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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-17 · Heft 12 (17.3.1868) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 12 (17.3.1868)
Date
1868-03-17
Page
Seite 240 (sequence 18)
Language
German
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240 wieder zu nähern, die bereits mit ihm abgeschlossen, ist keine gute That. Doch darum durfte ich mich jetzt nicht kümmern. Näher lag mir die Frage, wie sollte ich verfahren? Diese mußte nunmehr schnell entschieden werden, da ich mich bereits dem Dörfchen genähert hatte. Ich hatte keine Ahnung, mit was für Leuten ich zu thun haben würde. War es geschickt oder ungeschickt, wenn ich sofort Name, Stand, Zweck und Vollmachtgeber nennen möchte? Würden sie mich dann nicht sofort nach Hause schicken? Mit welchem Vorwände aber sollte ich in ihr Haus treten? Mein Auge sah schnell nach dem Himmel hin, aber das azurblaue Gewölbe wollte mir nicht den Gefallen thun, plötzlich ein Gewitter oder einen Platzregen zu senden, vor dem ich mich in die erste beste Hütte, d. h. in die ihrige flüchten könnte, und der so lange andauere, um eine fruchtbringende Bekanntschaft anzuknüpfen. Aber es stand ja schon klar vor meiner Seele, daß ich mich in keine List und keine Lüge, in keinen falschen Vorwand und keine Verstellung einlassen wollte; nicht meines Amtes wegen, sondern weil ich dergleichen hasse und völlig unfähig dazu bin. Ich mache mir daraus kein Verdienst, die Natur, das ist die Hand Gottes, hat mich einmal so angelegt, und ich habe diese Anlage niemals verdrehen und verwirren können und wollen. Schon in meiner Kindheit, wenn ich mir durch eine Nothlüge aus einer Verlegenheit helfen wollte, verzog sich unwillkürlich wein Gesicht dabei so ins Lachen, daß man mir mein Vorhaben rasch davon ablas. Ich schüttelte daher alle Bedenken von mir ab, und war mit mir einverstanden, nur im Gewände der Wahrheit vor die armen Wesen zu treten, denen ich wider ihren Willen Hülfe bringen sollte. Im Einzelnen sollte mich der Eindruck ihrer Erscheinung leiten. Ich hatte die Dorfstraße betreten, blickte mich um, und gewahrte links das zweite Häuschen — armselig, ach wie armselig! Dahin lenkte ich meine Schritte. Das Häuschen mit dem verwitterten Strohdach zeigte von der Vorderseite nichts als eine schlechte Thüre und zwei kleine Fensterchen mit blinden Scheiben; hinter demselben war ein kleiner Garten mit einigen spärlichen Sträuchern, von einem verfallenen Zaun umgeben. Ich öffnete die Thüre und stand in einer schmalen Flur, an deren anderem Ende eine Art Küchenraum war, neben welchem ein Fenster nach dem Garten ging und die Flur nothdürftig erhellte. Eine Seitenthüre führte in die Stube, welche den ganzen übrigen Raum des Hauses einnehmen mußte. Beim ersten Blicke, den ich hineinwarf, glaubte ich Niemanden in der Flur zu sehen und trat aus die Stubenthüre zu. Da erhob sich schnell iw Hintergründe eine Gestalt und machte eine abwehrende Geberde. Jetzt erst bemerkte ich, daß am Ende der Flur rechts eine Oeffnung sich befand, welche wahrscheinlich in den Ofen der Stube führte, und das Mädchen, das ich erblickte, hatte vor dieser Ofenöffnung gekauert, um das Feuer darin anzufachen. „Ich bitte, mein Herr," sprach sie rasch mit einer wohlklingenden Stimme, die ebenso wie die Worte mir verriethen, daß die Sprecherin nicht ohne eine gewisse Bildung sein könne, „ich bitte, öffnen Sie Die Thüre nicht; meine Mutter schläft ein wenig, und sie ist des Schlafes sehr bedürftig, da er ihr so selten zugute kömmt." Ich sah das Mädchen an; sie war von mittlerer und kräftiger Gestalt, wie sie sich bei den Kindern des Landes und des Waldes gewöhnlich ausbildet, da sie von Jugend an stets in der frischen Luft und im Kampfe mit den verschiedenen Elementen sich bewegen und frühzeitig zu härteren körperlichen Arbeiten greifen müssen. Dennoch war ihre Gestalt schlank, ebenmäßig und trug einen edel geformten Kopf, dessen Antlitz, eben von der Anstrengung etwas geröthet, schön erschien. Aber es giebt eine Schönheit, die weniger Ueberraschung und Bewunderung erweckt, als innige Theilnahme, Mitgefühl, ich möchte sagen Wehmuch. Es ist, als ob unbewußt unserer Seele das Gefühl sich aufdränge, die Schönheit dieser Züge stammt aus einer höheren Sphäre und ist in den groben Kampf des Lebens hineingeschleudert, in welchem sie vergebens gegen die Zerstörung anringt. „Sähest du nie die Schönheit im Augenblicke des Leidens, Niemals hast du die Schönheit gesehn." Von solcher Schönheit war dieses kummervolle Antlitz, in welches Entbehrung, Sorge, Angst ihre Furchen eingegraben, ihre Schatten gesenkt hatten; die matten und doch ein so tiefes Leben verrathenden Augen, der kleine, etwas bleiche und fast zitternde Mund gaben zu erkennen, wie viel sie zu erzählen hätten von Schrecken und Trübsal, wenn man ihnen ihre Geschichte abfragen und sie dieselbe berichten wollten. Ich erwiederte: „Ist denn Ihre Frau Mutter krank?" „Sie ist leidend, aber zugleich an den Gliedern gelähmt, so daß sie das Bett nur mit großer Anstrengung und mit Hüsfe verlassen kann." „Das ist ein schweres Leiden, aber ebenso schwer für die, welche zur Wartung der theuren Kranken berufen sind." Dem Mädchen entfuhr ein Seufzer, und sie blickte mich ernst an, als ob sie aus meinen Worten, oder doch aus meiner Stimme eine innige Theilnahme herausgehört hätte. Sie sprach aber alsbald: „Sie müssen daher entschuldigen, mein Herr, wenn ich Sie nicht in die Stube zu treten bitten darf, sondern Sie ersuchen muß, hier in dieser ärmlichen Flur zu bleiben. Treten Sie etwas näher an den Ofen, damit es Ihnen nicht zu kalt sei." In dem ganzen Raume befand sich nur ein hölzerner Schemel ohne Lehne, und das Mädchen rückte diesen schnell an die Ofenöffnung, und ihre Geberde lud mich ein, mich zu setzen. Sie hatte sich aber geirrt, wenn sie glaubte, daß außer dem Rauch auch noch Wärme aus dem Ofenloche herausdringe. Ich bückte mich etwas und sah hinein; das war freilich ein Feuer, das kaum den

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