Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1868)
- Date
- 1868-02-11
- Page
- Seite 139 (sequence 19)
- Language
- German
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159 nicht, ob er ihn hege oder verwerfe, oder wie er sich das Jenseits denke, es bleibt sich gleich, die Frage steht dennoch für Jeden da, denn der Mensch kann weder sein Werden noch sein Vergehen begreifen; seinem innersten Wesen ist die Dauerhaftigkeit seines Daseins so tief eingesenkt, daß er dessen Gegentheil nicht zu fassen vermag. Die Vergänglichkeit seines irdischen Lebens hingegen ist ihm ebenso natürlich und Alles um ihn und an ihm selbst erinnert ihn immerfort daran. Beides, die Dauer seines Daseins und die Flüchtigkeit feines Lebens, macht ihm die Zeit, die er auf Erden verbringt, zu einem vorübergehenden Aufenthalte, zu einer Pilgerschaft, zu einer Wanderung, zu der sein Geist aus einer andern Heimath gekommen, und von der er zu einer andern Heirnath hinübergeht. Dies ist kein bloßes Bild, keine einseitige und gemachte Vorstellung, sondern liegt in der Natur seines Wesens und ist vom Selbstbewußtsein, das er besitzt, unzertrennlich. So ist es denn gleichsam ein erster Vorhang, der vor ihm mit dem Eintritt in das Leben aufgerollt wird. Wie der Israelit aus dem allgemeinen Lager seines Volkes auf den Triften oder mitten unter den Felsen der Wüste, in den großen Hof der Stiftshütte unter dem Vorhänge des Eingangs hindurchtrat und sich da mit Allen zusammenfand', welche das Bedürfniß nach dem Heiligthume hingeführt: so geht der Mensch aus der allgemeinen Fülle der Wesen oder vielmehr des Daseins in das menschliche Leben auf Erden ein und wird ein Glied der menschlichen Gesellschaft. Da sind sie nun alle versammelt, welchen Geschlechts, welchen Alters, Volkes, Standes, Berufes, Besitzes u. s. w. sie auch seien. Sie haben da die Arbeit des Erdenlebens zu vollbringen, wie hoch und wie niedrig sie auch diese begreifen mögen, und nur eine Höhe erhebt sie in der fluchenden Menge: die Religion, d. i. das religiöse und sittliche Bewußtsein, wie sie für Alle da ist und in ihnen nach ihrer Art die treibenden Momente abgiebt. Aber diese Religion, als Lehre und Sittengesetz, ist in diesem allgemeinen Leben doch zumeist nur noch in ihrer äußeren Erscheinung und Bethätigung vorhanden, zumeist nur noch symbolischer Natur, wie dies bei der großen Mehrheit der Menschen auch nur der Fall ist. Nur der Opferaltar erhebt sich in diesem Hofe und die Menge tritt hinzu, ihre Opfer darzubringen, sie von der Flamme verzehren und in den Rauchwolken zum Himmel aufsteigen zu sehen; und selbst hierzu bedürfen sie der vermittelnden Personen, der Priester, denen zu dieser Handlung durch das Wasser des Beckens sich zu reinigen Vorbehalten blieb. Wie diese Reinigung nur symbolischer Natur ist, so daß die innere Unreinheit dadurch nicht ausgeschlossen, so auch die Opferhandlung selbst, und es kommt darauf an, wie viel oder wie wenig der Einzelne von ven darin liegenden Gedanken begriffen, wie viel er davon auf sich wirken läßt, wie viel davon mit seinem anderweitigen Thun in Uebereinstimmung ist. Schreitet die Menschheit auch unzweifelhaft vorwärts, so kann man doch nicht leugnen, daß in der großen Mehrheit der Menschen Religion und Sittlichkeit noch heutzutage mehr innere Jnftincte als klar erkannte und tief gefühlte Motive sind, daß sie ihr immer noch mehr Ceremonie als Idee sind und daher die Einheit zwischen ihrem religiösen und sittlichen Verhalten mit ihrem weltlichen Treiben noch immer eine sehr schwache ist. Aus dieser Menge, die um den Opferaltar im Hofe steht, lösen sich nun Einzelne heraus und treten durch den zweiten Vorhang in das Heilige ein. Es sind dies diejenigen höher vergeistigten Menschen, die auf dem Niveau der großen Mehrheit nicht stehen bleiben, denen Anlage, Erziehung, Lebensschicksale Befähigung und Bedürfniß für das Weiterstreben des Geistes, für die höhere Entfaltung des Lebens und seines Inhaltes verliehen haben. Für diese hebt sich der zweite Vorhang auf und sie treten in den geheiligten Raum ein. Es sind dies die Priester des Geistes; sie verlieren sich nicht in die Gewöhnlichkeit und ihre Befriedigung; was sie thun und schaffen, kommt erst mittelbar der Menge draußen zu Gute, unmittelbar sich selbst und dem Dienste des Wahren, Guten und Schönen. Was finden sie da? Genau genommen, wozu sie innerlich bereits die Antriebe mit sich bringen. Da steht der Leuchter mit seinen lichtverbreitenden Flammen. Es ist also die Erkenntniß, die Aufklärung, die geistige Erleuchtung, die Vermehrung von Begriffen und Kenntnissen, die Ausbildung der Vernunft und des Verstandes. Da steht der Räucheraltar. Auch auf ihm wird ein Feuer unterhalten, ein Opfer dargebracht und Rauchwolken erheben sich von ihm; aber es sind nur die feinen Ingredienzen des Weihrauchs, die hier aufgestreut werden und in wohlriechenden leichten Wölkchen sich erheben. Dies ist die feinere, edlere, lautere religiöse und sittliche Gefühlswelt, die wahrhafte Weihe und Andacht, die tiefgehende und doch zarte Entfaltung des Gemüths, der Empfindungen, die sich zum Höchsten und Heiligsten erheben, die Veredlung des innersten Jchs. Da steht endlich der Schaubrodtisch mit den feinen Broden, welche von Sabbath zu Sabbath hingelegt und hinweggeräumt werden. Es ist also die materielle Welt, aber nicht mehr die, welche vom Egoismus, von den niedrigen Leidenschaften der Genuß- und Habsucht geschaffen, erarbeitet und getrieben wird; es ist die Welt des Schaffens und Handelns aus edlen Triebfedern, aus reinem Bedürfniß, die Ideen und Gefühle unserer Seele zu bethätigen und zu verwirklichen. So verbinden sich hier die drei großen Pfade, welche zur Höhe der Menschheit hinaufführen: die Entwickelung des Erkenntnißvermögens, die Entfaltung der Gefühlswelt und die Reinheit der Thätigkeit innerhalb der realen Welt. Nur in diesem Raume geht das höhere Bewußtsein des menschlichen Lebens, dessen, was der Mensch soll und was er wollen soll, auf; nur hier erhebt sich der Geist aus dem allgemeinen Leben auf die höheren Stufen seines Werthes und Verdienstes. Aber wie lange er auch in diesem Heiligthume weilt