Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1868)
- Date
- 1868-03-24
- Page
- Seite 260 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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260 „Eines Nachts wurden wir durch das Oeffnen der Hausthüre und durch den schweren Tritt von Männern geweckt. Meine Mutter und ich sprangen schnell auf, zündeten Licht an und eilten hinunter. Es waren mein Vater und unser alter, treuer Forstknecht, welche einen verwundeten Mann trugen und ihn in ein Hinterstübchcn auf ein Bett brachten. Sie hatten bei dem Gange durch den Wald auf einem Seitenwege im Gebüsch ein Stöhnen vernommen, und ihm nachgchend bald den Mann gefunden, der einen, an sich ungefährlichen Schuß in den Schenkel erhalten, welcher aber einen starken Blutverlust nach sich gezogen. Mein Vater, der solcher Dinge'nicht unkundig war, verband ihm die Wunde, erfrischte die gesunkenen Lebensgeister des Verwundeten und überließ ihn dann dem Schlafe. Nach einigen Stunden, als der Tag eben angebrochen war, rief der Mann weinen Vater zu sich hinein und flehte ihn auf's Rührendste an, zu keinem Arzte zu schicken und ihn nicht anzuzeigen, denn jenes bedürfe er nicht und dieses würde ihn trotz seiner Unschuld in eine Untersuchung verwickeln, die ihn für sein ganzes Leben unglücklich machen würde. Er sei in einer dringenden Angelegenheit nach der Stadt berufen gewesen, habe den kürzesten Weg durch den Wald gesucht, sich dabei verirrt, und eine Grenzwache, die seine Schritte vernommen, vor der er sich aber im Gebüsch versteckt, habe in das letztere hineingeschossen und unglücklicher Weise ihn getroffen. Er habe seinen Schmerz unterdrückt und die Grenzwache ohne weitere Nachforschung sich entfernt. In der That zeigte der Zustand deS Mannes durchaus nichts Gefährliches, und mein Vater gab endlich dem Bitten und Winseln desselben nach, jedoch nur unter den beiden Bedingungen, daß in der That sich nichts Besonderes ereignet hätte, was den Verwundeten compromittire, und daß dieser ihm feierlich unter Anrufung Gottes gelobe, niemals, mag seine Vergangenheit gewesen fein, welche es wolle, fortan in einen Schmuggel sich einzulassen. Der Mann gelobte dies; meinem Vater kam von dem Vorgänge nichts weiter zu Gehör, und so blieb der Mann in unserem Hinterstübchen unter der Pflege meiner Eltern drei Wochen, bis er völlig genesen war. Dieser Mann war Man." „Er kam auch, wie es schien, seinem Gelöbniß treulich nach. Er ließ sich in einem Dorfe als Hausirer nieder und kam mit seinem kleinen Waarenbündel öfter zu 'uns. Wir wurden seine Kunden, und obgleich meine Eltern jede Entschädigung, jedes Geschenk auf's Entschiedenste ablehnten, kauften wir doch unsere kleinen Bedürfnisse von ihm, da er uns billig behandelte. So vergingen einige Jahre. Doch zuletzt kam er immer seltener und stellte seine Besuche endlich ganz ein, was uns sogar wegen unserer kleinen Einkäufe in einige Verlegenheit setzte." Das Mädchen machte eine Pause; es war, als wenn sie zögerte fortzufahren; ihr Gesicht wurde bleich und ein schmerzvoller Zug stellte sich um ihren Mund ein. Sie machte eine Anstrengung und hob wieder an: „Es sind jetzt anderthalb Jahre. In einer stürmischen Märznacht war mein Vater von Grenzwächtern abgeholt worden, weil man einem Unternehmen der Schmuggler auf der Spur war. Diese Leute wählen dergleichen Nächte aus naheliegenden Gründen am liebsten. Der Sturm schwoll gegen Mitternacht zu einem Orkan an. Er raste um unser Haus, als ob er es einstürzen, durch den Wald, als ob er ihn zusammenbrechen wollte. Vom Walde her krachte und donnerte es, denn viele der ältesten Bäume zerbrachen vor der Wuth des Sturmes und stürzten auf ihre Genossen, die sie mit in ihren Fall zogen. Meine Mutter und ich. waren allein im Hause, denn die Knechte und Hunde waren mit fortgenommen worden. Wir konnten uns nicht entschließen, zu Bette zu gehen; meine Mutter hatte das Psalmbuch aufgeschlagen und las von Zeit zu Zeit laut ein Gebet um Schutz und Rettung. Der Sturm begann sich zu legen. Da hörten wir lautes Geräusch und Schritte über die Wiese kommen, murmelnde Stimmen verriethen uns die Ankunft von Menschen; Hunde heulten dazwischen. Meine Mutter sprang auf und schrie voll Schrecken: „Mein Gott, was ist geschehen!" In diesem Augenblicke wurde die Hauspforte aufgerissen — man brachte abermals einen Verwundeten . . . aber dieser Verwundete war schon todt ... es war mein Vater ..." Das Mädchen bedeckte das Antlitz mit seinen Händen, und ein Strom von Thränen floß aus seinen Augen. „Schildern Sie mir diese Scene nicht," sprach ich mit sanfter, bewegter Stimme, „reißen Sie die Wunden nicht von Neuem auf, beruhigen Sie sich und sagen Sie mir nur, was später erfolgte." Nach einiger Zeit war ihr dies inöglich. „Bei dem Anblicke meines getödteten Vaters brach meine Mutter zusammen und lag viele Stunden in Ohnmacht. Als sie mit Mühe zum Leben zurückgebracht ward, hatte sie die Herrschaft über ihre Glieder verloren, und alle seitdem angewandten Heilmittel haben nur eine geringe günstige Aenderung hervorgebracht. Wir waren der Verzweiflung nahe, und ich weiß nicht, wie wir eigentlich über diese Zeit hinweggekommen sind. Es war uns noch ein Gnadeuqnartal vergönnt; dann mußten wir das Forsthaus verlassen. Wir hatten kein Vermögen, verkaufte» daher bis auf Geringes Alles, was wir besaßen, und zogen in diese Hütte, die uns ein Bekannter meines Vaters anbot. Meine Mutter bedarf beständiger Wartung und ich kann mich kaum auf kurze Zeit von ihr entfernen. Unser kleiner Erlös begann zusammenzuschmelzen. Da kam einst Elkan zu uns. Aber er schien sehr verändert; in seinen Augen wohnte ein wilder, irrer Blick, seine Züge waren entstellt und sein Gesicht fahl und aschgrau. Er stieß uns sehr ab, doch er bot uns einige Hülfe an. Wir weigerten, sie anzunehmen, aber er drang nachdrücklich in uns, er wolle weiter nichts als die Entschädigung reichen für das, was er uns schulde. So nahmen wir es an und noch ein Mal und zwei Mal. Aber sein Benehmen, so kurze Zeit er auch.immer bei