Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1868)
- Date
- 1868-02-04
- Page
- Seite 120 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226642--25777-3261287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
120 lich dieser Gedanke mit diesem Gegenstände von ihr verbunden ward und es erst der Gelehrsamkeit bedurfte, um zu wissen, woran man bei dieser Schnur zu denken habe. Uns aber ist diese Symbolik längst verloren gegangen, und nur Weniges können wir mit einiger Sicherheit aus Vergleichung und geringen Andeutungen erklären. Da ist uns denn ein weites Feld der Gedanken eröffnet; wir können jene Einrichtungen mit mehr oder weniger Glück so und so deuten, und wenn es nur ein religiöser und sittlicher Gedanke ist, der uns beschäftigt und anregt, und welcher sich mit ewiger Beqemlichkeit dem Gegenstände anpaßt, so ist er uns willkommen. Das haben denn auch unsere Vorgänger im Midrasch wacker gethan, und der neuere Prediger folgt ihnen darin gern, und benutzt, wo er kann, ihre sinnreichen Auslegungen. Es versteht sich, daß Niemand derartigen Erklärungen eine wirkliche Richtigkeit zuschreibt, nämlich, daß eine derselben die wirkliche symbolische Bedeutung, wie sie ursprünglich dem Gegenstände innewohnte, gegeben habe. Aber es ist dennoch kein müßiges Spiel. Um die religiösen Lehren und Gesetze der menschlichen Seele tief und immer tiefer einzuprägen, immer wieder mit Nachdruck und nachhaltig in ihr aufzufrischen, zu Bewußtsein zu bringen und zum Ansporn für einen gottesfürchtigen, tugendhaften Lebenswandel zu machen, giebt es gar verschiedene Wege und Mittel. Jetzt imponirt uns der einfachste, bündigste Ausspruch, überwältigt uns und reißt uns hin. Wie oft prägt sich ein so einfacher Satz für immer unserem Geiste ein und tritt uns in den mannigfaltigsten Lebensmomenten vor die Seele. Denken wir z. B. an den kleinen Spruch: „Auch dies ist zum Guten!" Was war er unfern Vätern in tausendfachen Bedrängnissen, was uns! Ein ander Mal verlangen wir die Auseinandersetzung und Beweisführung des Verstandes, um uns mit einer Lehre oder einem Gesetze in völlige Uebereinstimmung zu bringen. Je befriedigter unser Scharfsinn, je überzeugter unser Verstand wird, desto belebter und durchdrungener werden wir. Nicht minder gelingt es dem gemüthlichen Redner, der aus der Fülle des eigenen Herzens unsere Gefühle aufzuregen versteht, uns zu den ernstesten Vorsätzen, zu den würdigsten Handlungen zu bewegen, und je weniger uns auf die Länge ein Redner zusagt, der sich allein innerhalb der Gefühlserregung, der Rührung und Thränen hält, ebenso wenig gewinnt ein Redner, der nur kalt an unsere Vernunft appellirt, einen Einfluß auf uns. Endlich ist es aber auch die Phantasie, welche ein kräftiger Motor für unsere Seele ist. Kühne, reiche, mannigfaltige, jedoch stets zutreffende Bilder regen unfern Geist an und auf und werden so der Weg, auf welchem die Wahrheit, die Ueberzeugung, die gute Entschließung in uns genährt und gestärkt werden. Gerade allbekannte Wahrheiten und Lehren bedürfen um so eher solcher Mittel der Einbildungskraft, weil sie dadurch den Reiz der Neuheit oder einen neuen Reiz erhalten. Denn unsere Seele ist einmal so angelegt, daß Gewohnheit und Einförmigkeit die Empfindung, deren Feinheit und Energie abstumpfen. Dies zur Rechtfertigung des beliebten Drusch, der bei unsren Alten, der aber auch bei uns in religiösen Vorträgen keine kleine Rolle spielt. (Schluß folgt.) Korrespondenz. Alexandrien, 18. Dec. 1867. Vorgestern hat in der Billa des Herrn I. L. Menasce ein glänzender Ball zu Ehren des Vicekönigs stattgefunden. Se. Hoheit geruhte, demselben persönlich beizuwohnen, begleitet von allen Ministern und hohen Würdenträgern des Landes, und trug, da Herr Menasce ein Oesterreicher ist, ausschließlich den österreichischen Orden. Wir sehen hier zum ersten Male einen türkischen Fürsten in seinem Lande das Fest eines Privatmanns mit seiner Anwesenheit beehren, und es wird dies für alle Freunde des Fortschritts überhaupt, besonders aber für die Juden, höchst erfreulich sein, indem Herr Menasce, dem solche Auszeichnung zu Theil ward, unser Glaubensgenosse ist. Derselbe war einige Tage vorher zum Commandeur des Medgidje dritter Klasse ernannt worden. Der Vicekönig kam um 101/2 Uhr direct von seiner Residenz in Kairo mit einem Extrazug hier an, stieg bei Herrn Menasce ab, und fuhr, nach vierstündigem Aufenthalt daselbst, wieder zurück. Se. Hoheit geruhte, einige Erfrischungen anzunehmen, und befand sich größtentheils in der für ihn bestimmten erhöhten Abtheilung des Saales, von wo aus er dem Balle viele Aufmerksamkeit zu widmen schien, und sich Alles mit der größten Freundlichkeit betrachtete. Was die Anordnung des Festes betrifft, so sei gesagt, daß dieselbe alle Erwartungen übertraf. Es war alles vereinigt, was Reichthum, Pracht und seiner Geschmack Hervorbringen können. Die Anzahl der beim Feste anwesenden Personen belief sich ungefähr auf 1500, und bestand aus der Elite unserer Gesellschaft. H. Bemerkung. Wir erhielten jüngst von Herrn Str. drei, nach seiner Meinung unbekannte Briefe, nämlich zwei von Mendelssohn an Sophie Becker und einen von dieser an Mendelssohn, zum Abdruck in unserm Feuilleton. Diese Briefe sind aber in der Brockhaus'schen Gesammtausgabe der Werke Mendelssohn's Bd. V, S. 246 ff. abgedruckt, können also durchaus nicht für unbekannt angenommen werden. Redaction. Verlag von Baumgärtuer's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Idr. H.i LoHe.