Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1868)
- Date
- 1868-03-03
- Page
- Seite 197 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zcitimg des Audcnthums. Feuilletott-Seilage M Nr. 10. Leipzig, den 3. März 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Zweite Erzählung. (Fortsetzung.) An dem Bette des Kranken standen zu Häupten und zu Füßen zwei hölzelne Schemel; auf dem zu Häupten befand sich eine Oellampe, deren flackerndes Licht von der Seite her die Gesichtszüge des Mannes theilweife beleuchtete, während sie dem, der auf dem Schemel zu Füßen des Bettes seinen Platz genommen, hell in's Antlitz scheinen mußte. Ich gestehe, daß der Eindruck des in so greller Beleuchtung erkennbaren Angesichtes auf mich ein so gewaltiger war, daß ich niemals ein solches erblickt zu haben glaubte. Hier trat Alles und Nichts hervor; man konnte meinen, alle Altersstufen und alle Leidenschaften hätten ihren Sitz darauf einnehmen wollen, ihn sich erobert und doch wieder einander streitig gemacht. Man sah wohl an der weißen Stirn, an dem reichen Haar, an den Farben des Gesichtes, daß der Mann noch nicht ganz bis zu den Dreißigen gekommen sein mochte, und doch waren schon tiefe Furchen der Stirn, verräterische Falten den Wangen eingegraben, um den geschlossenen Mund zuckte es in beständiger Erregung, und in den tiefliegenden Augen brannte ein unheimliches Feuer, das von wilden, noch nicht erloschenen Leidenschaften sprach. Man meinte zu erkennen, daß böse Geister dieser Seele sich bemächtigt haben, aber dennoch war eine sanfte Wehmuth nicht ganz daraus gewichen, denn sie breitete von Zeit zu Zeit ihre Schatten auf einige Augenblicke noch über dieses Antlitz. Ebenso leuchtete Geist, Intelligenz aus diesem hervor, und doch wußte man bald, daß es ein Geist sei, der sich in sehr engen Grenzen bewegte und welcher Schlauheit besaß, wenn die Leidenschaft ihn nicht blind machte. 'Dieser Mann war sicherlich ein schönes Kind gewesen und er trug in der ebenmäßigen Form der festen Theile dieses Kopfes noch die Spur jenes göttlichen Gepräges; aber jetzt war es eine entstellte Schönheit durch die Verwirrung, die in allen weicheren Formen des Gesichtes vor sich gegangen. So faßte ich den vor mir liegenden Mann bei längerem Beschauen und wiederholter Betrachtung auf; der erste Anblick flößte mir nur Schrecken ein, so wild waren sein Blick und seine Züge, doch ein Schrecken, der zugleich mit schnell erwachtem Interesse verbunden war. Es war eben hier vielleicht viel Gemeines, aber nichts Gewöhnliches enthalten. Doch konnte ich sofort erkennen, daß ein heftiges Fieber diesen Mann in Besitz genommen; brennende Röche mit plötzlichem Erblassen wechselte auf vem Angesicht und unter der dünnen Bettdecke konnte ich gewahren, wie ein Frösteln bisweilen die kräftigen Glieder erzittern machte. „Wer ist da? Wer seid Ihr?" hatte er mich angeredet, und ich nannte ihm Namen und Stand, und daß ich hierhergerufen sei zu einem Kranken, der er doch wohl wäre. „Ja, ja, krank," murmelte er. „Setzen Sie sich hierher." Er winkte mir nach dem Schemel zu Füßen des Bettes. Als ich Platz genommen, schaute er mich prüfend an und auf seinem immerfort bewegten Antlitz zeigte sich eine gewisse Befriedigung. „Wie habe ich Sie denn zu benennen, hob er wieder an, Herr Rabbiner oder wie sich jetzt alle diese Leute nennen, Herr Doctor?" „Wie es Ihnen beliebt, was Ihnen am geläufigsten wäre. Und was wünschen Sie von mir?" Eine kleine Pause; dann zuckte es um seinen Mund, und dann stieß er mit heiserem Tone aus: „Was ich will? Ich will mich taufen lassen, ich will katholisch werden." Ich war wie angedonnert. Der Mann sah die Bewegung auf meinem Gesichte, aber er nahm keine Notiz davon, sondern sah mich unverrückt starr an. „Haben Sie mich rufen lassen, erwiderte ich endlich, daß ich Sie von diesem Schritte zurückhalten möge? daß ich wenigstens dies versuchen soll?" „Immerhin. Warum soll ich es nicht vermeiden, wenn ich es anders vermag? Ich weiß nicht, was Sie mir helfen können, und doch drängte es mich, Sie zuvor zu sprechen. Ich mag doch nicht wegschleichen, wie in heimlicher Nacht, und als hätte ich Furcht vor dem, was man mir sagen könnte." Helfen können, dachte ich, also von dem, was man eine Ueberzeugung nennt, und was in solchen Fällen nur eine krankhafte Erregung der Phantasie und eine verkehrte Gesühlsrichtung sein kann, ist hier nichts vorhan-