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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-02-04 · Heft 6 (4.2.1868) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 6 (4.2.1868)
Date
1868-02-04
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 aber die Verkeilung von Brod haben wir aus Mangel an Geldmitteln noch nicht in den Bereich unserer Thätigkeit zu ziehen vermocht. Ihr Mitbrüder von nah und fern, wes Standes, Glaubens und welcher Nationalität ihr auch sein mögt! — wir machen ja auch keinen Unterschied; und solange wir noch einen Pfennig besitzen, unterstützen wir alle Unglücklichen gleichmäßig, welches Glaubens und welcher Nationalität sie auch sein mögen; denn als Grenz-, See- und Handelsstadt beherbergen wir eine große Anzahl Fremder; — darum gewährt uns die Mittel, unsere hungernden Armen wenigstens nothdürftig mit Brod versehen zu können; alsdann gelingt es uns vielleicht, über diese Calamität hinweg zu kommen, bis der Frühling die Schnee- und Eisdecke geschmolzen hat, und mit Beginn der Schiffahrt sich wieder Arbeit findet. Memel, den 14. Januar 1868. Der Verein zur Abwehr des Nothstandes. Hasse) Eonsistorialrath. Senjainin fiunfct, Kaufmann. Vorsitzender. Kassenführer. Dr. Uiilf) Prediger der Synagogen-Gemeinde. Schriftführer. Die Ausschuß-Mitglieder. Aucker, Moritz Becker, Herrmann Block, Consul Fowler, Direktor Dr. §cturict, W. Herrmann, I. Jlgeustein, Jiinisch scn., H. Laascr, Meyer Lewy, M. Parz, W. A. Nosenbaum, W. Schröder, Stantien, I. E. v. Zaborowsky, Zachlehner jun. Die Armenvorsteher der Stadt. E. Heinrich, Wm. Hewelcke, I. D. Mölchert, F. Rosenbaum, I. G. Scheu, Schorning, Franz Zwick. Vor Allen fordert der Unterzeichnete seine Glaubensbrüder zu recht reger und reicher Betheiligung auf. Die Mitglieder der deutsch-israelitischen Gemeinde sind zwar durchgehends wohlhabend und thun auch das Ihrige in dieser schweren Calamität; allein es wohnen hier 40 bis 50 israelitische Familien, welche aus den nahen russischen Grenzbezirken, deren Gesammtbevölkerung gut drei viertel aus Juden besteht, theilweise sich hier niedergelassen, theilweise nur vorübergehend ihren Wohnsitz haben. In der überaus großen Roth, in welcher sich diese befinden, werden auch sie von dem Verein auf das kräftigste und unparteilichste unterstützt. In Rücksicht dessen ist es nicht nur Nothwendigkeit, sondern auch Ehrensache, daß die Gaben für unfern Verein, welche der Unterzeichnete stets entgegenzunehmen bereit ist, recht reichlich fließen mögen. Im Uebrigen verweisen wir auf die Berichte in der „Zeitung des Judenthums," woselbst auch die einlaufenden Gaben von Glaubensgenossen veröffentlicht werden. Dr. Milf, Prediger der Synagogen-Gemeinde. Memel, d. 16. Jan. Zur Illustration des voranstehenden Aufrufs, besonders seines Nachtrags, sowie auch an und für sich, dürfte eine Schilderung des jüd- Lebens an hiesigem Orte, sowie in den russischen Grenzbezirken, von besonderem Interesse sein. Schon zur Zeit als am hiesigen Orte erst 3 bis 4 israel. Familien seßhaft waren, war hier der Sammel- und Tummelplatz einer Masse Fremder, besonders Russen und Polen, welche der reiche Geschäftsverkehr hierherzog, und mit der Zeit hat sich dieser Verkehr eher gesteigert als gelnindert. Im Sommer wimmelt es hier von Juden aus Lithauen, Polen, Kurland, Bolhynien u. s. w., theilweise prächtige Gestalten, wie sie Leonardo da Vinci nicht besser darzustellen gewußt hat, theilweise auch sehr reiche Leute mit ihren jüd. Dienern, Köchen, Unterhändlern; denn Memel ist der Hauptstapelplatz der gewaltigen russischen Hölzer, der Haupthandelsgegenstand der Stadt. Mit Juli kommen diese Fremden und mit November verschwinden sie nach und nach. Die deutsch-israelitische Gemeinde unterscheidet sich in Nichts von anderen Gemeinden deutscher Städte. Die Mitglieder sind vermögend, gebildet, mit allem Lebenscomfort umgeben und ziemlich indifferent in religiösen Dingen. Auch in ihren Geschäften, die wie ihr Leben einen großstädtischen Anstrich tragen, unterscheiden sie sich gleichfalls nicht von den übrigen deutschen Glaubensbrüdern. Ihr erster Vorsteher ist ein Doctor der Medicin, außer welchem es hier noch einen Arzt jüd. Glaubens gibt. Sie sind Engrossisten, Detaillisten, Producten- und Salzhändler (an Salz allein wird jährlich für ein paar Millionen nach Rußland geführt), haben für die noble Welt Tuch- und Kleiderläden, Bank- und Speditions-Geschäfte, Bier- und Weinlocale. Nur ein Einziger hat ein Geschäft, das in Deutschland vielleicht nirgends in dieser Form und Ausdehnung vorhanden ist; er hat von der Krone Preußens die Bernstein-Baggereien und Gräbereien in Pacht, ein Geschäft, das dem Mann in ca. 12 Jahren über eine halbe Million eingebracht und auch noch mehreren anderen gleichfalls zu nicht unansehnlichem Vermögen verholfen hat. Beschreibung und Abbildung dieses Betriebes brachte neulich die Leipziger illustrirte Zeitung.

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