Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1868)
- Date
- 1868-03-24
- Page
- Seite 262 (sequence 20)
- Language
- German
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Vergleichende Studien über den Talmud. Von Rabb. D. Oppenheim in Gr. Becskerek. V. Die Fabel des Menenius Ägrippa. Die alten Staatsmänner machten sehr oft in ihren Reden von der Fabel mit vielem Geschicke einen sehr guten Gebrauch, der immmer einen mächtigen Eindruck auf das Volk ausübte. Berühmt ist die Fabel, deren sich, nach Livins, Menenius Agrippa bei dem Streite der Plebejer und Patricier mit glücklichem Erfolge bedient haben soll. Einst, begann Menenius Agrippa, verschworen sich die Glieder des menschlichen Leibes gegen den Alles verzehrenden Magen und wollten ihm fürderhin weder Speise noch Trank reichen. Da aber der Magen keine Nahrung erhielt, wurden auch die Glieder bald so schwach und matt, daß sie sich fast nicht mehr zu bewegen vermochten, und so wurden sie inne, daß zwar ver Magen von ihnen bedient und ernährt würde, sie aber hinwiederum von ihm Kraft und Stärke erhielten. *) . Eine ähnliche sinn- und lehrreiche Fabel führt der Midrasch rabba an zur Erklärung der Stelle: Nehmet euch weise und verständige Männer, daß ich sie setze an eure Spitze (5 B. M. I, 13). Einst sagte der Schweif der Schlange zum Kopfe derselben: Wie lange noch willst du stets vorangehen? Auch ich will nun einmal den Vortritt haben. Gut! erwiederte der Kopf, ich habe nichts dagegen. Kaum ging nun der Schweif voran, so fand er eine Grube mit Wasser und stürzte mit sammt dem Kopfe hinein; mit knapper Noch der Gefahr entgangen, begegnete er wieder einem Feuer und verbrannte sich fast daran; endlich gerieth er auf ein Dornengestrüpp, welches ihn nun gänzlich umstrickte und gefangen hielt.. Dies gießt uns ein Bild von dem Zustande der Gemeinde, wo die Häupter und Großen den Kleinen und Unwissenden gehorchen. — Zu der Fabel des Menenius Agrippa bemerkt nun A. Weber, „Zusainmenhang indischer und griechischer Fabeln", S. 43: „Dieselbe Erzählung nun, nur speculativer, insofern statt des Magens und Bauches der präna, Lebenshauch, steht, findet sich vielfach in der Brahmana und Aranyaka der Inder. Da hier der Gedanke an eine Entlehnung von einer der beiden Seiten fern liegt, so kann nur die Annahme statthaben, daß Römer wie Inder selbstständig auf dieselbe verfallen sind." Wir haben nun in dem angeführten Midrasch eine dritte Relation dieser Fabel, die sich Hinsichts des speculativen Charakters der indischen annähert, da der Kopf der Sitz des Verstandes ist, dem nun alle anderen Glieder gehorchen müffen. Es hat wohl jede *) Bergt. Jalkut Psalmen 8-721, worauf wir bei einer andern Gelegenheit zurückkommen werden. Darstellung ihre besonderen Vorzüge und darum läßt sich auch gar nicht entscheiden, welche die ursprüngliche sei. VI. Der Löwe und der Äranich. In der stürmischen Periode des Bar-Cochba, als die Fluchen der Empörung des tiefgekränkten Volkes die Schranken der Mäßigung und Klugheit zu durchbrechen begannen, trat R. Josua ben Chananja in der Volksversammlung auf, um die tobende Menge zu beschwichtigen und bediente sich zu diesem Behuf« der folgenden Fabel: Ein Löwe hatte gierig seine Beute verschlungen und da blieb ihm ein Knochen im Halse stecken. In der Angst versprach er demjenigen eine große Belohnung zu geben, der ihm den Knochen herausziehen würde. Ein Kranich, rtsnjt» «np, mit langem Schnabel, stellte sich dazu ein und zog dem Löwen den Knochen aus dem Schlunde. Als nun derselbe seinen versprochenen Löhn verlangte, sagte der Löwe höhnisch zu ihm: Geh' hin und rühme dich, daß du in den Rachen des Löwen hineingegangen und unversehrt herausgekommen bist, l Bereich ith rabba Ab. 64). «visb rcyn absba s~n b't vbwn npD31 N1-.K-I. Aesop und Phädrus I, 8 haben ebenfalls diese Fabel und nur der Schluß ist bei denselben ein wenig verschieden und deshalb lassen wir dieselbe hier nach der Bearbeitung des Phädrus folgen: Wer Lohn für Dienste von dem Bösen fordert, Fehlt doppelt: erst, daß er Unwürd'gen half, Dann, weil er kaum nun ungestraft davon kommt. Dem Wolf im Schlunde blieb ein Knochen stecken; Von Schmerz bewältigt will er Eins um's Andre Durch Lohn das Uebel auszuziehn verlocken. Endlich vermag ein Eid dazu den Kranich, Der seinenlangen Hals des Wolfes Gurgel Vertrauend, trotz Gefahr die Kur vollbringt. Wie er den ausbedungnen Sold nun fordert, Ruft jener: Undankbarer, hast dein Haupt Heil meinem Schlund entrückt und forderst Lohn? Diese Fabel ist, wie Weber S. 24 nach I. Grimm's Untersuchung bemerkt, aus der ägyptischen Sage von dem tder dem Krokodil die Blutegel aus dem Rachen zieht, wovon auch Herodot l>, 68 berichtet, entstanden und es kann darüber kein Zweifel obwalten, daß die indische Fabel bei «Io I« l.oul'öi'6, royaume de Siam. Paris 1691, von dem rachasi, räxasa, dem Gautama als Vogel jenen Dienst leistet, nicht als ursprünglich indisch, sondern als eine Entlehnug zu betrachten ist. — R. Ävsua hat nun diese Fabel ohne Zweifel aus Aegypten oder eigentlich aus Alexandrien entlehnt und der Name des ägyptischen Vogels tmp, der vielleicht mit dem ioo/ß.og des Herodot, dem Strandläufer, identisch sein mag, giebt den besten Beweis dafür. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Vw. H. Lvtze.