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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-02-25 · Heft 9 (25.2.1868) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 9 (25.2.1868)
Date
1868-02-25
Page
Seite 178 (sequence 18)
Language
German
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178 später. Was sich also hier als eine fortlaufende Erzählung dem Leser vorstellt, ist aus den einzelnen Bruchstücken, die ich vorfand, aber gewissenhaft zusammengestellt. Um aber den Charakter des Berichtes nicht zu verwischen, laß ich die Person des Erzählers ganz in seiner Weise sprechen. h An einem düsteren Novembertage, der Jedermann mit seinem kalten und feuchten Westwinde, mit seinen Regenschauern und schwerem bleiernen Himmel anfröstelte und unbehaglich stimmte, wurde ich gegen Abend, und dieser hatte seinem älteren Bruder, dem Nachmittag, kaum ein paar Stündchen gegönnt, nach der Vorstadt zu einem Kranken gerufen, der meiner begehrte. Ich kann nicht sagen, daß dieser Ruf mir angenehm war. Denn abgesehen, daß er mich in einer eben angefangenen Arbeit störte, und das Wetter mir zu einem weiteren Ausgange wenig einladend erschien, war auch der Ort, wohin ich beschieden wurde, kein erquicklicher. Diese Vorstadt herbergt, besonders in den Theilen, die von der sie durchschneidenden Hauptstraße abgelegen sind, vieles böse Gesindel, und ich hatte bei meinen Dienstterminen auf dem Criminalgerichte oft genug Gelegenheit zu bemerken, daß die Mehrzahl der gewalttätigen Handlungen und Verbrechen, die hier verhandelt wurden, in der Vorstadt geschähen. Es wohnten da auch nur wenige Mitglieder meiner Gemeinde, und, soviel ich mich entsann, Keiner von ihnen in der Straße, also auch in dem Hause, wohin ich beschieden wurde. Es mußte also ein Fremder sein, der fein Verlangen nach mir ausgesprochen. Jndeß die Pflicht rief, und ich habe es mir zum Gesetz gemacht, jede solche nicht blos unabweislich zu erfüllen, soweit meine Kräfte reichen, sondern ihr auch gern nachzufolgen. Ich habe Menschen gekannt, freilich nur wenige, in welchen die Erfüllung der Pflicht, besonders der Wohlthätigkeit, der Krankenpflege u. s. w. zu einem wahren Enthusiasmus angewachsen war, so daß sie sich um so befriedigter fühlten, je mehr Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten sich damit verbanden, und in welchen schlechtes Wetter, Frost und Widerwärtigkeiten aller Art als Begleiter eines guten Werkes eine wahre Freude erweckten. Dahin habe ich es freilich noch nicht gebracht; aber ich gürte mich doch mit Kraft und Hingebung und unterdrücke sorgfältig jede Unzufriedenheit, die sich unter solchen Umständen einstellen möchte. Ich trat meine Wanderung nach der Vorstadt an, und mußte mich in ein Labyrinth von Seitengassen und Gäßchen versenken, in welchen ich mich durchaus nicht zurecht zu finden wußte, und daher oft die wenigen und nicht gerade unverdächtig aussehenden Personen anzusprechen genöthigt war, welche in den schmutzigen und dunklen Gassen mir entgegenkamen. Sie sahen mich aus meine Fragen immer verwundert an, und musterten mich von Kopf bis zu den Füßen, bevor sie mir antworteten. Es mußte dies wohl der Ton meiner Stimme und weine Ausdrucksweise verursachen, denn meine Kleidung war einfach und konnte selbst an diesem Orte nicht besonders auffallen. Endlich erreichte ich Gasse und Haus, die mir angegeben worden. Es war keine Hütte; vielmehr stach es an Breite und Höhe von den meist einstöckigen Nachbarhäusern ab. Dennoch hatte es das Schicksal derselben getheilt, und erschien im Zustande des Verfalls, wo Thüren und Läden, Fenster und Gebälk verrathen, daß sie seit langer Zeit der nachhelfenden Hand entbehrt hätten, derer sie doch um so mehr bedurften. Ich trat ein, denn die Hausthüre stand offen, und tappte mich durch eine dunkle Flur nach einer Thüre, aus deren Spalten Licht und der Schall laut sprechender Menschen, besonders eines alten keifenden Weibes, quollen. Auf mein Klopfen öffnete sie sich, es ward augenblicklich still, und das alte Weib, das sehr wohl in ein Genrebild gepaßt hätte, so wild un.d vernachlässigt war ihr Aussehen und ihre Kleidung und so charakteristisch ihre Gestalt und ihre Züge, trat mir entgegen. Ich nannte mich und fragte nach dem Kranken, zu welchem ich beschieden sei. „Ja, ja, erwiderte sie, geh der Herr nur die Treppe hinauf und geradezu in die Thüre, die der Treppe gegenüber ist, da liegt der Kranke." Nach diesen Worten schlug sie die Thüre wieder zu, und überließ es mir, mich nach der Treppe und hinauf zu tappen. Alsbald sing drinnen in der Stube der Wortwechsel und das Gezänke wieder an; meine Existenz war vergessen. Nach mancherlei Fehltritten gelangte ich zur Treppe, und da ich deren Zustand mir denken konnte, wandte ich die möglichste Vorsicht an, auf den knarrenden, ausgetretenen und geworfenen Stufen nicht auszugleiten. Doch ich kam oben an, fand die Thüre, öffnete sie und trat ein. Es war ein geräumiges Zimmer in einem Seitengebäude des Hauses, und der erste Blick, den ich in ihm umherwarf, lehrte mich, daß hier jener Zustand obwalte, welcher da zu finden, wo frühere Wohlhabenheit durch spätere Vernachlässigung die Frage aufdrängt, was von beiden wohl gegenwärtig hier seinen Platz habe. Die meisten Möbelstücke waren von besserer Art, wenigstens ihrem Ursprünge nach, dann aber so zerfallen und mit anderen gröberen vermischt, und ebenso das Aussehen des ganzen Zimmers, daß ich den Bewohner desselben nicht für einen dürftigen, aber heruntergekommenen oder doch verwahrlosten Menschen halten mußte. Im Hintergründe des Gemachs stand ein Bett von gleichem, eigentlich besserem und doch sehr vernachlässigtem Aussehen, und auf ihm wandte sich nach meinem Eintritt eine Gestalt uw, und stieß mit wildem, heiserem Tone die Frage aus: „Wer ist da? Wer seid Ihr?" (Fortsetzung folgt.)

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