Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1868)
- Date
- 1868-02-25
- Page
- Seite 171 (sequence 11)
- Language
- German
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171 vorübergehende ruhige Beobachter glauben, man verehre hier Gott in einem aufgebotenen Landstürme. Es ist wohl auch wahr, daß die rechtmäßigen Sitzinhaber im Tempel bei einem Andrange an ihrer Bequemlichkeit verkürzt werden; allein, welcher Besserdenkende will nicht der Aufklärung dieses kleine Opfer bringen, wenn er erwägt, daß die besseren unter unseren orthodoxen Glaubensbrüdern mit uns friedlich beisammen leben, und sich auch einmal an einem geregelten, zeitgemäßen Gottesdienste erbauen wollen. Die Humanitäts-Anstalten hier hat Herr Moriz Kolischer übernommen. Unter seiner Aufsicht wird die hiesige Spital-Berwaltung sicherlich gesunden, wozu unsere wackeren Spitals-Aerzte, Herr Dr. Rappaport, Herr vr. Silberstein und Herr Dr. Witz ihren stets bewährten Eifer nicht versagen werden. Auch unsere Waisenanstalt wird nicht mehr verwaist dastehen. Es ist überhaupt außer allem Zweifel, daß unser Vorstand setzt mit erneueter Kraft zu Nutz und Frommen der Gemeinde sein segenvolles Wirken entfalten, und daß er, vereint mit den Vertretern unserer Anstalten, für Tempel und Schule, wie auch für das bei denselben beschäftigte Personal das Beste anstreben wird. Rußland. Bonn, im Jan. (Privatmitth.) In den russischen Zeitungen, wie z. B. in der Moskauer, wird jetzt in lebhafter Weise die Frage diskutirt: ob es nützlich oder schädlich sei, wenn eine Nationalität mit einer Religion oder Kirche identiftzirt werde? Diese Frage ist mit alleiniger Ausnahme von Spanien gar nicht mehr zu diskutiren. In Spanien ist man noch weiter gegangen, und hat nicht blos die Nation, sondern auch den Staat mit der römisch-katholischen Kirche identiftzirt, ob zum Heile oder Unheile? brauchen wir wohl nicht zu sagen. Gesetzlich wird also im spanischen Staate Niemand geduldet, der nicht römisch-katholisch ist. Der Kirchenstaat ist seiner Natur nach ein römisch-katholischer kirchlicher Staat, in welchem, Administration und Justiz von Geistlichen geübt werden; dennoch hat er Juden und Protestanten geduldet, wenn freilich auch unter den drückendsten Beschränkungen. Außer diesen beiden Staaten giebt es in Europa keinen mehr von gleicher Tendenz. Denn Norwegen hat vor einem Dutzend Jahre seine Jdentifizirung mit der protestantischen Kirche aufgegeben, und im Throler Lande ist die Ausschließlichkeit für alle Nichtkatholiken durch das Gesetz, besonders durch das neue Staatsgrundgesetz gebrochen worden. In Ländern, wo die Nationalität im jüngsten Zeiträume am energischesten betont worden, wie in Ungarn und Italien, hat Niemand daran gedacht, die Nationalität mit einer Confession zu identifiziren, und die Rechtsverschiedenheit aus confessionellen Gründen ist selbst da beseitigt worden. In Rußland liegen die Dinge anders. Es ist bekannt, daß auch dort der Nationalitätsdrang mit großer Lebhaftigkeit erwacht ist. Niemand kann zwar in einem Reiche, in welchem zahllose Nationalitäten existiren, daran denken, Staat und Nationalität zu identifiziren. Jndeß sucht man so viel wie möglich zu russifiziren und wenigstens die civilisirten Nationen des russischen Reiches der russischen Nationalität einzuverleiben, russisch zu machen. Es liegen hierzu zwei Momente vor: das eine der natürliche Trieb einer zum Selbstgefühl erwachten Nation, das andere, um in den unterworfenen civilisirten Nationen jeden Widerstand zu brechen und durch diese vergrößerte russische Nationalmacht die vielen halbwilden Völkerschaften, Stämme und Horden, die bis in das Innerste Asiens hinein dem russischen Scepter unterworfen sind, und die immerfort vermehrt werden, leichter zu beherrschen und zusammen zu halten. Man sieht, daß allerdings die Zukunft des russischen Reiches vielfach hiervon bedingt wird — nur sollte man sich in Rußland vor dem Wahne hüten, daß hierin viel mit Gewalt auszurichten sei, daß eine Saat, die mit Blut und Thränen ausgestreut wird, Segen und dauernden Bestand für eine Nationalität hervorzubringen vermöge. Bei dieser Russifizirung tritt aber nun noch ein Hinderniß entgegen. Im Czaarenreiche hatte man bis jetzt Nationalität und Kirche identiftzirt; die russische Nation war ein und dasselbe mit der russisch-griechischen Kirche, die polnische mit der römisch-katholischen, die deutsche (Ostseeprovinzen) mit der protestantischen. Man war hierin so weit gegangen, daß es selbst verboten war, die russische Sprache in einer nichtgriechischen Kirche zu gebrauchen. Hierdurch ist der Russifizirung nicht blos die NationaMmt, sondern auch das religiöse Bekenntniß entgegengestellt worden, man Hatte die fremden Nationalitäten durch ihre feindliche Kirche gestärkt, und 9*