Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1868)
- Date
- 1868-03-10
- Page
- Seite 221 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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221 liches Schwelgen geloben? so feierlich geloben wie vor Gott? ..." „Das ist es eben, was ich Ihnen bemerken wollte, bevor Sie weiter gehen. Was dem katholischen Priester seine Kirche ausdrücklich als heilige Pflicht auferlegt, das unverbrüchliche Schweigen über das, was er in der Beichte gehört, das legt mir mein Gewissen und die Pflicht meines Amtes ebenso heilig, ebenso unantastbar auf über Alles, was mir Jemand mittheilt, der mich um Rath und Hülfe anspricht. Ich nehme nicht gern Geheimnisse entgegen, sie sind mir eine Last; kann ich es aber nicht vermeiden, so sind sie mir immer das Eigenthum Anderer, über das ich nicht verfügen darf. Dennoch aber nur unter einer Bedingung, daß nämlich das Geheimniß nicht Etwas enthalte, was anzuzeigen mir das Gesetz des Staates zur Pflicht macht, ein Verbrechen, das vor den Behörden zu verschweigen selbst ein Verbrechen gegen die bürgerliche Gesellschaft ist. Dies bedenken Sie, bevor Sie beginnen." Dieser letzte Satz traf augenscheinlich meinen Zuhörer wie ein gewaltiger Schlag. Sein Gesicht nahm den Ausdruck des Zornes an, seine Faust ballte sich; mit einem Schrei fuhr er in die Höhe und rief: „Der Teufel hole Euch Pfaffen allesammt! So wollen Sie mich nur in eine Schlinge fallen lasten! Wenn ich Ihnen nun Nichts sage, so meinen Sie, ich habe ein Verbrechen begangen — nein, nein, da setze ich mich Ihrem zarten Bedenken, Ihren spitzfindigen Gewissensfragen nicht aus — denn wer bürgt mir dafür, daß Sie, was vielleicht an sich ganz recht war, Nothwehr oder dergleichen, in Ihren Gedanken bald so, bald so hin wälzen, daß es Ihnen eine Pflicht scheint, hinzugehen und den Verräther zu spielen. Ich danke, ich will Ihnen keine Beschwerden machen. Bleiben Sie mir mit Ihren schönen Redensarten vom Halse." Er warf sich auf's Bett zurück und drehte sich nach der Wand um. Ich saß still und überließ ihn seinen Gedanken. Er hatte noch nicht gesagt: „Gehen Sie!" und so glaubte ich noch nicht das Recht zu haben, forrzugehen und nicht wieder zu kommen. Nach einiger Zeit wandte er sich wieder zu mir. Er hatte sich beruhigt, und eine freundliche Milde breitete sich über das harte Gesicht und verschönte daffelbe, wie die goldene Sonne selbst die Kanten der Felsen in weicheren Conturen erscheinen läßt. Er blickte mich freundlich an und sprach: „Sie haben mir wiederholt Ihre Dienste angeboten. Das thun freilich Viele, und wenn es darauf ankommt, lasten sie Einen im Stich. Das glaube ich nun von Ihnen nicht, und darum will ich mir von Ihnen einen Dienst erbitten, der mir viel, der mir Alles werth ist. Ich will mich kurz fassen. In Neudorf, wissen Sie, in dem Dörfchen eine Stunde von der Stadt am Rande des Waldes, wenn Sie auf die Dorfstraße kommen, links das zweite Haus, eine armselige Hütte, da wohnt die Wittwe des Försters Poll. Sie ist arm, sehr arm, und krank; ein großer Schreck hat ihr die Glieder gelähmt und sie kann das Lager nicht mehr verlassen. Bei ihr ist ihre Tochter, ihr einziges Kind, ein Engel an Leib und Seele — sie ist es, daß ich es Ihnen sage, die ich liebe, wie ich nicht glaube, daß jemals ein Mann ein Weib geliebt hat, das Feuer verzehrt mich, diese Liebe ist mein Fieber — vielleicht mein Tod. Doch schweigen wir davon. Sie werden sie sehen, und es gerechtfertigt finden. Nun, die Leute sind ganz verlassen, der bittersten Noch anheimgefallen, denn Wilhelmine kann die Mutter nicht verlassen, um etwas zu verdienen. Ich habe die Frauen unterstützt, denn ich habe große Verpflichtungen gegen sie. Sie nahmen meine Gaben ungern an, aber die Noch zwang sie. Seitdem ich aber vor zwei Wochen der Tochter meine Liebe gestanden, denn ich vermochte sie nicht mehr zu verbergen, wollen sie durchaus nichts mehr von mir annehmen. Ha, es hat mich rasend gemacht; Tage und Nächte hindurch irrte ich im Walde umher, ohne an Speise und Schlaf zu denken, bis das Fieber über mich kam und mich niederwarf. Nun, die Sorge um die beiden Frauen läßt mich nicht ruhen; ich kann nicht genesen, bevor ich hierüber nicht ohne Sorge bin. Sie sollen mir helfen. Sie sind so sanft, und doch so klug; Sie werden den Weg finden, auf welchem die Unterstützung ihnen beizubriugen ist. Sie dürfen es mir nicht verweigern; es ist eine That, die Ihnen Gott lohnen wird — hier, hier haben Sie Geld — geben Sie es Ihnen auf ein Mal oder in Theilen, wie Sie es für gut finden. Wenn es zu Ende ist, gebe ich Ihnen mehr. Was soll mir das elende Metall, wenn Wilhelmine hungert . . . hier, hier haben Sie es und gehen Sie. .." Mit zitternden Händen, in steigender Aufregung hatte er unter der Decke eine schmutzige Ledertasche hervorgeholt, sie geöffnet und einen Funfzigthalerschein herausgenommen, den er mir entgegenstreckte. „Das wird für lange ausreichen, denn sie brauchen wenig." Er verbarg die Tasche wieder unter die Kissen seines Lagers. „Ich will es thun, will es versuchen," erwiderte ich und nahm den Geldschein. „Ich werde wiederkommen und Ihnen meinen Erfolg mittheilen. Aber noch eine Frage: fürchten Sie nicht, in diesem Hause so viel Geld bei sich zu haben?" „Nein, ich habe hier nichts zu fürchten. Diese Leute mögen Gauner sein, aber sie sind es nur gegen Andere, gegen Niemand, der ihr Haus betritt. Wehe ihnen, wenn sie es anders treiben! Uebrigens bin ich nicht schutzlos." Er schlug seine Decke etwas zurück, und ich erblickte zwei Revolvers. Der Mann sah danach aus, ihren Gebrauch zu verstehen. „So gehen Sie, und Gott segne Sie, und bringen Sie mir bald Nachricht!" (Fortsetzung folgt.)