Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1868)
- Date
- 1868-02-25
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
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162 diejenigen für religiös tobt halten, welche sich in religiöser Beziehung indifferent verhalten. Zahllose solcher habe ich bei Gelegenheit, bisweilen unerwartet, für religiöse Materien sich sehr pronunzirt aussprechen, thätig handeln sehen. In Anderen müssen wir doch auch voraussetzen, daß sie für ihr indifferentes Verhalten Gründe, daß sie sich darüber Rechenschaft gegeben haben, und wie will Herr M. dann diese von der Partei der Rationalisten trennen, die er doch als eine des lebendigen Judenthums aufstellt. Dies ist nichts als ein bloßes Schematisiren, um recht viele Parteien zu bekommen, um sie bis zu der Zahl sechs zu bringen — er hätte vielmehr diese beiden Klaffen zu den Orthodoxen und Rationalisten rechnen müssen, denn er kann ja doch nicht blos ein paar Schriftsteller als Parteien ansehen und Alle, die nicht schreiben, für tobt halten. Seine zwU anderen Abtheilungen sind ihm die Orthodoxen und Rationalisten; die Orthodoxen bestehen ihm aus den drei Parteien: der absoluten Traditionalisten, der gemäßigten Traditionalisten und der freisinnigen Progreffisten. Man sieht, daß der Vers, jener Abhandlung den Ausdruck Orthodoxie sehr weit ausdehnt, weiter als es diejenigen thun, welche sich gewöhnlich Orthodoxe nennen; doch dies wird man ihm nicht als einen Fehler ansehen. Die absoluten Traditionalisten, welche „ohne Unterschied Alles aufrecht erhalten, was aus der Vergangenheit gekommen, und Alles angreifen, was die Gegenwart giebt und die Zukunft verspricht," werden ihm durch das Univers isra<$lite repräsentirt, dessen oft kindische, oft maßloße Heftigkeit er rügt. „sieben diesem absoluten und tyrannischen Traditionalismus, welcher bei den Vorschriften stehen bleibt, ohne weder deren Geist noch ihre Motive zu erforschen, giebt es einen anderen, welcher im Gegentheil weit mehr mit dem Willen des Gesetzgebers als mit dem Buchstaben der Vorschriften sich beschäftigt, der die Thätigkeit der Freiheit des Menschen unter der Autorität Gottes jmehr erleichtert." Aus der Harmonie, welche zwischen der Vorsehung und der Schöpfung stattfinden müsse, soll diese Partei der gemäßigten Traditionalisten die Freiheit ziehen, die Tradition nach dem Geiste der Zeit zu verändern, so daß jene nicht zerstört, wohl aber vervollkommnet und erfüllt werde. In praktischer Beziehung sei diese Partei sehr unsicher, und dies ihr charakteristisches Zeichen. Als den hervorragendsten Vertreter derselben nennt er Herrn Levy-Bing. Ueber diese hinaus, aber immer noch orthodox, geht dem Herrn Michaud die Partei der freisinnigen Progressisten, welche verlangt, daß die Religion sich immer mehr vergeistige und die Formen beseitige, welche „den Menschen unter dem Joche eines unerträglichen Gesetzes und in einer ebenso lächerlichen, wie gezwungenen Kindheit erhalten sollen." Zu den Stützen dieser Partei zählt er die Herren Nathan, Munk, Cerfbeer, Ludwig Wihl und die Archiven israölites. Der Vers, sagt von diesen drei Parteien, daß sie „sich oft zu vermischen scheinen, besonders in den praktischen Fragen, und daß die Ursache dieser offenbaren Unentschiedenheit mehr in der Schwäche der Charaktere als in der Nichtaccentuirung der Principien gelegen sei." Ist dies der Fall, so möchten wir fragen, woher die „Krise" kommen soll? Dann wären ja nur Meinungen, aber keine Parteien vorhanden; es ginge Alles den gewohnten Gang und die Meinungen arbeiteten nur langsam daran, sich allmälig auch in den Formen zu verwirklichen. Und so ist es in der Wirklichkeit. Diesen gegenüber nun giebt es nach Herrn Michaud noch eine Klasse französischer Israeliten, welche alle Tradition verwerfen, alles „Uebernatürliche" (surnaturel), in Deutschland sagt man Supranaturalistisches, aus der Religion beseitigen wollen und sie zum puren Rationalismus machen. Als Vertreter dieser Partei kann er freilich nur die Herren Alexander Weill und Hippolyte Rodrigues anführen, den Ersteren, der bekanntlich viel zu originell und barock ist, um ihn für eine Partei im Judenthum anzuerkennen, den Letzteren, der nicht allein das bisherige Gebäude des Judenthums abtragen, sondern selbst ein neues Ceremonialgebäude aufbauen wollte, das viel zu lächerlich construirt ist, als daß Jemand ernstlich daran gehen konnte, es zu bekämpfen. Beide Schriftsteller, der eine voll Talent, aber verschroben, der andere allen Wiffen des Hebräischen baar und nichts als excentrisch, stehen so isolirt, daß innerhalb des Judenthums aus ihnen nichts zu machen ist. Jndeß dürfen wir hieraus Herrn Michaud keinen Vorwurf machen. Der Vorwurf gebührt vielmehr den französischen Stimmführern unter den Juden, welche — wir wissen nicht aus welchen Motiven — den Herrn Rodrigues nur mit Sammetpfoten angefaßt, ja, sein letztes wohlgemeintes, aber ungründliches Buch über die Bergpredigt überaus gelobt haben. Es ist daher erklärlich, daß Nichtjuden die französischen Juden mit dem Herrn Rodrigues identifiziren, ohne daß dies in Wirklichkeit nur im Geringsten der Fall ist. (Schluß folgt.»