Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1868)
- Date
- 1868-02-11
- Page
- Seite 140 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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140 und sich in den Inhalt desselben mehr oder weniger versenkt: ein dritter Vorhang breitet sich vor seinen Augen, dichter noch gewoben als die früheren und hindeutend durch die ihm eingewirkten Gestalten auf eine höhere uns noch unfaßbare Welt. Aber auch dieser wird sich heben. Im Hofe und im Heiligthume befand er sich mit Vielen: hinter den dritten Vorhang geht er einzeln, allein; in das Heilige trat er je nach seinem Bedürfniß und weilte darin bald diese bald jene Zeit: hinter den dritten Vorhang kommt er nur Ein Mal. Ueber den Hof wölbte sich der blaue Himmel und die Sonne goß ihr Allen gemeinsames Licht hinein, im Heiligen brannte der Leuchter, aber wo er nun hineintritt, ist Alles dunkel und doch thront da das Göttliche, das Ewige. Der dritte Vorhang ist — der Tod, durch den unsere Seele, dieser Hohepriester des Menschen, in das Allerheiligste des Jenseits tritt. Wir wissen nur wenig von dem, was hinter diesem letzten Vorhänge liegt, was hinter ihm vorgeht. Aber Zwiefaches wissen wir gewiß. Dort steht die heilige Lade des ewigen, unveränderlichen Gesetzes, dort der Deckel der Sühne, und so hört für den Menschengeist drüben jede Irrung auf, zu der ihn hienieden immer wieder die Gegensätze in seinen Trieben und Beweggründen, die Leidenschaften und seine schwankende Natur verleiten, er ist auf den Boden des unveränderlichen Rechts gestellt, wo Recht und Liebe Eins sind und deren Herrschaft unfehlbar; so beginnt für ihn dort der große Proceß der Läuterung, der Sühne für das, was er hienieden gefehlt, die Ausfüllung für das, was er erreicht und erstrebt hat, die Ausgleichung seines Wesens, die Versöhnung. Und da deuten ihm die aus der Sühuplatte aufsteigenden Cherubim die höhere Natur seines Wesens an, die ihm dort zu Theil wird. Und „von zwischen den Cherubim her" vernimmt er die Stimme Gottes, daselbst findet „die Zusammenkunft" Gottes" mit dem Menschengeiste statt: Alles, was Irdisches den Menschengeist hinderte, dem Weltengeiste, nach dessen Ebenbilde er geschaffen, näher zu kommen, das fällt mit seinem Eintritt in das Allerheiligste von ihm nieder, und auf dem Boden der Läuterung und der Sühnung strömt das Göttliche voll und lauter in ihn ein. Eine gut gemeinte Warnung. Es gab eine Zeit, wo jüdische Autoren es liebten, auf den Titelblättern ihrer Bücher unter ihrem Namen den Titel hinzuzufügen: „Mitglied der deutschen morgenländischen Gesellschaft." Da dies nun lächerlich war, weil Jedermann für 5 Thlr. Jahresbeitrag Mitglied dieses sehr schätzenswerthen Vereines werden kann, so warnten wir unsere Kollegen und dieses half. In der letzten Zeit empfingen wir, namentlich aus dem Oesterreich ischen, eine Anzahl Predigten, auf denen zu lesen war: „Nach stenographischen Aufzeichnungen". Wir halten dies für einfach lächerlich. Wollen die Herren damit sagen, daß sie ihre Predigten nicht aus ihren Concepten drucken lassen könnten, weil sie jene extemporiren? Man glaubt ihnen dieses dennoch nicht, und, wie wir schon öfter bemerkten, wir empfehlen das Extemporiren nicht einmal den Predigern. Oder wollen sie damit sagen, daß das Publikum ihre Predigten so hoch hält, daß sich Stenographen dabei einfinden, wie etwa bei den Reden der großen englischen Staatsmänner bei officiellen Gastmählern oder in den Meetings? Genug, es giebt Veranlassung zum Lachen oder doch zum Lächeln, und dies ist gerade für Predigten keine angemessene Einleitung. Mag daher dieser Schmuck der Predigttitelblätter ebenso schnell verschwinden, wie er gekommen. Correspondenz. Poln. Wartenberg, 19. Jan. (Privatmitth.) Vor einiger Zeit fand in Ober- Schlesien und zwar im L.Kreise, einer Gegend, deren Bevölkerung überwiegend katholisch ist, die Vermählung des Fräuleins F .... d, jüdischen Glaubensbekenntnisses, mit Herrn P ...., der zum Judenthume übergetreten ist, statt. Obwohl Eltern und Verwandte des P . ... alles Mögliche aufboten, ihn von diesem Schritte abzuhalten, so vermochten sie dennoch nicht, seinen Entschluß, der zwar schon seit längerer Zeit gefaßt war, jetzt aber erst zur Ausführung gebracht werden konnte, wankend zu machen. Wer die Verhältnisie kennt, weiß, daß trotz dieser Vermählung es dennoch nicht äußere Motive waren, die den P .... dazu veranlaßten, am wenigsten pecuniäre. Wie sehr sich Herr P ... zum Judenthume hingezogen fühlt und sein Gemüth bereits von demselben durchdrungen ist, hat er Beispielshalber am Neujahrs- und Versöhnungsfeste gezeigt, an welchen Tagen er in der Synagoge zu L. dem Gottesdienste beiwohnte und inbrünstig betete. Gefragt, warum er am Versöhnungstage ^fortwährend im Gotteshause verweilt., ohne sich, wenn auch nur kurze Zeit, durch Ergehen im Freien Erholung zu gönnen, antwortete er: „Kann ich meinem Schöpfer genug dafür danken, daß er mir den rechten Weg zur Erkcnntniß gezeigt und mir Muth gegeben hat, denselben zu betreten?" Verlag von Bamngärtncr's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.