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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-17 · Heft 12 (17.3.1868) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 12 (17.3.1868)
Date
1868-03-17
Page
Seite 239 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. FeuiUeton-Leilage )>, Nr. 12. Leipzig, den 17. März 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Zweite Erzählung. (Fortsetzung.) 3. In der folgenden Nacht hatte der Wind umgeschlagen, d. h. wie die jetzigen Wetterkundigen sagen, die kalte Luftströmung von Norden her hatte die wärmere feuchte von Westen überwunden. Der Nordwind war über Mitternacht bis zum Sturme angeschwollen, hatte den Himmel von Wolken reingefegt und die von Regen getränkte und überschwemmte Erde mit Frost überzogen. Als ich am Vormittag weine Wanderung nach Neudorf antrat, blies der Wind noch immer eisig über die Ebene, und ob auch die Sonne golden von dem krystallklaren Himmel herabschaute, schnitt doch die Lust scharf ins Gesicht, und dabei war der gefrorne Landweg schwer zu begehen, weil Schlamm, Koth und die vielfach durchschnittenen Geleise in ihrer jetzigen Gestalt einen unebenen, beschwerlichen Pfad abgaben. Es war Licht ohne Wärme, Glanz ohne Gehalt, gleich jenem trügerischen Scheine, den viele Menschen um sich zu breiten suchen, während Herz und Schultern von der Bürde erdrückt werden, die sie um dieses Scheines willen zu tragen haben. Erst als ich in die Nähe des Waldes kam, an dessen Saume die Landstraße sich hinzieht, war ich vor dem Winde geschützt, der rasche Gang erwärmte mich, und ich konnte mich mehr meinen Gedanken überlassen. Die Frage hatte micht lebhaft beschäftigt, ja beunruhigt, wie ich mich bei jenen armen Frauen einzuführen und wie zu benehmen hätte, um den Zweck meines Ganges zu erreichen. Ich wußte von ihnen noch gar nichts. Aber was wußte ich denn von dem Manne, der mich zu seinem Boten verwandte? Ich mußte mich selbst belächeln, denn es kam mir ein, daß ich nicht einmal nach seinem Namen gefragt. Kehre ich zurück und es hätte ihm unterdeß beliebt, aus jenem Hause zu verschwinden, so wäre die ganze Sache für mich vorüber. . Nun, das hätte mir nicht einmal mißfallen, und ich nahm mir vor, wenn dies geschähe, keine Frage an die schmutzigen und widerwärtigen Bewohner des verfallenen Hauses zu richten. So viel war mir klar, daß ich mit einem leidenschaftlichen, wohl auch gewaltthätigen Manne zu schaffen habe. Solche sind unter meinen Glaubensgenossen selten. Diese haben sich viel zu sehr beherrschen gelernt, und nehmen ungern Schaden ein, wozu vor Allem nothwendig ist, Anderen keinen zuzufügen. Aber etliche dieser Art habe ich doch schon gekannt; sie waren ans den Grenzdistrikten, wo das Landvolk verwildert ist, und unter ihm auch die wenigen zerstreuten Juden. Da mochte wein Mann wohl her sein. In etwas hatte er sich mir doch verrathen; ihm drückte ein schweres Geheimniß das Herz wund, und er glaubte sich davon zu befreien, wenn er es einem Anderen in den Busen schüttete. Darin mußte auch ein sehr dunkler Fleck sein, denn trotz seiner geschickten Ausrede konnte es nicht ohne Gefahr sein, einen Mitwisser zu haben. Und dann wollte er ja gern eine Buße tragen, wenn er dadurch von der Sünde abfolvirt würde. Was war dies aber? Da konnte Nichts mehr ergründet werden . . . Jene Frauen hatten seine Gaben trotz großer Noth und Bedürfniß abgewiesen, völlig und für immer abgewiesen. Warum? weilerein Jude? Nein, denn sie hatten sie früher angenommen; ja er hatte Verpflichtungen gegen sie; sie mußten ihm also früher Gutes erwiesen haben. Sondern, weil er dem Mädchen seine Liebe gestanden und wahrscheinlich um sie geworben hatte. Nach diesem Geständniß wollten sie ihm durch Annahme seiner Unterstützungen keine Rechte mehr einräumen. Dies zeugt von einem feinen Sinn und ebenso von Entschiedenheit, denn die höchste Noth war nun über sie hereingebrochen. Nun sollte ich diese Geschenke überbringen. Wie ich damit fertig würde, war mir überlassen. In seiner knappen Redeweise hatte er mir nicht einmal verboten, daß ich sage, von wem sie kommen. Das heißt doch soviel wieder, als solle ich es gestehen. Dann scheint es, als ob er sich durch mich da wieder einführen lassen wolle, wo er hinausgewiesen worden. Das war eine eigenthümliche Rolle, die ich mir hatte aufbürden lassen. Hatte ich Recht daran gethau? Nach dem äußeren Scheine allerdings. Denn ich beruhigte damit den schon vom Fieber genug geschüttelten Kranken und half dem Elend der armen Frauen ab. Bei Erwägung eines tieferen Grundes wurde es zweideutiger. Denn den Versucher und Widersacher denen

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