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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-02-04 · Heft 6 (4.2.1868) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 6 (4.2.1868)
Date
1868-02-04
Page
Seite 119 (sequence 19)
Language
German
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119 Lemmel, ein Sohn des in der jüdischen Welt allbekannten ö’bto bpn S, also von renommirter Abkunft, war in jeder Faser eine erhabene Natur. Schon vor seiner Großjährigkeit im Besitze großer Renten, hatte er, wahrend andere Schicksalsgenossen fahrend und prassend sich der Welt zu erkennen geben, für sich fast gar kein Bedürfniß, vielmehr war fein Vermögen nur dem allgemeinen Wohle gewidmet. Nicht von seiner echtjüdischen Barmherzigkeit gegen seine Umgebung zu reden, die gehörte zur Hausordnung in der ganzen Familie, sondern seine Kasse batte den edlen Zweck, Bildung unter den Israeliten in weiteren Kreisen zu fördern, Stipendien an jüdische Studirende und Künstler durch dritte Hand zu reichen, Schulbibliotheken zu gründen und zu unterstützen, hinterlassene Bibliotheken von Rabbinern und Lehrern zu acquiriren, um sie Fachmännern oder Freunden im fernsten Amerika zuzusenden. Ebenso war es mit seiner Bildung, seiner Zeit und seinem Einflüsse. Sein edler Styl hatte nu? ein edles Ziel. Seine Correspondenz über die Emancipation der Juden, die er, kaum 20 Jahre zählend, mit den DDr. Willich, Schwindl, Th. Dittmer, den Koryphäen der bairischen Kammer führte, ist mit dem heißesten Herzblut geschrieben, um diese Männer zur Vertretung unseres Rechtes zu animiren. Armen und besonders verwaisten Knaben und Mädchen war er Vermittler, um sie in den besten Hausern zu placiren. Sein Fußleiden, das ihn zu den bedeutendsten Aerzten drängte, konnte ihn nicht hindern, selbst bei größtem Schmerz, israelitische Männer der Wissenschaft und des Einflusses aufzusuchen, und Männner wie Riesser, Mannheimer, Wolf Maier, Stein schätzten ihn hoch; ebenso war er stets der väterliche Rathgeber und Freund seiner Zöglinge, von vielen sogar Versorger. Kurz jedes Wort an ihm war eine liebenswürdige Anregung edler Humanität. 12 ■nbn ara-iin mst Ganz dieser Richtung gemäß war auch die Wahl seiner Gattin, der er wegen hoher Bildung und edler Denkweise sein Her; schenkte, und die, als die Zierde seines Lebens, in allem Erhabenen mit ihm sympathisirte; daher auch die Sprößlinge als Erben des elterlichen Adels, des ungetheiltesten Beifalls, ja Segens sich erfreuen. m-nzr V2i -M82 Nim. Nicht leicht aber wird eine Seele, so reich begabt, so verwirklichter Poesie möchte ich sagen, unter uns wieder sichtbar erscheinen. Seine allgemeine klassische Bildung, seine speciellen Kenntnisse der jüdischen Literatur, seine begeisterte Hingebung an das Wohl unserer Glaubensgemeinschaft, seine aufopfernde Zuvorkommenheit mit Gut und Blut gegen Jedermann ohne Unterschied des Glaubens, seine liebenswürdige Freundlichkeit gegen jeden Fremden und Bedrängten , seine selbstverleugnende Durchführung edler Vorsätze reihen ihn den seltensten Menschen an. Jeder Zug seines Lebens, jedes Werk seines Lebens, jeder Gedanke seiner Muße gehört ins Register der Begeisterung, Herzgewinnung, Beglückung. Verehrung und Liebe wird ihm darum auch bei allen Bekannten bewahrt bleiben. Sein Verdienst berechtigt ihn aber zur Einzeichnung seines Namens in die Jahrbücher Israels. Die drei Vorhänge. In dem Heiligthume, welches Moses in der Wüste errichtete, und das gewöhnlich in deutscher Sprache „Stiftshütte" genannt wird, waren drei Vorhänge. Der eine deckte den Zugang zum ersten Raume, dem Hofe, der zweite zum Heiligen, der dritte zum Allerheiligsten. Der Hof diente zur Versammlung des ganzen Volkes, und in ihm befanden sich der Opferaltar und das Wasserbecken. Das Heilige und Allerheiligste bildeten die eigentliche „Wohnung"; im ersteren standen der siebenarmige Leuchter, der Räucheraltar und der Schaubrodtisch; im Allerheiligsten nur die Lade mit den Gesetzestafeln, bedeckt von der Sühnplatte, aus welcher sich die beiden Cherubim erhoben. In das Heilige durften nur die Priester eingehen, um den Leuchter, den Raucheraltar und den Schaubrodtisch zu bedienen; in das Allerheiligste ging allein der Hohepriester und nur am Versöhnungstage, um seine und des Volkes Sünden zu sühnen. Der Hof war nur vom Gewölbe des Himmels überdeckt; im Heiligen verbreiteten die Lampen des Leuchters ihr Licht; im Allerheiligsten war es dunkel. Obschon der Hof von weißen Linnentüchern, an Säulen ausgespannt, umzogen war, war doch sein Vorhang Buntwirkerarbeit von tiefblauer und purpurrother und karmoisinrother Wolle und weißem gezwirnten Byssus; ganz gleich war der Vorhang vor dem Heiligen, dagegen war der Vorhang vor dein Allerheiligsten „Kunstweberarbeit", indem in die genannten Stoffe Cherubim eingewebt waren. Diese Einrichtungen wurden auch im Allgemeinen ein halbes Jahrtausend später bei dem Salomonischen Tempel beibehalten. Was hätten wir uns wohl bei diesen drei Vorhängen zu denken? . . . Die heilige Schrift verräth nichts von den Gedanken und Zwecken, die allen diesen, bis ins Einzelnste, an Stoff, Farben, Größe vorgeschriebenen Veranstaltungen zu Grunde lagen. Sie brauchte es nicht, denn zu ihrer Zeit war sicherlich die Symbolik eben Sache des allgemeinen Verständnisses, wie selbst in unserer Zeit noch ein Jeder versteht, was z. B. ein Veilchen, eine Lilie, ein Vergißmeinnicht u. s. w. bezeichnen soll, obgleich der Gedanke der Bescheidenheit, der Unschuld, der treuen Erinnerung an sich diesen Pflanzen nicht innewohnt. Wenn die heilige Schrift vorschreibt, Fäden von tiefblauer Wolle an die Ecken des Gewandes zu setzen, um bei ihrem Anschauen aller Gesetze des Herrn zu gedenken und sie zu thun, so mußte sie voraussetzen, daß Jedermann die Bedeutung der tiefblauen Wolle von selbst kenne, so daß also nicht etwa willkühr-

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