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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-10 · Heft 11 (10.3.1868) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 11 (10.3.1868)
Date
1868-03-10
Page
Seite 220 (sequence 18)
Language
German
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220 und absolvirt mich dann von meiner Sünde. Danach verlange ich." „Und meinen Sie wirklich, antwortete ich ihm mit hartem Tone, daß Sie sich dann frei fühlen werden, und Ihre Schuld auf immer aus Ihrer Seele geschwunden fein wird? Meinen Sie, daß nicht, was Sie doch nur als Formalität durchmachen, bald seine Kraft auf Sie wieder verlieren, das Fieber Ihrer Seele wieder zurückkehren, die Qual Ihrer Schuld wieder so lebhaft wie zuvor werden wird, nur vermehrt und unerträglicher gemacht, durch die Sünde, die sie der alten hinzugefügt haben? Täuschen Sie sich nicht, Sie sind viel zu viel Jude, um an die Gewalt des Priesters, seines Wortes und seiner Ceremonie lange glauben zu können. Dazu muß man in diesem Glauben geboren und erzogen sein und niemals über die Mauer hinweggesehen haben, welche er um den Verstand des Menschen zieht und der er nicht entbehren kann, wenn er bestehen und in dem Maße wirken soll, wie Sie es wünschen. Der Glaube, Freund, ist kein Ding, das sich auf Verlangen einstellt, und der Zweifel des Verstandes läßt sich ebenso wenig wie das Gedächtniß der Vergangenheit durch Wunsch und Willen verscheuchen. Gerade umgekehrt, je mehr Einer diese unterdrücken will, desto gewaltiger, unüberwindlicher erheben sie sich, daß der gemachte, erzwungene Glaube davor zersplittert wie das Glas im Froste beim ersten Stoß!" „O, Sie sind ein schrecklicher Mensch, ohne Bedauern . .." murmelte der Kranke hervor und stöhnte. „Dann war, Mann, Ihr Vater oder Ihr Lehrer oder wer es war, der Sie nach Ihrem ersten Vergehen warnte und strafte, und all' Ihre Entschuldigungen und Rechtfertigungen verwarf, auch ein gefühlloser, grausamer Mensch; dann ist der Arzt, der Ihre scheinbare Genesung nicht gelten läßt, weil sie nur einen schrecklicheren Ausbruch verhüllt, der die trügerische Haut von der Eiterbeule hinwegreißt und tief einschneidet, weil sie sonst die Quelle des Todes wird, auch ein gefühlloser, tyrannischer Mensch ... Sie wissen ja, daß kein Rausch ein dauernder ist, und die angenehmen Bilder, die er dem Trunkenen herbeiführt, schnell verschwinden und dem Gefühle der Schwäche und des Ekels Platz machen ... Doch ich habe noch Ihre Frage zu beantworten. Nein! kein Mensch, und wäre er mit dem höchsten Wissen ausgerüstet, kein Mensch, und wäre es der reinste und heiligste von den Staubgeborcnen, kann, nach der Lehre ves Judenthmns, die Sünde vergeben. Und warum nicht? Weil sein Auge nicht in die Tiefe der Seele, nicht der eigenen, um wie viel weniger eines anderen Menschen hineindringen und sehen kann, was darin vor ging und was darin vorgeht. Wie will er es wagen, zu sprechen: jetzt bist du rein geworden, deine Seele hat sich durchgerungen, sie hat gesiegt, es ist nichts Unlauteres, nichts Sündiges mehr in ihr, lauter ward sie wie durchsichtiger Krystall, und darum ist ihr die Sünde vergeben! Nein, dies hat sich Gott Vorbehalten, der das Herz und die Nieren prüft, und dessen Auge in die geheimsten Falten unserer Seele dringt. Sehen Sie, unsre heilige Religion lehrt nicht: die Sünde kann nicht vergeben werden, sie sagt vielmehr: jede Sünde kann vergeben werden — was du vor Gott gefehlt, was du gegen Menschen gefrevelt, was du gegen dich selbst vergangen: es kann vergeben werden . .. Und wodurch? Nicht durch das bloße Wort des Bekenntnisses, nicht durch Uebung einer Ceremonie, nicht durch den Ausspruch eines Menschen — sondern nur durch den Sünder selbst. Kam die Reue in deine Brust und kehrte sie gänzlich um, und brachte das Inwendigste und Unterste zu Tage, daß das brennende Licht der Erkenntniß darauf siel, und die Gluth des Bewußtseins jeden Flecken, jeden Schmutz, alle Unreinheit der Sünde verzehrte, und du bekennst dann zitternd deine Schuld vor Gott, deine ganze, volle Schuld, ohne Hinterhalt, ohne Verdeckung, und in dir erhebt sich dann der unwiderstehliche Drang, gut zu machen, was du verübt, dem für immer zu entsagen, was dir durch die Sünde geworden, was du in ihr erstrebtest und erstrebst, und ein Leben voll guter Werke, voll Thaten des Rechts und der Liebe zu wandeln, und du führst dies aus mit voller Entsagung, mit aller Aufopferung und Hingebung — dann ruft dir dein Gott vom Himmel her: dir ward vergeben! Kein Mensch braucht es zu sagen, du vernimmst die Stimme deines Gottes innen in deiner Brust, in der Stille der Nacht, im Frieden, der dich durchhaucht, im süßen Schlummer, der sich auf deine Lider senkt..." Der Kranke hatte mir aufmerksam zugehört; seine Blicke lasen mir die Worte von den Lippen ab. Nach einer Pause sprach er bewegt: „Das ist schön, sehr schön — aber wie dahin gelangen? ... Was hilft's dem, der in dunkler Sturmnacht sich im Walde verirrte, daß er nicht aus noch ein weiß, und der Hunger quält ihn und der Durst, und seine Füße wollen ihn nicht weiter tragen, was hilft es, zu dem zu sprechen: wenn du durch den weiten Wald gekommen und dort über die Berge geklettert und dann wieder hinunter über das Gerölle gelangt bist, dann wirst du eine Stätte finden, wo du Speise und Trank erhältst und ruhen kannst ... Wer will den Verirrten dahin führen? Gut, seien Sie mein Führer . . ich habe Vertrauen zu Ihnen . . . und gescheidt sind Sie, das Hab' ich wohl bemerkt, Sie treffen ohne lange Reden immer den Baum an die rechte Stelle, und jeder Hieb sitzt.. „Ihr Führer? Wenn ich es vermöchte, wohl — dazu gehört aber mehr Licht —" „Ich verstehe Sie. Nun, ich will Ihnen meine Geheimnisse eröffnen; ich will meine Seele vor Ihnen ausschütten; danach verlange ich ja, wie ein Durstender nach einem frischen Trunk ... ach, ich bin in eine solche Fluch von Fragen, Zweifeln und folternden Gedanken gerathen, daß ich umhertappe wie ein Trunkener, ich, der ich sonst so entschieden, so entschlossen, so stürmisch mar . . . Aber können Sie mir auch ein unverbrüch-

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