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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-24 · Heft 13 (24.3.1868) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 13 (24.3.1868)
Date
1868-03-24
Page
Seite 259 (sequence 17)
Language
German
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Allgrmeine Zeitung des Zudenthums. FeMeton-Seilage M Nr. 13. Leipzig, den 24. März 1868. Aus drn Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Zweite Erzählung. (Fortsetzung.) Ich hatte mich auf dem Schemel niedergelassen, und daS Mädchen stand mir gegenüber. Ihre schlanke Gestalt, ihr schöner Kopf mit den edelen, wehmutsvollen Zügen zeichneten sich auf der weiß getünchten Wand ab, und bisweilen fielen rothe Streiflichter aus der Oeffnung des Ofens auf ihr Gesicht und ließen die Bewegung erkennen, welche sich auf ihrem Antlitze ausprägte. Es war mir wie ein Traum, in welchem ich in diese eigenthümliche und im Grunde mir so fremdartige Umgebung versetzt war. Aber meine Seele war voll Aufmerksamkeit und Theilnahme und ich lauschte eifrig den Worten des Mädchens, die sie mit so reinem und wohlklingendem Accente sprach. Sie erzählte: „Der Wald erstreckt sich, wie Sie vielleicht wissen, wohl über vier Meilen von hier und überschreitet noch die Grenze des benachbarten Fürstenthums. Nicht weit von dieser Grenze liegt die Försterei Waldstätten, und hier war mein Vater Förster, hier erblickte ich das Licht der Welt. Ich war das einzige Kind meiner Eltern, die, soweit nur meine Erinnerung zurückgeht, die liebevollsten und friedlichsten Gatten waren. Ich verlebte eine sehr glückliche Kindheit. Das Rauschen des Windes in den Wipfeln der Bäume war mein Wiegenlied, die Wiese und der Garten am Hause und später die schattenreichen Waldgänge, durch welche die Sonne ihre goldenen Lichter goß, und auf welchen Rehe und Hirsche mir oft entgegenkamen , waren der Tummelplatz meiner kindlichen Spiele. Die Einsamkeit war mir nicht drückend, denn ich kannte nichts Anderes, und die Zärtlichkeit meiner Eltern ließ mich den Mangel an Gespielen nicht fühlen. Das Einkommen meines Vaters war mäßig, vielleicht knapp, aber es reichte für unsere geringen Bedürfnisse aus; wir kannten keine Sorge. Meine Mutter unterrichtete mich zuerst, denn da die Försterei sehr weit von dem nächsten Dorfe entfernt war, konnte ich die Schule nicht besuchen. Als ich aber heranwuchs, wurde ich den Winter über in die Stadt zu einer Schwester meines Vaters gegeben, um die Schule zu besuchen; mit dem erwachenden Frühling kehrte ich zu meinen Eltern in den Wald zurück, um während der Sommermonate mir allein fortzuhelfen. Meine Eltern konnten meiner nicht ganz entbehren, und anch für mich war eS die höchste Freude, wenn ich zu ihnen und meinem lieben Walde zurückkehren konnte. Dennoch entschlossen sich meine Eltern, mich von meinem dreizehnten bis sechszehnten Lebensjahre ganz in der Stadt zu lassen, um die höhere Schule dort zu besuchen und meine geringen Kenntnisse, besonders auch die nöthige Geschicklichkeit in den Handarbeiten zu vervollständigen. Nebenbei hatte ich die Pflicht, meine kränkelnde Tante zu pflegen, und ich hielt bei ihr auS, bis sie starb und wir so die einzige Verwandte verloren hatten, die wir noch besaßen. Die Trauer, die ich darüber empfand, schwand jedoch bald aus meinem heiteren, jugendlichen Herzen, als ich nach Hause zurückgekehrt war. Unser Glück erhielt aber bald eine Störung. Während meiner Abwesenheit hatte sich in der Gegend Vieles verändert. Das Amt meines Vaters war wohl beschwerlich, aber ohne Unruhe und Gefahr, denn die weite Entfernung von dem bewohnteren Lande ließ selbst die Wilderer und Holzdiebe nicht bis in sein Revier kommen. Unterdeß aber waren an der Grenze die Zollschranken verstärkt worden; die Regierung des benachbarten Fürstenthums wollte sich unserem Lande nicht anschließen. Da ließen sich im Nachbarlande einige reiche Männer nieder, welche den Schmuggel betreiben wollten und die arme Bevölkerung durch reichen Lohn dazu anreizten. Eine starke Linie von Grenzwächtern wurde nicht weit von uns angeordnet, und meinem Vater kam der Befehl zu, denselben, wo es Noth thue, Vorschub zu leisten und als Führer zu dienen. Mein Vater weigerte sich, in diese Händel sich einzulassen; aber man eröffnete ihm, daß er im Falle weiterer Weigerung von seiner Försterei nach dem Herzogthum Posen versetzt werden würde, und hierzu konnte er sich nicht entschließen. Von da ab hatte er ein sehr unruhiges Leben zu führen, und gerade in den stürmischesten und dunkelsten Nächten wurden seine Dienste allzu oft in Anspruch genommen. Er war aber ein kräftiger und entschlossener Mann, und was er einmal als Pflicht übernommen, erfüllte er gewissenhaft und mit heiterem Sinn."

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