Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-01-28 · Heft 5 (28.1.1868) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 5 (28.1.1868)
Date
1868-01-28
Page
Seite 99 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226641--25755-3261264
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 Tugend ohne Lohn bleibt, daß der Sünder so oft im Ueberflnß schwelgt, während der Tugendhafte mit Noch zu kämpfen hat. Aus diesem Allem folgt nothwendig das Belohntwerden der Seele im Jenseits. Aber die Seele — so fährt er fort — konnte von selb st nichts thun, außer mit Hülfe der Organe des Körpers. Da daher jede gute oder schlechte Handlung das Resultat der gemeinsamen Wirksamkeit des Körpers und der Seele ist, ist es billig, daß beide auch an der Belohnung theilnehmen sollen, und zwar beide vereint, wie sie vereint gehandelt haben. Da aber die Seele im Jenseits geschieden ist vom Körper, kann die Belohnung dort vorläufig noch nicht stattfinden, sondern erst, wenn diese Bestandteile des Menschen sich wieder vereinigen werden, d. i. nach der Auferstehung. Was geschieht also mit der Seele im Jenseits? Nach Saadia — nichts! d. h. nach seiner Ansicht ist das Jenseits nichts Anderes als der Ort, wo die Seele bis zum Tage der Auferstehung bewacht wird, und wo sie die Belohnung ihres irdischen Lebens müßig abwartet. Bis dahin weilt die Seele des Frommen oben, in der Nähe des himmlischen Glanzes Gottes, die des Sünders hingegen unten, unruhig, in einem schmerzlichen Zustande. „Bis zur Auferstehung", heißt es bei ihm, „ist dies der einige Unterschied zwischen Beiden." — Anders und aus einem höheren Gesichtspunkte antwortet uns Maimuni auf diese Frage. Gerade in dieses Zenseits, das nach Saadia ein bloß müßiges Warten ist, versetzt er die schönste Blüthe des Seelenlebens, und dieses Leben ist der (End-)Zweck der Seele. Lohn oder Strafe trifft nach seiner Ansicht bloß die Seele, denn sie verursacht jede Handlung, während der Körper nichts anderes als der blinde Sklave derselben ist. Die Seele soll aber zufolge ihrer göttlichen Natur sich bestreben, sich zu entwickeln und zu veredlen. Hieuieden kann sie dies nicht erreichen, aber im Jenseits kann sie die höchstmöglieye Vollkommenheit erlangen, und dies ist der reine und geistige Lohn des Guten, dessen himmlische Wonne der Mensch ebenso wenig zu fassen vermag, wie der Blinde sich keine Farben, der Taube leine Töne vorstellen kann; und um so größeren Antheil hat die Seele an diesem Lohne, in je reinerem Zustande sie den Körper verlassen hat. Die größte Strafe aber besteht nach Maimuni darin, wenn der Seele der Einlaß ins Jenseits und dadurch die Möglichkeit der gänzlichen Ausbildung verweigert wird; was sich aber nicht entwickelt und nicht vorwärts schreitet, das geht zu Grunde, und so geht auch die Seele des Ruchlosen zu Grunde und löst sich auf. Dies ist die Ansicht Maimuni's und wie wir hinzufügen können, die wirkliche Ansicht der jüdischen Religion über die jenseitige Belohnung und Bestrafung. Denn jede Nation hat sich das jenseits dem irdischen Leben entsprechend gedacht; jede erwartet im Jenseits das zu finden, was sie hienieden für die größte Glückseligkeit hält. Der Urbewohner Amerikas glaubt, daß es im Jenseits weite Ebenen gie'H auf welchen er mit Hülfe schneller Rosse die fettesten Büffel erlegen wird; die Indier hingegen, die ein ergiebiger Boden und eine ewig lächelnde Sonne veranlaßt in ruhigem Müßiggang die größte Glückseligkeit zu suchen, malen sich die Belohnung des Guten und Frommen so aus, daß er in der jenseitigen Welt ein beschauliches Leben führt, d. h. daß er — nichts thut. Die kriegerischen Germanen glaubten, daß der frommen Krieger in der Wallhalla viele Kriege, scharfe Schwerter und gute Panzer warten, und außerdem gutes, süßes * Meth, womit sie sich sammt den Göttern berauschen werden. Die Erwartungen des Eskimo gehen nicht über viele Wallsische und guten Fischthran hinaus; während der geile Muhammedaner im Jenseits alle Freuden seines Harems erwartet. Der Jude hingegen, den seine Religion zur Reinheit der Sitten und zur Ausbildung seiner Seele mahnt, denkt sich den Lohn des Jenseits in dieser Richtung, und sucht ihn darin, daß er den höchsten Grad der Ausbildung, den er hienieden nicht erreichen kann, dort erlangen wird. Mit einer solch einfachen und doch erhabenen Auffassung konnte sich das gewöhnliche Volk nicht begnügen; es klammerte sich an die Materie und konnte sich die Belohnung nicht anders denken, als leiblich fühlbar. Dazu kam noch, daß, da sie Jahrhunderte hindurch unter arabischer Herrschaft, unter Muhammedanern lebten, deren schwelgerische Ansichten über die sinnlichen Vergnügungen des Paradieses, wie schon Maimuni kla auf sie nicht ohne Einfluß blieben. So kam es, daß ch über die Beschaffenheit dieser Belohnung noch eine a. re, von der früheren abweichende Ansicht verbreitet har, an welcher der Einfluß der Hagada, wie auch die Folgen ihrer Entstehung deutlich zu erkennen sind. Der Dolmetsch dieser Ansicht ist ebenfalls Saadia. Nach seiner Ansicht betrifft doch die Belohnung — wie schon erwähnt — den Körper sowohl als die Seele. Aus diesem Satze folgt zunächst, daß die Belohnung, da sie auch den Körper betrifft, nicht rein geistig sein kann, sondern auch materiell; ferner, daß sie von doppelter Wirkung sein muß, je nachdem sie auf den Körper oder auf die Seele einwirkt. Zu diesem Zwecke — sagt Saadia — wird Gott dereinst zwei feine, neue Materien schaffen, welche beide von einem dem Feuer ähnlichen Elemente ihren Ursprung nehmen werden. Durch diese wird dann die Belohnung und Bestrafung bewerkstelligt. Wie das Feuer eine verheerende, aber zugleich erhaltende, eine verzehrende, aber zugleich leuchtende Kraft besitzt, so werden auch diese Materien die Frommen mit einem Glanz umstrahlen, die Bösewichter hingegen versengen. Verzehrendes Feuer und leuchtende Strahlen werden zugleich ausstrahlen aus denselben, aber der Herr wird Ersteres abwehren von den Frommen, Letzteres von den Sündern; beiläufig wie es einst in Aegypten der Fall war, wo zugleich Licht und Finsterniß herrschte, Licht für Israel, Finsterniß für die Aegypter. Dieser jenseitige Glanz wird die Seelen der Frommen mit der reinsten Freude erfüllen, ihre Körper aber stärken, daß sie ewig O

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.