Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1868)
- Date
- 1868-02-18
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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142 feit der Revolution. Er war somit blutiger Reaktion in die Arme geworfen, und die Verfassung und der Reichstag zu Kremsier waren nur Mittelglieder für den Augenblick und Uebergaug. Die Reaktion mußte vollständig sein, weil die Revolution in Oesterreich nicht wie in Preußen schon konstitutionelle Vorbereitungen angetroffen, und weil überhaupt ein konstitutionelles System für den Kaiserstaat von außerordentlicher Schwierigkeit war und in der That erst aus mannigfachen Erfahrungen und Versuchen herausgehen konnte. Die Reaktion war eine totale und brachte Oesterreich an den Rand der Zerrüttung und innerer Zersetzung. Aber es bedurfte erst des Unglücks auf den Feldern der Lombardei, um das Gerippe des Absolutismus, und zwar des auf das Conkordat und die Unterdrückung aller Rechte und Freiheiten gestützten Absolutismus zusammenbrechen zu machen. Es war ein neuer Versuch des Constitutionalismus, der eintrat, der aber scheitern mußte, weil er den Unitarismus aller Nationalitäten und Länder des Kaiserstaats zur Grundlage hatte, und doch nur jenen cäsarischen Scheinkonstitutionalismus bezweckte, welcher damals von Frankreich so salbungsreich gepredigt ward. Da hatten denn die Gegensätze nur so recht Gelegenheit, sich an den Tag zu bringen, und während die eigentliche Verwaltung dieselbe blieb, waren die konstitutionellen Formen nur Mittel, daß die Forderungen und Bedürfniffe des Volkes und der Völker sich schärfer formulirten. Die Reaktion trat noch einmal ein; aber ihr Versuch, sich aus die aufgehetzten Nationalitäten zu stützen, mußte um so mehr scheitern, als es ihr unmöglich war, den Forderungen auch nur einer derselben zu genügen. Die Flammen von innen schlugen in die Höhe; da wollte man sie nach dem alten französischen Wahne durch einen Brand von außen ersticken. Auf den böhmischen Schlachtfeldern fiel die Reaktion zum zweiten Mal zu Boden. Und gerade darum läßt es sich nicht voraussetzen, daß sie in Oesterreich noch einmal zurückkehre. Allerdings wird sich auch hier eine wighistische und eine toryistische Partei ausbilden, diemit einan der um die Staatsregierung ringen werden; aber die eigentliche Reaktion kann schwerlich wieder Platz greisen. Das gegenwärtige Regime ist auf dem Wege naturgemäßer Entwickelung gekommen, und diese ist unwiderstehlich; die Machthaber sind durch den Gang der Ereigniffe dazu gezwungen worden, nicht durch eine Volksbewegung, noch weniger durch eine Revolution, und dies ist die beste Bürgschaft für den Bestand. Die Hauptbedingung für diesen Bestand scheint uns die Finanzlage zu sein. Sind die gegenwärtigen Minister im Stande und haben den unerschütterlichen Willen, die Finanzlage des Kaiserstaats wesentlich und dauernd zu verbessern, so können sie auf eine lange Verwaltung rechnen; im anderen Falle nicht. Die Verbesserung der Finanzlage besteht aber nicht mehr in geheimnißvollen und scharfsinnigen Calculen, sondern einfach in zwei Momenten: in den Ersparnissen am Militärbudget und in der Belebung des national-ökonomischen Wesens; letztere besonders durch Beseitigung aller Schranken und die Beschaffung von Communicationsmitteln bis in die entlegensten Theile des Staates. Eines ohne Vas Andere kann hier nichts helfen. Wir wünschen von Herzen, daß die Männer, die jetzt das Ruder in Händen halten, zu solchen Zielen gelangen. Es gilt hier einen großen mitteleuropäischen Culturheerd aufrecht zu erhalten und mit dem heiligen Feuer des Rechts und der Freiheit zu versehen; es gilt, unter so vielen Völkern auch einem deutschen Bruderstamm ein neues, frisches Blühen zu schaffen; es gilt die höchsten Grundsätze gesetzlich geordneter Freiheit in einem großen Continentalstaäte zur Ausführung zu bringen! Diese kurze politische Betrachtung, wozu sollte sie an diesem Orte dienen? Hauptsächlich um unsre Glaubensgenossen im Kaiserstaate auch unsrerseits zu ermahnen, diesen großen Moment nicht erfolglos an sich vorübergehen zu lassen! Wir glauben nicht, daß mau uns wegen dieser Worte der Anmaßung zeihen wird. Wer, wie wir, eine lange Erfahrung und stets bewährten Eifer für sich hat, hat wohl das Recht, mitzusprechen und seine Stimme da verlautbar zu machen, wo es sich um die höchsten Jntereffen handelt. Wenn wir oben unsre Ansicht über die Dauerhaftigkeit des jetzigen Regimes gaben, so schwächt dies die Auffordernng nicht ab, den günstigen Moment nach allen Beziehungen hin zu nutzen. Denn die Jnkonvenienzen, die einen solchen reformatorischen Zeitpunkt überdauern, sind später viel schwieriger zu beseitigen, und, wie wir schon angedeutet, innerhalb des liberalen Regimes selbst giebt es verschiedene Strömungen, und die Exekutive kann in vielen Dingen das Gesetz unausgeführt laffen. Zunächst sind alle Anstrengungen dahin zu richten, auch nicht einen Ueberrest der alten Ausschließung und Beschränkung bestehen zu laffen. Man beruhige sich bei keinem Punkte mit der Voraussetzung, daß er jetzt von selbst aufhört, sondern verlange ausdrückliche Verfügungen, die ihn aufheben. Wir wissen ja, wie bei