Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1868)
- Date
- 1868-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthums. Feuilleton-Eeilage M Ar. 11. Leipzig, den 10. März 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Zweite Erzählung. Fortsetzung.) 2. Am anderen Tage zur selben Stunde begab ich mich wieder nach der Vorstadt. Es war sehr dunkel, und das schwarze Bahrtuch des Himmels war von keinem Sterne unterbrochen, mit keinem funkelnden Weltkörper geschmückt. Aber ich kannte nun schon meinen Weg, und ging ohne zu rtrett und ohne zu fragen zum Ziele. Unbewußt wachte der Gedanke in mir auf: solche Nacht ist um die Person und den ganzen Vorgang gebreitet, zu denen ich unfreiwillig gekommen; auch da ist mir noch keine Leuchte gezündet, aber auch der Pfad ist mir noch unbekannt, den ich da zu beschreiten haben werde. Dennoch war mir nicht bange; denn es verband sich mir das Gefühl der Pflicht mit dem bestimmtesten Vorsatz, derselben nach Kräften zu genügen, aber auch nicht um einen Schritt weiter zu gehen. Mitgefühl, ja selbst Mitleid sollte mich nicht zur Schwäche hinreißen, irgend einem Ansinnen nachzugeben, dessen Zweck und Bedeutung mir nicht klar vor die Augen treten würden. Aber selbst an diesen Erwägungen merkte ich, daß mir bereits ein lebhaftes Interesse eingeflößt war, welches meine Schritte beflügelte. Es war Alles wie gestern, nur daß ich nicht erst in die schmutzige Küche zu treten brauchte, sondern geradezu die alte Treppe hinaufstolperte. Der Mann hatte meine Schritte gehört, und rief mir entgegen: „Sind Sie da, Herr Doktor? Sie sind pünktlich." Ich setzte mich wieder auf den Schemel zu Füßen des Lagers. Der Mann sah sehr bleich aus. Ich fragte ihn, ob er eine unruhige Nacht gehabt, und wie es den Tag über gegangen? Er antwortete, daß die Nacht sehr unruhig gewesen, daß er erst gegen Morgen ein wenig geschlummert und das Fieber ihn auch in den Schlaf hinein mit schweren Träumen verfolgt habe. Aber wie mit einer wilden, oder doch trotzigen Geberde schüttelte er Haupt und Schultern, als ob er Alles hinwegscheuchen wollte, was ihn quälte, und sprach: „Was thut's? bin ich's nicht schon lange gewohnt? Was man immer trägt, fühlt man kaum noch, wie der Sechszehnender das schwere Geweih, das ihm seit seiner Jugend aus dem Kopf gewachsen." Da schüttelte nunmehr ich den Kopf, und sagte: „Es giebt Leiden, an die wir uns nie gewöhnen, die uns zu keiner Ruhe kommen lassen, Gewissensqualen zum Beispiel." Der Mann schwieg uud blickte mich betroffen an; dann drehte er den Kopf nach der Seite, schlug die Augen nieder und hob mit leiserer, aber dumpfer Stimme an: „Sagen Sie, Herr Doktor, Sie sind ein weiser Mann, Sie haben alle unsere heiligen Bücher studirt, und deren giebt's sehr viele, ich sah es einmal bei einem Rabbiner, einem sehr gelehrten Mann. Sie müssen mehr wissen, als wir unwissende Menschen; Sie sind den Geheimnissen auf den Grund gegangen, von denen ich hier und da habe sprechen hören, und die den gewöhnlichen Juden verborgen bleiben. Sagen Sie, ein Rabbi, der mit solchem Wissen ausgerüstet ist, kann der wirklich nicht einem Menschen, der eine große Sünde begangen, wenn dieser sie ihm bekannt hat, die Schuld vergeben und ihn davon frei machen, daß er wie ein neugeborener Mensch aufstebt und frisch und frei wieder in das Leben treten kann?" Indem der Kranke diese Worte sprach, hörte ich ihm die große Kraftanstrengung an, die sie ihm zu sprechen kosteten, und vernahm den schweren, aber unterdrückten Seufzer, der ihnen folgte. Jetzt wußte ich schon mehr, wen ich vor mir habe. Kränker als sein Leib war die Seele dieses Menschen und er suchte und suchte nach einem Arzte. Die Nacht war viel finsterer geworden und ich selbst mußte meinen Fuß sehr in Acht nehmen, daß ich in diesem unbekannten, steinigen Felde nicht strauchele. Ich fragte daher vorsichtig: „Und warum fragen Sie mich so?" Er fuhr auf: „Nun, weil ich eine Antwort will, eine bestimmte Antwort! Und lassen Sie es mich gleich sagen: darum will ich katholisch werden. Ich sagte es Ihnen ja gestern schon, aber Sie achteten nicht darauf. Wenn Sie mir meine Frage nicht bejahen können, so will ich am liebsten katholisch werden. Da hört der Priester die Beichte, legt mir irgend eine Buße auf,