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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-10 · Heft 11 (10.3.1868) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 11 (10.3.1868)
Date
1868-03-10
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 u. s. w. bis auf das englische Recht, sowie mit den Philosophen und Naturforschern des Alterthums für nothwendig, um die Speculationen und Schlüsse des Tal muds nicht als isolirte Produkte zu betrachten, und dann sich nach seinem Ursprungslande, nach Palästina zu versetzen. Zunächst beginnt der Vers, mit der Frage nach dem Ursprung des Talmuds, über welchen er aber nichts zu sagen weiß, als daß er gleichzeitig mit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft sei, in welcher aus uns unbekannten Motiven eine so gänzliche geistige Veränderung mit dem jüdischen Volke vor sich gegangen, indem dessen Leben sich auf die Schriften und die Geschichte der Väter koncentrirte. Daraus entsprang der Midrasch, der aus seiner allgemeinen Bedeutung ebenso wie das Wort Talmud zu einem speciellen Schriftwerke verdichtet ward. Hierauf charakterisirt der Vers, die beiden Strömungen der Halacha und Hagada und zeigt, wie diese bereits in der heil. Schrift vorhanden waren, und nachdem er kurz auf die Trennung in Mischna und Gcmara hingewiesen, geht er näher auf das Wesen der talmudischen Tradition ein. In fast allen bedeutenden Legislaturen zeigt sich der Uebergang von einem schriftlichen Grundgesetz zu einer späteren außerordentlichen Entwickeluung vermittels mündlich überlieferter Erklärungen, Ausführungen und Erweiterungen. Der große Unterschied der jüdischen Tradition von der aller anderen Völker ist aber, daß bei den letzteren immer eine gesetzgebende Instanz, sei sie absolutistisch oder konstitutionell, vorhanden gewesen, deren Ausspruch eben ein neues Gesetz war, während bei dem jüdischen Volke keine Autorität bestand, um ein neues Gesetz zu ertheilen, sondern alles aus dein Geiste und dem Buchstaben des Schriftgesetzes entwickelt, darauf zurückgeführt und gestützt werden mußte. Dadurch wurde der für immer neue Verhältnisse nothwendige gesetzgeberische Prozeß auf dem Gebiete des Judenthums ein ganz eigenthümlicher, und prägte dem ganzen talmudischen Gesetze seinen eigenartigen Charakter auf. Herr Deutsch verfolgt nun die Geschichte der Tradition und ihrer Träger von Esra au, läßt sich über das Sanhedrin und die verschiedenen Schulen aus, die er nach der bekannten Weise durch Anführung ihrer Hauptsentenzen charakterisirt. Es geschieht dies Alles jedoch nur flüchtig, wenn auch für den allgemeinen Leserkreis verständlich. So wirft hier der Verf. auch einen Blick auf das Verhältniß des Christenthums zum Talmud, und der Freimuth, mit welchem er hier die christlichen Vorurtheile durch den Nachweis aufdeckt, daß mit Aisuähme der christlichen Glaubenssätze, Inhalt und Ausdrucksweise des neuen Testaments und des Christenthums überhaupt dem Talmud in seiner damaligen Periode, die vorzugsweise durch Hillel und seine Schule eingenommen wird, entflossen seien, mußte in England allerdings großen Eindruck machen. Nach dieser Abschweifung behandelt er nunmehr die Mischna selbst, führt deren sechs Abtheilungen auf, und vergleicht sie mit den Pandekten, die sie in verschiedenen Punkten weit übertrifft. In interessanter Weise giebt der Verf. eine Charakteristik des Inhalts der Mischna, stellt ihren humanen Charakter ins Licht, namentlich innerhalb des Strafrechtes, in welchem fil sich vor allen übrigen Gesetzgebungen der alten und selbst neuen Zeit vortheilhaft unterscheidet, das Im talionis verwirft und die Todesstrafe beinah abschafft. Die Mischna wurde nun, wie für sie die heil. Schrift gewesen, die Basis für eine weitere Entwickelung und Diskussion, woraus die beiden Gcmaras, die jerusalemitische (richtiger palästinensische) und die babylonische, entstanden. Der Verf. geht über diese sehr schnell hinweg und setzt nur Einiges über die Sprache der Mischna und der Gemara auseinander, um sich der Hagada zuzuwenden. Er laßt diese aus dem eigenthümlichen orientalischen Geiste entspringen, der eine leidenschaftliche Liebe für weise und witzige Sprüche, für Geschichten und Erzählungen, für Parabeln und Fabeln besitzt. Mit ihnen unterbricht er den Gang seiner Gedanken, um sie in einen neuen Fluß zu bringen; sie bilden das Spielzeug der erwachsenen Kinder des Orients. Die Hagada hat die heil. Schrift in tausend Themata getheilt und ebensoviel Variationen darauf gemacht. Die Personen in der Bibel — die Könige und die Patriarchen, die Helden und die Propheten, die Frauen und die Kinder, was sie thaten und litten, ihr Glück und ihr Leid, ihre Worte und ihr Leben — sie wurden, abgesehen von ihrer vorausgesetzten historischen Wirklichkeit, zu einem Symbol und einer Allegorie. Und was die Erzählung ausließ, das ergänzte die Haggada in vielen Variationen. Sie füllte jene Lücken aus wie ein Prophet, der in die Vergangenheit sieht, es gethan haben möchte; sie erklärte die Motive; sie erweiterte die Geschichte, sie fand Beziehungen zwischen den entferntesten Ländern, Zeiten und Völkern, oft mit einem erstaunlichen Realismus; sie zog erhabene Moralsprüche ans den allergewöhnlichsten Fakten. Und doch that sie alles dies mit schnellen und plötzlichen, uns ganz fremden Wendungen; und daher kommt auch das häufige

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