sehen hieraus, mein Herr, daß wir nicht im Stande sind, fernere Gaben von Man anzunehmen, durch welche Hand sie auch kämen. Meine Mutter hat geschworen, lieber Hungers zu sterben." „Sie haben Recht, antwortete ich, obgleich Sie den Mann doch wohl allzu hart beurtheilen. Die Leidenschaft hat ihn verblendet, brachte ihn einen Augenblick über die Schranke der Ehre und des Rechts hinweg; er braucht darum noch nicht schlecht zu sein." Wilhelmine schüttelte mit dem Kopfe. „Nun, jetzt kommt es auch nur darauf an, Ihnen einige Hülfe zu schaffen. So kann es doch nicht bleiben. Sie sagten mir, daß Sie sich in Handarbeiten einige Geschicklichkeit erworben. Können Sie sticken und nähen, und würden Sie sich damit beschäftigen?" „O Gott, wie würde ich den segnen, der mir Arbeit verschaffte, und wahrlich, ich werde alle Kräfte daran setzen, um zu leisten, was man wünscht." „Nun, so wird uns geholfen werden. Ich werde mich bei einigen Freunden, welche Magazine halten, dafür verwenden, und hoffe, schon morgen Ihnen eine Probearbeit hinausschicken zu können. Sie sollen mit einer leichteren anfangen, und wenn Sie sie gut machen, sollen schwierigere und darum lohnendere Nachfolgen. Einstweilen bedürfen Sie aber eines Vorschusses, und den sollen Sie von mir erhalten; hören Sie, nur einen Vorschuß, den Sie mir nach einigen Monaten zurückzqhlen, und zwar von mir, von keinem Anderen." Ein unbeschreiblicher Jubel legte sich auf das Antlitz des Mädchens, sie schlug die Hände zusammen, faßte die meinigen und wollte sie küssen. Ich verwehrte ihr dies, drückte ihr eine kleine Summe in die Hand, die für einige Zeit genügen konnte, und suchte mich sobald wie möglich los zu machen. Ihre dankbaren Blicke folgten mir die Straße hinauf. Jetzt konnte der Boreas noch so eisig blasen, ich empfand es in der That nicht, denn eine erwärmende Befriedigung ergoß sich durch mein Herz. Ich hatte meinen vorläufigen Zweck erreicht — vielleicht nicht im Sinne meines Auftraggebers — dann aber desto besser. In den nächsten zwei Tagen war es mir ganz unmöglich, Elkan zu besuchen und ihm Bericht zu erstatten. Auch war es kein sehr angenehmes Gefühl, welches mich am dritten Tage zu ihm begleitete. Zwar hatte es sich mit der Beschäftigung Wilhelminens noch über mein Erwarten gut gestaltet, denn ihre Probearbeiten waren so prompt und gut ausgeführt,- daß sie alsbald eine sehr ausreichende und genügend lohnende Beschäftigung erhielt. Aber hatte ich nicht dadurch gerade den vermuthlichen Plan Elkans durchkreuzt? Hatte ich sie nicht völlig unabhängig und darum unerreichbar von ihin gemacht? Bon dem stürmischen Menschen erwartete ich daher eine sehr stürmische Scene und betrat das verfallene Haus in der Vorstadt mit einem gewissen Zagen. Ich traf Elkan außerhalb des Bettes, das heißt völlig angezogen, sich des Bettes als eines Sitzes bedienend. Als ich eintrat, rief er mir mit einem gewissen Unwillen entgegen: „Sie hätten mich wohl auch nicht so lange warten zu lassen brauchen. Ich habe unterdeß meine Fieber abgeschüttelt und bin wieder gesund. Ich hätte auch schon längst das alte Rattennest verlassen, wenn ich nicht auf Sie warten mußte." Ich setzte ihm die Ursachen auseinander. „Nun gut, erwiderte er, dann sagen Sie an, was haben Sie geschafft?" „Ich habe mich überzeugt, daß Sie, Herr Elkan, nichts von den Frauen zu erwarten haben; sie haben geschworen, eher Hungers zu sterben, als etwas von Ihnen anzunehmen. Da man jenes aber nicht zugeben darf, so habe ich dem Mädchen Arbeit verschafft, von der sie sich kümmerlich erhalten können." Der Mann sprang von seinem Sitze auf und wandte sich von inir ab. Er mochte einen gewaltigen Sturm in seinem Innern zu überwinden haben; denn ich bemerkte, wie er die Faust auf die Brust drückte, und als er sich wieder zu mir wandte, sah ich blutige Spuren seiner Zähne auf der Unterlippe, sein Gesicht war bleich und verzerrt. Mit schwerem Athemholen brachte er die Worte hervor: „Haben Sie Dank. Sie haben gehandelt, wie Sie es verstehen. Leben Sie wohl." Er drehte sich um und ging nach dem einzigen Fenster des Zimmers und ich — sehr gern — zur Thüre hinaus, nachdem ich den Fünfzigthalerschein, den ich von ihm erhalten, auf den Tisch gelegt. «Fortsetzung folgt.)

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