Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-01-28 · Heft 5 (28.1.1868) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 5 (28.1.1868)
Date
1868-01-28
Page
Seite 98 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226641--25754-3261263
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

98 die der wenigen Denkenden, und dies ist der Fall besonders bei der Auffassung des Jenseits. Um die hierüber entstandenen zwei Ansichten kurz zu skizziren, haben wir zwei, der Zeit und dem Orte nach von einander entfernte, aber noch mehr in der Auffassung verschiedene Religionsphilosophen gewählt, Die in ihren Schriften ausführlich über das Jenseits sprechen und die obenerwähnten zwei verschiedenen Ansichten repräsentiren, diese sind: Saadia, der Präsident der surianischen Akademie, und Maimuni. Saadia, der Aeltere, der zu Anfang des 9. Jahrhunderts in Babylon lebte und der Begründer der jüdischen Religionsphilosophie war, giebt meistens die Ansichten des großen Volkshaufens wieder, wenn auch in wissenschaftlicher Form und mit Gründen belegt, während der um 250 Jahre später lebende, die griechische, besonders die Aristotelische Philosophie studirende, scharfsinnigere Maimonide, reineren erhabeneren Ansichten huldigt. Wir werden daher die Ansichten Saadia's und Maimuni's in einer Parallele nebeneinander stellen. Das Jenseits als wirkliche Heimath der Seele nimmt natürlich nur diese auf; da die Seele nun den Gegenstand unserer Betrachtung bildet, wollen wir in einigen Worten das Wesen derselben nach jüdischer Auffassung bestimmen. Die alte Welt hat oft die Frage ventilirt: Ob die Seele mit dem Menschen zugleich geschaffen wird und sich ausbildet, oder ob sie erst später als selbstständiges Wesen mit dem Körper in ein näheres Verhältnis tritt. Unter den griechischen Philosophen behaupten es die Pythagoräer, und besonders Plato, daß die Seele nicht mit dem Körper zugleich geschaffen wird, und dies ist auch die jüdische Auffassung. Die Seele ist der göttliche Geist, den der Herr in den ersten Menschen gehaucht; sie kommt daher von Außen in den Körper. Nach einer späteren Ansicht hat Gott bei Erschassuug der Welt auch eine gewisse Anzahl von Seelen geschaffen und läßt diese einzeln in die Körper der Neugeborenen kommen. Diese Seelen werden nach der Hagada an einem Orte, „Guf" genannt, bewacht, während Philo, ein ägyptisch - jüdischer Philosoph, den Raum zwischen Erde und Mond für sie bestimmt. Wenn diese Alle mit Körpern sich werden geeint haben, wird das Ende unserer jetzigen Welt sein und sich einstellen der Tag des jüngsten Gerichts. Die Seele ist ferner als der unmittelbare Ausfluß des göttlichen Wesens ihrer Natur nach rein und unbefleckt; sie wird nur dann sündhaft, wenn sie mit dem Körper in Berührung gekommen, mit diesem zusammen der Sünde verfällt. Die Erbsünde, als die Folge der Versündigung des ersten Menschenpaares, kennt die jüdische Auffassung nicht, vielmehr bekämpft sie dieselbe. Ueber die ursprüngliche Unbeflecktheit der Seele sind Äaadia und Maimuni einig; aber ihre Meinungen sind verschieden in Bezug auf die Unsterblichkeit der Seele. Saadia hält die Seele schon zufolge ihres göttlichen Ursprungs für unsterblich, deßhalb kann nach seiner Ansicht die Seele nie verwesen; wenn sie auch durch einen sündhaften Körper befleckt worden ist, lebt sie doch nach dessem Absterben, obgleich unter Qualen und Martern. Maimuni hingegen hält die Unsterblichkeit nicht für das Wesentliche der Seele, sondern hält sie bloß für befähigt zur Unsterblichkeit, aber zu diesem Grade kann sie sich nur durch eigenes, moralisches Streben erheben. Vernachlässigt sie aber auf Erden ihre Ausbildung und Veredelung und verfällt der Sünde, hört sie mit dem Ableben des Körpers, wie die des Thieres auf. Auf diesen principiellen Unterschied müssen wir genau achten, denn er charakterisirt die Eigenthümlichkeiten der beiden obenerwähnten Ansichten. Die nächste Folgerung ist gleich die, daß nach Saadia, oder der gewöhnlichen Auffassung, jede Seele, ohne Unterschied, ins Jenseits kommt; während nach Maimuni nur die vervollkommneten, tugendhaften Seelen dorthin gelangen. Nachdem wir dies vorausgeschickt, gehen wir näher auf die Lösung unserer Aufgabe ein. Betrachten wir zunächst die Befreiung der Seele vom Körper, den Augenblick des Todes, und begleiten wir sie, den Fußtapfen Saadia's folgend, ins Jenseits. — Sieh', auf dem Bette des Sterbenden der Todesengel, mit bläulicher Feuerfarbe. Wit gezücktem Schwerte steht er da, an dessen Spitze ein Gifttropfen schwebt; der Kranke sieht ihn, erschrickt, bebt zusammen, öffnet in seinem Schrecken den Mund, verschluckt den Gifttropfen und stirbt. Nachdem die Seele vom Körper geschieden, schwebt sie so lange im Weltenraume unstät herum, bis der Körper gänzlich verwest ist, dessen Verwesung auch sie schmerzlich empfindet, von welcher Zeit sie dann gänzlich frei ist vom Körper, den sie bewohnte. Wenn dieser sich nun völlig in seine Bestandtheile aufgelöst hat, kommt sie ins Jenseits. Dies ist die Ansicht Saadia's, und wit dieser hat er nicht bloß die Bildersprache der Hagada wörtlich genommen, sondern noch viele fremde, besonders altpersische Ansichten adoptirt. Anders Maimuni. Er spricht nichts von diesen Einzelheiten; nach ihm ist das Ende des Lebens ebenso unbegreiflich wie dessen Anfang. Gott giebt es, Gott nimmt es, wie? warum? Das können wir nach Maimuni nicht verstehen. Die Seele ist eingegangen in die Welt der Geister. Was geschieht dort mit ihr? Auf diese Frage antwortet er mit einer zweiten Frage: Was ist der Zweck des jenseitigen Lebens? Saadia sagt: Belohnung und Bestrafung. Es muß eine Vergeltung geben — sagt er — denn Gott ist allwissend, weise, gerecht und gut, und all' diese Eigenschaften müßten sonst im Widerspruch sein mit der Unvollkommenheit alles Guten und jeden Glückes, mit dem bitteren Neben- oder Nachgeschmack einer jeden Freude und jeden Genusses, — sie wären im Widerspruch mit jenem Streben der Seele, immer höher zu kommen, welches, da es unbefriedigt bleibt, ewige Unlust und unauslöschliche Wißbegier hervorbringt; besonders wären sie im Widerspruch mit jener traurigen Erfahrung, daß die Sünde auf Erden so oft ohne Strafe, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.