Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1868)
- Date
- 1868-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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3a, J°hrgm,. Allgemeine Zkituirg des Zudcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 25. Februar 1868. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal Dienstags, in 2 bis 2>/2 Bogen. Preis des Jahrgangs -1 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Thlr. Inserate werden mit i</a Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedition für beide Letztere hat sich das Königl. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau hier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Die israelitische Krise in Frankreich vom Jahre 1867. — Das jüdische Elementarwesen in Preußen in den Jahren 1862—1864. — Ungarisch-jüdische Notablenversammlung. I. — Aus Russisch Lithauen. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Krotoschin, Aus Hessen, Karlsruhe. Oesterreichischer Kaiserstaat: Wien, Prag, Lemberg. Rußland: Bonn. Amerika: New-Nork. Südamerika: Buenos Ayres. Nachtrag. Feuilleton-Beilage: Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. — Frank und die Frankisten. — Correspondenz. — Notiz. Leitende Artikel. Bonn, 16. Februar. „Die israelitische Krise in Frankreich im Jahre 1867." «Fortsetzung.) Herr Abbs Eugöne Michaud findet die Krise darin bestehend, daß es jetzt sechs Parteien unter den französischen Israeliten gebe. Die ersten bilden ihm die Indifferenten, die lediglich von den Handels- und Finanzgeschäften absorbirt werden. Er citirt hier Aussprüche des Großrabbinen Ulmann, der HH. Bloch und Cahen und die geringe Betheiligung bei den Consistorialwahlen. Neben ihnen bestehe die zweite Partei in den Gewohnheitsmenschen, wofür er wieder ein paar Sentenzen heranbringt. Die meisten Inden in Lothringen und Elsaß seien den talmudischen Gewohnheiten ergeben; „aber, sagt er, hier ist kein Leben: denn die Gleichgültigkeit ist die Trägheit, die Gewohnheit aber ist eine Bewegung, die sich zwar in der Person, aber nicht mehr durch die Person vollzieht, während das wahrhafte Leben eine Bewegung ist, deren Princip die Seele ist." Ihm erscheint daher das Judenthum in diesen beiden Parteien todt, und erst außerhalb ihrer befindet sich das lebendige Judenthum, das sich wiederum in vier Parteien spalte, von denen die drei ersten eine und die vierte eine andere Abtheilung bilden. Ehe wir die stetztern näher bezeichnen, muffen wir doch wohl Herrn Michaud bemerken, daß es ein sehr gewagtes Ding ist, über den religiösen Zustand eines Menschen zu urtheilen. Wer kann behaupten, daß der, welcher den ererbten und anerzogenen religiösen Gebräuchen anhängt, für die Religion todt sei, daß er diese so maschinenmäßig übe, daß von einem Leben der Religion in ihm gar keine Spur sei? Vielleicht raisonnirt er nicht über Religion, vielleicht kann er für sein relgiöses Thun keine anderen Gründe angeben, als die Ueberlieferung, wahrscheinlich weilen seine Gedanken während der Uebung der Ceremonien wo anders — aber dies ist noch lange nicht der religiöse Tod; öfter werden heiligende Gefühle seine Seele durchströmen, stets wird sich nach Vollzug der Gebräuche eine religiöse Befriedigung durch seinen Geist verbreiten; kommen Beranlaffungen, so wird er sich für seine Gewohnheiten begeistern, für sie kämpfen und Opfer bringen. Dies ist Alles ist kein Tod.*) Aber ebenso wenig kann man *) Wenn Herr Michaud 'hierbei auch eine Stelle aus unsren Vorlesungen citirt (pag. 782), so enthält diese doch einen ganz anderen Sinn, indem sie zwar durch den Stabilismus die Geistesfteiheit beschränken, nicht aber das religiöse Leben ersticken läßt. Redaktion.