Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1868)
- Date
- 1868-03-03
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
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182 und ihnen durchaus keinen priesterlichen Charakter etwa im Sinne des Katholicismns zuzuschreiben. Daß die Rabbinen keine Stelle als „Vermittler zwischen 'Gott und den Menschen" spielen, das scheint ihm eine „heftige Erschütterung des Dogmas vom priesterlichen Charakter." Er findet sogar diese in der Bemerkung eines jüdischen Autors, Israel hätte „ein Volk von Priestern, ein Priester - liches Volk" sein sollen, weiß also nicht, daß dies ein völlig biblischer Ausdruck ist. Einer Widerlegung bedarf dies nicht, denn es weiß dies jedes Kind, und es wird nur dadurch erhärtet, wie sich immer wieder an den Beurtheilern des Judenthums die Unkenntniß des letzteren rächt. Die mosaische Institution der Priesterschaft hat nienmls den christlichen Begriff „Vermittler zwischen Gott und Menschen" gehabt; sie waren die Opfercultusdiener. und Gesetzesinterpreten. Mit dem Falle des Tempels hörte ihre Funktion auf, und es bedarf ihrer nicht einmal zu einem öffentlichen Gottesdienste. Die Rabbiner aber waren seit ihrem Ursprünge niemals Priester. Das moderne Judenthum hatte hierin Nichts zu verändern, weil garnichts zu verändern war. Fragen wir, wieso Herr Michaud hierzu kam? so ist die Antwort leicht. Das Dogma der „Vermittelung" ist im Christenthume unentbehrlich, und es ist bekannt, daß das letztere eine Eigenschaft Christi in seinem „höchsten Priesterthume" findet. Hätte sich das moderne Judenthum von solchem Begriff des Priesterthums entfernt, so hätte es sich noch weiter vom Christenthume entfernt. Der Herr Abbe kann ruhig sein: das Judenthum, hat diesen Begriff nie gehabt. Die beiden Dogmen, welche dem Abbe in der Restauration begriffen scheinen, sind: „die messianische Idee und die Nationalität des jüdischen Volkes." Wieso der Abbe dazu kommt, die messianische Idee als in einer „Restauration" ^begriffen anzusehen, also vorauszusetzen, daß dieselbe in der frühern Zeit in Verfall gerathen gewesen, wissen wir nicht. Er unterscheidet zwischen der Partei, welche den persönlichen Messias glaubt, und derjenigen, welche an ein messianisches Reich, d. h. an eine zukünftige Herrschaft der reinen Gottesidee, des Rechtes und des allgemeinen Friedens glaubt. Könnte nun der Herr Abbö eine Zeit Nachweisen, wo dieser Glaube in der einen oder in der anderen Weise im Judenthume nicht vorhanden gewesen? —Die Wiederbelebung der jüdischen Nationalität findet er in den jüngsten Versuchen Einzelner, jüdische Ackerbauer in Palästina anzusiedeln. Bekanntlich haben diese Versuche noch keine Erfolge gehabt, aber auch nicht einmal einen irgend allgemeineren Anklang im jüdischen Publikum gefunden. Diesen Versuchen kann weder die wirkliche Orthodoxie, noch der moderne Geist im Judenthume zugeneigt sein; es ist lediglich dtt Gedanke einzelner Romantiker, deren wohlgMeiNte Absicht man wohl anerkennen, ihr aber einen Raum im wirklichen Judenthume nicht gewähren kann. Das orthodoxe Judenthum kann die Wiederherstellung den jüdischen Nationalität in Palästina nur durch die Einwirkung des persönlichen Messias begreifen; das moderne Judenthum aber faßt die Mission des jüdischen Stammes in der Gesammtheit der Menschheit auf. Wir sehen also, daß Herr Michaud theils von völliger Unkenntniß, theils davon sich verleiten läßt, daß er den Aeußerungen Einzelner eine Bedeutung für das gesammte Judenthum zuschreibt. Wir machen ihm persönlich dies nicht zum Borwurf, da wir dasselbe Schicksal bei so vielen anderen Beurtheilern des modernen Judenthums bereits erlebt haben. In einer Zeit wie die unsrige, in welcher jeder Einzelne, besonders wenn er die Mittel dazu hat oder findet, seine Ansicht zu äußern und in das allgemeine Publikum zu bringen vermag, können auch die eorruptesten und verkehrtesten Ansichten an das Tageslicht treten und führen Außenstehende bei ihrer Sachunkenntniß leicht vahin, jene für allgemein verbreitete und herrschende anzusehen. Da ist es denn gar nicht schwer, eine Krise, eine Zersetzung oder einen Verfall zu construiren, weil man — sie eben zu finden wünscht. So verworren Herr Michaud also in seinen Ansichten über das gegenwärtige Judenthum ist, so verworren ist er auch in seinen Schlüssen, die er in Nr. III. seines Artikels vorträgt. Aus dem Vorhandensein seiner sechs Parteien zieht er den Schluß auf den Verfall des Judenthums und giebt, freilich nicht mit klaren Worten, den Glauben kund, daß die Juden sich bald unter den Krummstab des christlichen Bischofs flüchten werden. Er drückt dies dadurch aus, daß zwar der Anblick jedes Verfalls von aus der Vergangenheit stammenden Gebäuden etwas Melancholisches habe, aber auch etwas Freudiges, Hoffnung Erweckendes. Worauf steift er seine Hoffnungen? Auf die unläugbare Wohlthätigkeit der Juden, wie sie die Alliance israelile universelle wiederum beweise, so wie das Comitö der Wohlthätigkeit in Paris und auf das jüdische Familienleben, auf dessen Erhaltung die Rabbinen mehr Gewicht und Wirksamkeit legten, als auf die Dogmatik. Ist dies nicht eigen? Sollte nicht Jedermann hierin konkrete Basen für die unerschütterliche Fortdauer des Judenthums erblicken? nicht hierin unzerreißbare Bande,