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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-02-18 · Heft 8 (18.2.1868) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 8 (18.2.1868)
Date
1868-02-18
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
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144 Fingerzeige der göttlichen Vorsehung, daß die Juden nun endlich bald sich bekehren werden. Sie sprechen fein, liebenswürdig, gefällig; sie geben vor, sich auf einen objektiven Standpunkt zu stellen, und erst am Schluffe ihrer Artikel treten sie mit dem hervor, worauf es bei ihnen hinausläuft. Von vornherein wird man — Ausnahmen Vorbehalten — die deutschen Missionäre in der ersten, die französischen und meist auch die englischen in der zweiten Abtheilung finden. Auch vom Abb6 Michaud gilt diese Regel. Hierin schließen sich nun noch zwei Beobachtungen. Höchst naiv erscheint bei den christlichen Beurtheilern der jüdischen Zustände in der Gegenwart die außerordentliche Verwunderung, in welche sie gerathen, wenn sie innerhalb des Judenthums nicht mehr jeue uniforme Masse finden, wie sie vor einem Jahrhundert noch existirte, sondern gewahren, daß unter den Juden verschiedene Richtungen, aus einander gehende Ansichten und Veränderungen in Lebensweise und Sitte vorhanden sind. Sie stellen sich an, als ob dies eine ganz unerwartete, ganz außergewöhnliche Erscheinung sei; sie signalisiren sie als eine „Krise"; diese Krise sei eine „Zersetzung," eine „Zertrümmerung" — und die Juden werden bald Christen werden. (Was man wünscht, das glaubt man.) Dabei fallen sie, wie es scheint, ohne daß sie es bemerken, in den Widerspruch, daß sie die moderne Richtung des Judenthums und ihre Träger als dem Christenthume gegensätzlicher, ferner und feindlicher erachten als die Orthodoxen, daß sie einen Wirkungskreis für die Bekehrung nur innerhalb der orthodoxen Juden zu finden glauben, also doch folgerichtig annehmen müßten, daß das moderne Judenthum erst recht weit und viel weiter vom Christenthume gelegen sei, als es früherhin war. Ueber diesen Widerspruch setzen sie aber mit einem Sprunge hinweg, wie ein wilder Reiter über Hecken und Graben, weil er zu einem bestimmten Ziele gelangen will und deshalb Hindernisse und Gefahren wohl sieht, aber nicht beachtet. Zu der natürlichen Voraussetzung, daß ein Geistes- und Cultur-Umschwung, wie ihn die Juden im letzten Jahrhundert erfahren haben, nicht ohne tiefgehende Einwirkung auf ihr religiöses Leben bleiben konnte, daß sich unter dieser in den Einzelnen verschiedene Ansichten, in der Masse, je nachdem sie der großen Zeitbewegung mehr oder weniger folgte, verschiedene Richtungen sich herausbilden mußten, zu dem Begriff, daß dies keine Krise und keine Zersetzung, kein Absterben und kein Tod, sondern im Gegentheil ein neu erwachtes Leben, eine verjüngte Kraft, mit einem Worte, daß dies eine Entwickelung sei, die aus den alten geheiligten Wurzeln, aus dem starken, lebensvollen Stamme neue Blüthen und Früchte treibende Aeste, Zweige und Kronen erwachsen lassen und gestalten will — hierzu können sie nicht gelangen, weil sie von vornherein einen anderen Zielpunkt vor Augen haben und ihre Beobachtungen zu einem bestimmten Zwecke unternehmen. Solche beliebte Bezeichnungen, wie Krise, Zersetzung rc. sollen die gesunde Operation, den kräftigen Lebensprozeß verbergen, den eine vernünftige und vorurtheilslose Kritik sofort erkennen muß. Das Judenthum besteht keine lebensgefährliche Krise, denn die kleinen internen Zwistigkeiten zwischen den nwdernisirten Orthodoxen und denen, die nicht zu ihnen zählen, haben nichts von gewaltigen Fieberparoxysmen an sich; eine Zersetzung und Verwesung findet trotz mancherlei Verschiedenheiten der Ansichten nicht statt, denn einentheils zerfallen wir trotzdem nicht in Sekten, und andererseits das kräftige Streben und Arbeiten zeugen durchaus nicht von Absterben und Todesröchelu, sondern vielmehr vom tüchtig pulsirenden Leben, das in den Juden vorhanden; die Begeisterung, die irnmer wieder in den jüdischen Herzen, mögen sie auf der einen oder auf der anderen Seite stehen, aufflammt, die Thatkraft, die sich in den mannigfachsten Erzeugnissen auch unter schwierigen und hemmenden Umständen erhärtet, sind keine Symptome des Verfalls und der Zertrürnmerung, sondern einer von Innen heraus betriebenen Entwickelung, einer sich allmälig herausbildenden Um- und Neugestaltung. Ja, wir können sagen, daß die Kirchen zufrieden sein könnten, wenn in ihnen nichts Anderes vorginge als im Judenthume. Denn daß auch auf dieses wie auf alle positive Religionen der Strom des modernen Lebens und einer nach der Seite der Negation gravitirenden Kritik allerdings einigen zersetzenden Einfluß übt und eine Anzahl ihrer Bekenner namentlich in der Jugendzeit dem religiösen Bedürfniß ziemlich verschließt, oder überhaupt in eine Stimmung bringt, in welcher ihnen das religiöse Bekenntniß gleichgültig erscheint, leugnen wir nicht, sehen aber darin keine dem Judenthum allein angehörige Erscheinung. Der Abbe Michaud spricht von einer „israelitischen Krise in Frankreich im Jahre 1867." Will er damit sagen, daß diese Krise sich auf die Juden in Frankreich beschränkte, und daß sie Anfang und Verlauf im Jahre 1867 genommen? und auf welche Vorgänge blickt er hierbei? Nach aufmerksamer Prüfung seines Artikels

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