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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-02-11 · Heft 7 (11.2.1868) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 7 (11.2.1868)
Date
1868-02-11
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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123 det, der erftere bedauert den irrenden Menschenbruder, spricht die in ihm lebende Wahrheit offenmüthig durch Wort und That aus, trauet -der Kraft der Wahrheit und der Leitung der göttlichen Vorsehung so viel Wirksamkeit zu, daß der Wahrheit zuletzt der Sieg bleiben werde, übt aber darum Schonung und Nachsicht gegen Jedermann aus und verabscheut alle Gewaltthätigkeit, alle listigen Mittel, alle Verlockungen, um Andere zu seiner Meinung zu bekehren, weil er weiß, daß durch diese Mittel keine Seele für die Wahrheit, sondern nur für eine neue Täuschung gewonnen wird. Jndeß liegt nach dem Sinne des Herrn Grüner die Sache anders. Denn zuletzt läßt er sich doch herbei, zuzugeben, „daß der gläubige Christ auch innerhalb der katholischen Kirche selig werden könne," ein Jude aber könne nicht selig werden. Da glücklicher Weise nicht Herr Grüner über die zukünftige Seligkeit zu verfügen hat, so überlassen wir ihn dieser seiner liebevollen Meinung, sowie seiner Ansicht von dem Gotte der Liebe, der mit einem Federstriche so zahllose Milliarden seiner Kinder, ohne daß diese die Schuld daran haben, an die christlichen Dogmen nicht glauben zu können, der ewigen Berdammniß übergeben hat! Er wagt zu sagen: „Das heutige Iudenthum ist ja ebenso weit von dem Geiste des alttestamentlichen Prophetenthums abgewichen, wie es fern ist vom Geist des Evangeliums, und der trostlosen Beobachtung geistloser Satzungen verfallen, die es, in der Mitte der Christenheit lebend, zu dem in geistiger und leiblicher Beziehung elenden und verkommenen Geschlechte gemacht haben, als das wir es Alle kennen." — Diese Worte kann nur ein geistig „verkommener" Mensch niedergeschrieben haben. Geistig sagen wir, denn leiblich kann sich Herr Grüner im Genüsse seiner Pfründe und Einkünfte sehr behaglich fühlen, und durchaus nicht nach Verkommenheit aussehen; aber geistig verkonnnen, verkommen in seinen erstarrten Dogmen, in seiner theologischen Gehässigkeit gegen alle Andersgläubige, in seinem pfäffischen Hochmuth, das ist er gewiß! Wir Juden sollen nach Grüners Ausspruch leiblich und geistig verkommensein! Leiblich? Weiß Pastor Grüner nicht, daß alle statistischen Tabellen, um nur Eines anzuführen, zeigen, daß die Lebensdauer der Juden gegen die der Christen in allen Ländern eine bedeutend größere ist? Und zwar nicht blos in den westlichen europäischen Ländern, z. B. in Preußen, wo sie nach der letzten Volkszählung 59 gegen 89 Jahre betrug, sondern auch im russischen Polen, wo judengehässige Beamte, hierauf gestützt, behaupten, daß die jüdische Bevölkerung mit der Zeit die christliche dort verdrängen werde. Geistig? Woher habt Ihr denn die große Furcht, daß die Inden, sobald ihnen die öffentlichen Carrieren offen stehen, ein allzu großes Contingent für dieselben stellen würden, eine Furcht, welche den Juden trotz klarer Berfasfungsbestimmungen in vielen Staaten noch jedes Staatsamt verschließt, und eben jetzt in Rußland wieder verschließt? Es wäre thöricht von uns noch weitere Beweise gegen die Schmähung des Pastors Grüner aufzuführen. Sehen Sie, so verkommen ist dieses jüdische Geschlecht doch noch nicht, daß es sich von Ihrer Belehrung, Ihren Lockmitteln und Jntriguen zum Abfall von der Wahrheit, die wir als solche anerkennen, verleiten ließe, mit Ausnahme weniger Subjekte, die wir nicht so lieblos beurtheilen wollen, wie Sie uns! — Aber gesetzt, die Juden überhaupt, oder die Juden irgend einer Landschaft wären wirklich ein verkommenes Geschlecht, wie sie es nicht sind, wodurch wären sie es geworden? Nicht durch fast zweitausendjährige Verfolgung, Unterdrückung und Ausschließung, welche Christen und Mohamedaner gegen sie ausübten? Sehen Sie sich doch einmal die Volksmasse in Griechenland, Montenegro, Bosnien u. s. w. an, welche nicht fast zwei Jahrtausende, sondern nur einige Jahrhunderte unter dem türkischen Joche lebte. Werden Sie sagen, diese sind durch die türkische Gewaltthätigkeit so geworden, oder würden Sie zu behaupten wagen, sie sind es durch ihre geistlose Religion geworden? Von uns aber erkühnen Sie sich zu sagen: „die trostlose Beobachtung geistloser Satzungen" habe die Juden zu ihrem Verfall gebracht. Um dies zu behaupten, müßten Sie, Herr Pastor Grüner, erst Geist genug haben, vorausgesetzt, Sie hätten die Kenntnisse, um die jüdischen Satzungen beurtheilen zu können. Ja, die Juden haben ihren Trost niemals in formulirten Dogmen, in mit dem Verstände unfaßbaren Glaubenssätzen gesucht und gefunden, wohl aber in der treuen Anhänglichkeit an der ewigen Gotteslehre und in der Beobachtung gemüthvoller Satzungen und Bräuche, welche sie in beständigem Zusammenhänge mit der Gottesidee, in der Heilighaltung des Familienlebens und in der Ausübung unbegrenzter Wohlthätigkeit erhielten. Darin fanden sie ihren Trost, ihre Kraft, ihre Aufrichtung. Es ist dies ein weitläufiges Capitel, das jedoch mit Ihnen weiter zu diskutiren die Art Ihres Auftretens keine Lust macht. Was würden Sie aber erwidern können, wenn ich zu Ihnen sagte: Sie und Ihre Genossen sind „vom Geiste des Evangeliums eben so fern abgewichen, wie 7*

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