Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1868)
- Date
- 1868-02-25
- Page
- Seite 177 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Audenthums. Femlleton-Keilage ju Ar. 9. Leipzig, den 25. Februar 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers?) Zweite Erzählung. Wenn ich bisweilen die Denkblätter überblicke, die ich mit meinen Erlebnissen und Erfahrungen, großen und kleinen, wie sie es mir zu verdienen scheinen, anzufüllen mir zur Pflicht gemacht, und die sich in der That von Jahr zu Jahre mehren — so fällt es mir schwer auf das Herz, daß darin des Erfreulichen und Heiteren so Weniges, des Schmerzlichen, ja Düsteren so Vieles sich ausgezeichnet findet. Woher mag dies kommen? Sollte es denn wahr sein, daß des Menschen Leben bei Weitem mehr Nöthen und Bedrängnisse, mehr Leiden und Mühsale umschließt, als es an Freuden, an Schwung und Begeisterung reich ist? Ich kann mir dies nicht einbilden, und meine eigene Erfahrung spricht ebenso wie die Stimme meiner innersten Gefühle dagegen. Auch das will ich nicht mit Anderen behaupten, daß die Seele des Menschen ihrer Natur nach undankbar sei, und all' des Guten, das sie erfahren, leicht vergißt um einer Sorge, eines Verlustes willen. Bei diesen meinen lieben Aufzeichnungen wäre dies ja gewiß nicht der Fall, da ich Nichts darin übergehe, was mir der Bemerkung werth erscheint. Die Ursache scheint mir vielmehr darin zu liegen, daß das Gute immer auch einfach und friedlich ist, und vielmehr in der Ruhe, in dem gleichmäßigen Gange des Lebens sich vorstndet, von dem eben Nichts zu bemerken ist und sich nur geringe Beobachtungen abziehen lassen. Was uns im Leben und in den Geistern der Menschen auffällt, was uns als etwas Außergewöhnliches und Bemerkenswerthes erscheint , das setzt immer einen Kampf, ein Ringen, die Ueberwindung großer Hindernisse, den Eintritt ungünstiger, ja unglücklicher Verhältnisse voraus und giebt so, selbst wenn der Ausgang ein glücklicher ist, immer ein Bild vom Streit und Widerstreit, von Leid und Sieg der Menschen. Darum prägt es sich vorzugsweise der Erinnerung ein, darum bietet es sich mir ganz besonders für diese Denkblätter dar. Wie wenig hätte ich zu erzählen, wenn ich von fröhlichen *) S. vor. Jahrg. S. 665—865. Hochzeiten, von heiteren Beschneidnngs- und Confirmationsfesten, von Feiertagen und Gesellschaften reden wollte. Sie sind sich mit wenigen Ausnahmen alle gleich, und doch fühlen sich an ihnen Menschenherzen so glücklich, so freudeerfüllt, so von Gott gesegnet, daß es in ihnen zur wahrhaftesten Poesie wird. Aber so ich zu den Trauerstätten, zu den Kampfplätzen, zu den Leidenslagern der Menschen, mitten in ihre Prüfungen, in das Gewühl ihrer Leidenschaften gerufen werde: da bringe ich stets etwas mit nach Hause, was freilich nicht dem Honig gleicht, den die Biene sammelt, wenn sie die Blüthen des Gartens oder der Heide besucht hat. Und somit gelange ich denn dahin, daß, wenn auch die Erinnerung und die Beobachtung vorzugsweise die Schatten des Menschenlebens aufsammeln, dies gerade für den weit größeren Raum spricht, welchen der Friede und das Glück im Leben des Menschen einnehmen. Da ich überlese, was ich eben geschrieben, frage ich mich: wieso kommst Du dazu, dies gerade an dieser Stelle Deines Tagebuches und in dieser Stunde auszusprechen? Nun, ich fühlte mich dazu gedrängt, weil ich soeben wohl das düsterste Erlebniß, wohl den dunkelsten und furchtbarsten Vorgang abgeschlossen habe, die mir nicht blos in meinem vergangenen Leben vvrgekommen, sondern auch, wie ich mich überzeugt halte, in meinen zukünftigen Tagen Vorkommen werden. Gott bewahre mich vor allem Aehnlichen! Es hat mich unglücklich genug gemacht, mir dunkle Wolken in das Herz und auf die Stirn genug getrieben, daß ich sie selbst den Meinigen nicht zu verbergen vermochte. Jetzt ist es vorüber; das Trauerspiel ist zu Ende und die Personen, die darin aufgetreten, werden mir nicht wieder erscheinen, es sei denn im Gedächtniß oder in schweren Träumen. Fahret hin.- Diese Worte meines verewigten Freundes, welche den Schluß seiner Aufzeichnungen über das Ereigniß, das ich hier wiedergebe, bilden, stelle ich als Einleitung voran. Wenn ich mich nun im Folgenden auch zumeist an seine eigene Darstellung halte, so ordnete ich doch das Ganze zum Nutzen meiner Leser nach meiner Einsicht, denn der Urheber dieser Blätter schrieb seine Eindrücke je nach deren Eintritt nieder, und doch kam ihm oft das Verständniß derselben und der Schlüssel zu den Vorgängen erst