Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1868)
- Date
- 1868-02-11
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
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„Religion." Herr Müller wendet sich nun mit vielen Worten gegen Lessing, dessen „Deismus und Rationalismus von der Kirche als Abfall vom Christenthume angesehen werde." Wir haben hiergegen Nichts zu sagen, theils weil es sehr überflüssig wäre, theis weil wir der „Kirche" ihren Standpunkt durchaus nicht bestreiten wollen. Er sagt: „Das Christenthum ist von der Person und der Lehre Jesu Christi untrennbar und verhält sich zu Allem, was damit nicht übereinstimmt, in abstoßender und negirender Weise: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; Niemand kommt zum Vater denn durch wich," sagt der Stifter des Christeuthums Ev. Joh. 14, 6. Das Christenthum ist daher der Ueberzeugung, daß es in religiöser Beziehung im Alleinbesitz der Wahrheit ist und daß nichts wahrer ist, als das Christenthum. Hat die Kirche aber diese Ueberzeugung, d. h. diesen Glauben, so muß sie mit derselben ^Propaganda zu machen suchen und an allen denen missiouiren, die diese Ueberzeugung nicht theilen, und da es sich hier um ewige und göttliche Wahrheiten handelt, so müssen alle menschlichen und irdischen Rücksichten dabei schweigen, ohne daß die Kirche dadurch „plump" zu werden braucht und ohne daß die Juden dabei äußerlich oder innerlich „verbrannt" zu werden zu befürchten haben." — Aus diesen Worten heben wir nur hervor: ,,Alle menschlichen und irdischen Rücksichten müssen dabei schweigen." Hiermit hat der Mann sich und seine Genossen vollständig charakterisirt. Alle menschlichen Rücksichten müssen bei dieser Propaganda schweigen, also alle Rücksichten der Menschlichkeit, der Liebe und des Rechtes — z. B. der Grundsatz, daß nur die Ueberzeugung, nicht das Schwert, nicht Gelder, Aemter und Ehren Mittel der Bekehrung sein sollen — das wäre ein „menschlicher" Grundsatz und darf also bei Verbreitung „göttlicher Wahrheiten" nicht berücksichtigt werden. Daß diesem offen ausgesprochenen Grundsätze gegenüber die Juden nicht fürchten sollen „verbrannt zu werden," ist eine kindische Forderung. Wir befürchten dies nicht mehr, weil die Pfaffen nicht mehr die Herren der Staatsgewalt sind. Mit dem Augenblicke, wo sie es wieder würden, müßten wir auch dies wieder befürchten. Uebrigens kann man sich auch fürchten, zu erfrieren, und da der Jude, der sich in Rußland taufen läßt und in etwaiger späterer Reue sich wieder zum Judenthume bekennt, gesetzlich noch immer nach Sibirien geschickt wird, liegt diese Furcht nicht allzu fern. Herr Müller wenigstens ist nicht der Mann, der uns die Furcht vor dem Scheiterhaufen nehmen könnte. Ob die Missionäre auch von „irdischen Rücksichten" sich so gar fern halten, will die Fama nicht nachsagen, und Thatsachen beweisen genug, daß sie für klingende irdische Rücksichten wohl zugängig sind. Soweit Herr Müller. Trotz alledem würden wir sehr ungerecht sein, wenn wir Herrn Müller, obschon „Schwert, Kummer und Thränen" bei Bekehrung der Ungläubigen nicht scheuend, nicht noch als sehr milde im Vergleich mit Pastor Grüner zu Dünaburg anerkennen sollten. Dieser Religionsdiener ist wahrscheinlich ein Neuling auf dem literarischen Felde und tritt daher mit Geberden und Streichen auf, die wir mit dem besten Willen nicht anders als Ire eines Klopffechters zu bezeichnen vermögen. Unumwunden spricht er zuerst aus, daß die evangelische Kirche der katholischen gegenüber „die Wahrheit dem Jrrthum gegenüber vertrete, und daß ein Uebertritt voWProtestantismus zum Katholizismus nur als Abfall von der Wahrheit zum Jrrthum gelten könne, den nicht auf geistiger Erkenntniß beruhende Ueberzeugung, sondern nur krankhafte Gefühlserregung, beziehungsweise die den Sinnen imponirende Macht des katholischen Cultus zu Wege bringen könnte." Dies ist nur eine interne Frage zwischen den beiden Kirchen, die uns nichts weiter angeht. Warum wir sie aber anführen? weil, wenn der Protestant sie dem Katholiken gegenüber auszusprechen sich berechtigt glaubt, gerade dieselben Worte zu gebrauchen dem Juden das Recht nicht abzusprechen ist, wenn es einen Uebertritt von seiner Religion zu einer anderen gilt. Auch wir Juden sind von der Wahrheit unsrer Religion mindestens ebenso durchdrungen, wie der Protestant und der Katholik von der seinigen, denn der Katholik wird vermutlich ebenso wie der Pastor Grüner , von dem Uebertritt eines Katholiken zum Protestantismus sprechen. Die Juden haben dies in einem Maße und Umfange erwiesen, und erweisen es täglich noch, wie keine andere Volksmasse der Erde; denA ihr Martyrium um ihrer Religion willen wurde nicht von Einzelnen oder von einem Volke eine Zeitlang, sondern bereits fast zwei Jahrtausende vom gesammten Volke getragen. Welches Recht habt Ihr, einen Uebertritt, ein Jeder von seiner Kirche, als einen Abfall von der Wahrheit zum Jrrthume anzusehen, ohne uns dasselbe einzuräumen? Ihr glaubt Euch in der Wahrheit, uns im Jrrthum — wir glauben uns in der Wahrheit und Euch im Jrrthum. Aber das ist es eben, was den wahrhaft Religiösen von dem blinden Eiferer unterschei-