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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-02-04 · Heft 6 (4.2.1868) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 6 (4.2.1868)
Date
1868-02-04
Page
Seite 103 (sequence 3)
Language
German
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103 Ganz anders verhalt es sich jedoch mit den hier seßhaften polnischen und russischen Juden. Nur wenige haben Vermögen und huldigen deutschem Wesen und deutschem Comfort, und nur wenige sind Inhaber und Theilhaber regelmäßiger Geschäfte. Fast alle sind Mäkler, Fuhrleute und Trödler, Koscher-Schneider und Kürschner, Garköche, Schochtim, Melamdim, Mohulim, Sofrim, Chasonim, Schamoschim. Viele, besonders junge Nute, haben weiter kein Geschäft, als daß sie Tag und Nacht im „Beth-Hamidrasch sitzen" und lernen. Die Zahl aller dieser beträgt fast das dreifache gegen die Zahl der deutschen Juden gehalten; sie läßt sich eigentlich gar nicht so recht bestimmen. Sie nimmt ab und zu; man kommt und geht und Niemand, selbst nicht einmal die Behörde kümmert sich darum. Unter diesen Leuten herrscht gegenwärtig eine unbeschreibliche Noth. Ein Mitglied unserer deutschen Gemeinde, Moritz Becker mit Namen, eben jener reiche Bernstein-Händler, hat 50 i!ast Roggen ä 60 Scheffel billig angekauft, hat dafür Steuererlaß erhalten und läßt denselben nun zu Brot verbacken und dieses an die Armen der Stadt zum Kostenpreise verkaufen, wodurch eine Ersparniß von einem halben Sgr. pro Pfund erzielt worden. Da kömmt nun ein junger Mensch aus dem Beth-Hamidrasch, auf dessen Bänken sitzt und lernt, ißt und trinkt und schläft er, holt sich bei dem Unterzeichneten „einen Zettel af Brout," erhält eine Marke, worauf er 2 Pfund Brot zu 2 Sgr. empfängt, davon lebt er 11/2 Tage. Mindestens 40 ganze Familien holen sich so die Marken zu Brot oder anderen Nahrungsmitteln: Kartoffeln, Reis, Graupen, Erbsen, welche ihnen 20--50°/o unter dem stostenpreise verkauft werden d. h. falls sie das Geld dazu haben; aber theilweise besitzen sie es gar nicht oder doch nur sehr unzureichend. Trotzdem sind alle diese bedeutend besser gestellt als die Juden drüben in Rußland, woselbst sie, wie schon gesagt, % der Grenzbevölkerung ausmachen, die zur Zeit säiumtlich wohlhabend waren, einen großen Theil des Binnenhandels zum Theil mit eingeschmuggelten Maaren in Händen hatten, bis durch die Eisenbahn, Zollermäßigung, schärfere Grenzbewachung fast 900/o derselben brotlos geworden ist. Der Jammer, die Noth, die Roheit, der Schmutz und die Unehrlichkeit dieser Menschen ist unbeschreiblich. Das Gute, welches sie aufrecht erhält, daß sie nicht verhungern und verkommen, ist ihre säst an die alterthümliche Ascetik grenzende Enthaltsamkeit, ihre fast den Communismus verwirklichende Wohlthätigkeit, was freilich nicht viel sagen will, und welche sie trotz der bittersten Gehässigkeit des Einen gegen den Andern üben; ferner sind ein großer Theil „Wohllerner" und ein absoluter Am-Maarez selten Einer. Die Noth dieser Menschen in gegenwärtiger schwerer Zeit zu lindern, dazu reichen alle Mittel nicht aus. Unterstütze einmal einer 100,000, sage hunderttausend Menschen, die allein an den Grenzen wohnen. Daß wir nun von Schaaren solcher hungernder Menschen umschwärmt sind, denen wir trotz der eigenen Calamität helfen müssen, ist selbstverständlich, daß wir das aber ohne die wirksame Beihülfe unserer Brüder im In- und Auslande nicht vermögen, ist ebenso selbstverständlich. Das ist ein trauriges, theilweise schmutziges Bild, welches ich zuletzt entworfen habe, und trotzdem möchte man so ähnlich wie der alte Weise sagen: „die Tochter Israels ist doch schön, nur die Noth hat sie entstellt." Dr. Rülf. Bonn, 24. Januar. Zur Angelegenheit der Anterstützungsoereine für jüdische Cultusbeamte. Wir erhielten folgende Zuschrift: „Indem wir Euer Hochwürden für die gefällige Zusendung des in sJfr\ 1. der Zeitung des Judenthums enthaltenen Artikels — betreffend Unterstützungskassen für jüdische Cultus-Beamte, deren Wittwen und Waisen — ganz ergebenst danken, theilen wir Ihnen bereits jetzt mit daß diese Angelegenheit in der nächsten Sitzung des Vorstandes in Erwägung gezogen werden wird. — Da jedoch erst vor wenigen Tagen eine Sitzung stattgesunden hat, dürfte in nächster Zeit keine Veranlassung zu einer solchen sein, und werden wir uns erlauben, Euer Hochwürden seiner Zeit von unserm desfallsigen Beschlüsse in Kentniß zu setzen. Königsberg in Preußen, den 17. Januar 1868. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde. Gabriel. —. Von einem wohlgesinnten und erfahrenen Manne erhalten wir ein Schreiben, aus welchem wir folgende Stelle entnehmen: „Die projektirten Kassen sind in der That für den gedeihlichen Fortbestand des Judenthums nöthig, wenn 6*

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