Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1868)
- Date
- 1868-02-18
- Page
- Seite 143 (sequence 3)
- Language
- German
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143 spateren toryistischen Anwandlungen die Interpretation aus nicht ausdrücklich beseitigten früheren Specialgesetzen, Hofdekreten, Cabinetsordren u. s. w. auch den klarsten Bestimmungen der Verfassung gegenüber Stoff zu Bedrückungen und Beschränkungen zu ziehen versteht. Alsdann aber auch mit dem Geiste der Eintracht und Billigkeit, mit dem Geiste der Bereinigung von Religion und Bildung an die neuen positiven Schöpfungen gegangen. Die Minister gehen an die Juden selbst, für die neuen Veranstaltungen ihre Stimme abzugeben, und der Erfolg liegt um so mehr in den Händen der Juden, als durch die Zwangsmaßregeln des alten Regimes es an Fonds für die neuen Anstalten nicht fehlt. Das ungarische Cultusministerium ruft eine jüdische Notablenversammlung zusammen mit der Aufgabe: Jnformirung der Regierung, die Regelung der Gemeinde- und Schulverhältnisse der Juden Ungarns, speciell deren Vereinbarung mit den neuen gesellschaftlichen und administrativen Verhältniffen Ungarns. Wir gestehen, daß uns hierbei einige kalte Schauern über den Rücken laufen. Die Vorgänge in Ungarn während des letzten Decenniums flößen uns kein Zutrauen ein, daß diese Versammlung besonnen und einträchtig zum Ziele kommen werde. In Ungarn bestehen drei schroffe Gegensätze: die reformatorische Richtung, die Orthodoxie und der Chasiidismus, und die beiden letzteren haben der elfteren gegenüber einen Ton angeschlagen, der eine friedliche Entwickelung kaum verspricht. Obgleich daher die Gegenstände der Berathung die eigentlichen Cultusfragen nicht berühren, und somit nur mittelbar an die religiösen Streitfragen streifen, so läßt sich z. B. in der Schulfrage von den Heißspornen und denen, die nach Aufsehen und Herrschaft trachten, nichts Gutes erwarten. Mögen daher die besonnenen Geister durch Wort und That beruhigend einzuwirken suchen, und Jeder, der dahin geht, sich sagen, daß außer guten und segensreichen Einrichtungen auch noch die Ehre des israelitischen Namens auf dem Spiele steht und daß Tausende von Hassern nur darauf warten, welches Schauspiel die jüdischen Notablen Ungarns aufführen werden. Wer die Fackel der Zwietracht in die Versammlung wirft, wer in ihr die Leidenschaften aufzuregen sich bemühen wird, der ist ein Verräther an Religion und Stamm, der trägt keine Religion im Herzen, sondern nur Heuchelei vor dem Angesichte und auf den Lippen! Mögen sich daher die Parteien in vorberathenden Versammlungen zu verständigen suchen, da es sich ja nicht um die Grundsätze der Religion selbst handelt, sondern nur um die Mittel ihrer Erhaltung. — Das Gleiche kann man denjenigen zurufen, welche zu Gutachten in der Rabbiner- und Lehrer-Seminar-Frage berufen worden. Warum sollen nicht Wessely, Kämpf und Jellinek, warum nicht die Vorstände von Wien, Prag und Brünn sich über ihr Gutachten mit einander verständigen, um es möglichst in ähnlicher oder gleicher Weise abzugeben, da man sich später doch über die Normen verständigen muß, also lieber jetzt schon thun, was späterhin doch eintreten muß? Mögen sich endlich die jüdischen Vorstände gewöhnen, über die Grenzen ihres Weichbildes hinauszuschauen, und die jüdischen Capacitäten, nicht isolirt thronen zu wollen! Eine Verantwortlichkeit tragen diese Alle in Oesterreich nicht blos für ihre Glaubensbrüder in Oesterreich, sondern auch außerhalb desselben, da glückliche oder unglückliche Erfolge auch weiterhin Einfluß üben. „Die israelitische Krise in Frankreich im Zahre 1867 “ Unter diesem Titel enthält die eben erschienene 72. Lieferung der Zeitschrift ,,le Correspondant“ einen ausführlichen Artikel (S. 779—814). Wie man uns aus Paris schreibt, ist diese Zeitschrift eine „liberal-clerikale," aber sehr geachtete Revue. Da der Aufsatz einige Sensation gemacht, und wohl deshalb auch uns zugesandt worden, geben wir einen Bericht über denselben und fügen einige Bemerkungen hinzu. Doch stellen wir eine solche lieber voran, um den Standpunkt des Verfassers, eines Herrn Abb6 Eugöne Michaud, kenntlich zu machen. Es giebt zweierlei Arten von Missionären, wenigstens dem Verfahren dieser Männer nach zu urtheilen. Die eine geht geradezu auf ihr Ziel los und findet nicht harte, absprechende Auslassungen genug gegen das Judenthum und noch mehr gegen die Juden, die sich so hartnäckig weigern, auf die Lockpfeife der Missionäre zu hören. Ihnen sind Judenthum und Juden Gegner, Feinde, welche sie mit allen Waffen bekäinpfen müssen. Die andere Classe giebt sich als Freunde und Verehrer des Judenthums, von Achtung erfüllt gegen die jüdische „Nation", zu erkennen; sie beobachten genau, was im Judenthume vorgeht, und erkennen darin die offenbaren 8*