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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-03 · Heft 10 (3.3.1868) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 10 (3.3.1868)
Date
1868-03-03
Page
Seite 198 (sequence 18)
Language
German
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198 den; er will etwas erreichen, und weiß nicht auf welchem Wege. Ehe ich weiter geh, muß ich die Beweggründe kennen. Mein Nachdenken mußte ihm zu lang scheinen, oder er hatte sich vielleicht meinerseits ein schnelles Auffahren, Aeußerungen der Entrüstung vermuthet, und er stieß daher bald hervor: „Nun? Nun?" „Sie sind krank, es scheint, sehr krank ..." „Und wenn ich es wäre?" „Dann sollten Sie sich doch Ihr Vorhaben um so mehr überlegen; Sie könnten ja schnell vor Ihren göttlichen Richter gerufen werden, und Sie träten dann vor ihn mit einer Handlung, die Ihnen ja selbst noch zweideutig erscheint, sonst hätten Sie mich nicht holen lassen." „Dasselbe Geschwätz von allen Pfaffen!" sprach der Mann vor sich hin, und setzte lauter binzu: „Dasselbe hat mir der katholische Priester gesagt, aber im umgekehrten Sinne, er meinte, darum müßte ich eilen, sehr eilen, die Taufe zu empfangen, denn sonst würde ich in die Hölle fahren und niemals daraus erlöst werden. Aber ich bin nicht krank, nicht sehr krank; ich habe etwas Fieber, doch es wird bald weichen; ich fühle in mir noch genug Lebenskraft" — und dabei schlug er mit der Faust auf die Decke — „Ich will von Eurem Richter nichts wissen, ich will leben und will haben, wonach ich verlange." „Sind Sie arm? oder nur in augenblicklicher Bedrängniß?" „Nein, ich habe was ich brauche; und habe ich es nicht, so weiß ich es zu finden. Ich habe sogar noch genug übrig, um Ihre Dienste zu bezahlen." Dabei streckte sich seine Hand unter die Bettdecke, als ob er da Etwas verborgen hätte, von dessen Dasein er sich unwillkührlich überzeugen wollte. „Ich würde mich freuen, Ihnen Dienste leisten zu können, aber von Belohnung kann niemals die Rede sein. Ich nehme Nichts bezahlt, nie, außer wenn ich eine bestimmte Amtsverrichtung vollziehe. Das merken Sie sich." Nach einigem Stillschweigen hob der Mann wieder an: „Nun, so will ich es Ihnen sagen; ich will Ihnen sagen, was ich dem Priester noch nicht gesagt. Ich will eine Christin heirathen. Ich bin einem Mädchen gut, so gut, daß ich es nicht aushalte, ohne sie zu leben, und daher Alles thun werde, um zu diesem Ziele zu kommen. Da haben Sie es." Bei diesen Worten hatte der Mann seinen Kopf in die Kissen zurückgeworfen und blickte starr nach der Decke; aus seinen fieberhaften Augen schoß ein Feuerstrom von Leidenschaft, und wenn über sein Gesicht ein Schein von Lächeln fliegen wollte, von süßer Befriedigung, so hatte es kaum Zeit, sich bemerkbar zu machen, denn ein wilder Trotz und eine eiserne Entschlossenheit verjagte es schnell. Die Aufklärung, die er mir mit seinen wenigen Worten in seiner harten und geschlossenen Ausdrucksweise gegeben, zeigte mir hier ein so wirres Verhältniß, eine Verknotung, von der ich mich ärgerlich abwandte, um so mehr, als ich dem Manne absah, daß mit ihm nicht viel anzufangen. Doch ich mußte meine Pflicht thun. „Es scheint also," sagte ich ruhig, aber nachdrücklich, „daß Sie entschlossen sind, durch den Uebertritt, durch den Abfall von Ihrer Religion den Eingang in die Ehe zu erzwingen. Es scheint Ihnen nicht in die Seele zu kommen, daß Sie die Heiligung Ihres neuen Bundes durch die Entheiligung des älteren und höheren Bundes erkaufen wollen, ■ daß Sie das Recht auf die Treue durch eine furchtbare Untreue erwerben, daß Sie den Segen Gottes durch eine Lüge und einen Betrug gegen Gott und Menschen erlangen wollen — denn so muß ich ja den Akt, den Sie Vorhaben, bezeichnen, da Sie ihn nur aus solchem Grunde thun wollen. Glauben Sie wirklich, dadurch glücklich zu werden? Und wenn die Leidenschaft Sie jetzt verblendet, fühlen Sie nicht jetzt schon dennoch durch dieselbe hindurch, daß nach kurzem Rausche ein schreckliches Erwachen, nach einem kurzen Glücke eine lange wühlende Reue folgen werde, daß Sie es inne werden, wie Sie kein Band geknüpft, sondern nur Bande gelöst und zerrissen haben. Meinen Sie, daß dieser Gott mit sich spielen läßt? daß er die Schuld vor Ihnen verhüllen werde, in die Sie sich gestürzt? Das Fieber wird zurückkehren, und es wird ein Fieber, viel schrecklicher, viel glühender und viel eisiger sein, als es jetzt in Ihnen ist, und als die Leidenschaft anzufachen vermag." Ich sprach nicht weiter; ich kannte meinen Mann schon, der, wie er knapp in seinen Reden war, so auch knappe entschiedene Antwort wollte; viel Reden würde bei ihm allen Eindruck aufgehoben haben. Ja, das Fierer kehrte schon jetzt zurück und auf eine flammende Röthe folgte Todesblässe und Gliederschütteln. Ich blickte mich im Zimmer um, und da ich nichts Anderes fand, nahm ich meinen Mantel, den ich ausgezogen, und breitete ihn über die dünne Decke und die zitternden Gliedern des Mannes. Es war ein kurzer, wahrscheinlich unbewußter Blick des Dankes, der aus der Seele dieses Mannes durch seine Augen mir entgegenzuckte; der harte Kampf in ihm ließ solchen Bewegungen keinen Raum; mit einer ungeheuren Anstrengung seines eisernen Willens überwand er gleichsam die Macht des Fiebers und nach kurzer Zeit warf er den Mantel zurück, und seine Stimme klang wie zuvor, wenn auch noch etwas heiserer. Ja, er richtete sich mit halbem Leibe auf, als er sagte: „Ihr habt gut reden, ihr Männer des Friedens und Kinder des Glücks! Unser Einer aber, der von Kindesbeinen mit Roth und Drangsal, mit Menschen und Dingen zu kämpfen und immer wieder zu kämpfen hat, der weiß es anders. Was hat mir dieser Gott geholfen? Ich habe mir immer selbst helfen müssen. Was kümmert mich die Zukunft? So weit ich zurücksehe, habe ich Schritt vor Schritt Unruhe und Streit gehabt, und so wird es bleiben bis ans Ende . . ." „Aber es ist ein großer Unterschied zwischen dem Kampf mit den äußeren Dingen und der Verwüstung

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