Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1868)
- Date
- 1868-01-28
- Page
- Seite 97 (sequence 17)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Fmillelon-Mlage jit tlr. 5. Leipzig, den 28. Januar 1868. Das Jenseits nach jüdischer Auffassung.*) Aus dem Ungarischen von Ignaz Friedlieber. Das Leben mit seinem geheimnißvollen Anfang und Ende, mit seinen verschiedenartig wechselnden Erscheinungen, deren Ursprung und Endziel meist dunkel, umnachtet,— ist ein Räthsel, mit welchem die Phantasie und die Denkkraft des Menschen seit zeher sich mit Vorliebe beschäftigt hat. Vergebens strebte er die Lösung dieses ewigen Räthsels in den ihn umgebenden, irdischen Verhältnissen zu finden; was er von den unzähligen Dingen und Erscheinungen, die er nicht begreifen konnte, am wenigsten verstand, das war er selb st,, und blieb es auch. Dieses vergebliche Streben bewog den Menschen schon in den ältesten Zeiten, die Wirklichkeit zu ignoriren und abzusehen von der Gegenwart, wenn er das Geheimniß seines Daseins beleuchten will. Er langte daher zurück in die neblige Vergangenheit und klopfte an die Erzthore der dunkeln Zukunft. In der Vergangenheit suchte er die Ursachen der düsteren Wirklichkeit, von der Zukunft hingegen erwartete er Schadenersatz für die Unbill und Leiden dieses Lebens sowohl, als die Ausgleichung alles Dessen, was er in Bezug auf sein irdisches Dasein nicht begreifen konnte, oder mit sich selbst im Widerspruche fand. — Fast bei jeder Nation treffen wir eine lebhaftere oder schwächere Ahnung eines anderen besseren Lebens. Diesen, im Innern eines jeden Menschen ruhenden Vorstellungen gab nun jede Religion eine gewisse Form und eine bestimmte Richtung. Die Religion zeigte dem Menschen nämlich das als etwas Wirkliches, was er bisher nur geahnt, und vergewisserte ihn dessen, daß die innere Stimme des Herzens ihn mit Recht auf die Vergangenheit und Zukunft verwies. Bald gestaltete sich diese Vergangenheit zu einem Zeitalter von Göttern, Halbgöttern, Heroen, oder zu einem paradiesischen, goldenen; und aus der dunkeln Zukunft, auf deren schweigsame Pforten er bis dahin vergebens geklopft, hörte er *) Populärer Vortrag, gehalten von Dr. Sam. Kohn, Prediger in Pest, im „IzraelitaMagyar-Egylet“. den aufmunternden Ruf der Religion, die ihn versichert, daß es dort wirklich noch eine Welt giebt, deren Bürger er einst ebenso sein wird, wie er es jetzt von dieser Welt ist. Dort, wo das irdische Leben aufhört und jenes andere anfängt, welches der Mensch ahnt, die Religion für gewiß hält: dort sind die Grenzen des Jenseits, und in Folge dessen auch der Ausgangspunkt unserer Aufgabe. Wir werden nur von der Zukunft, von der auf dieses Leben folgenden Zukunft sprechen, indem wir sie nach jüdischer Auffassung schildern; jene Rerniniscenzen, die der Mensch aus einer glücklicheren Vergangenheit bewahrt hat, fallen außerhalb der enggesteckten Grenzen dieser unserer Aufgabe. Wir wollen ferner nicht die Ansichten der Juden über das Jenseits, weder in ihrem Ursprünge noch in ihrer allmäligen Entnickelung betrachten, auch nicht dieselben kritisch beurtheilen, sondern sie objectiv darstellen, wie wir sie von unseren Religionsphilosophen anfgefaßt finden. Aber bevor wir auf unsere Aufgabe näher eingehen, wollen wir noch etwas vorausschicken. Die jüdische Religion hat bekanntlich außer der heiligen Schrift noch eine Quelle, und zwar die mündliche Tradition. Diese besteht wiederum aus zwei Hauptbestandtheilen, der eine schreibt in deutlicher, bündiger Redeweise Gesetze vor iHalacha^, der zweite giebt uns in bilderreicher, nach orientalischer Sitte oft schwülstiger Sprache allgemeine ethische Regeln (Hagada). An den mit dem Pinsel orientalischer Phantasie ausgeführten Bildern dieser Letzteren hing schwärmerisch der große Volkshaufe und nahm sie in buchstäblichem Sinne; ebenso eignete er sich die Ansichten jener Völker an, mit denen die Juden im Laufe der Geschichte in nähere Berührung kamen, von denen dann auch die Hagada vieles entlehnte, indem sie das Gute und Schöne aufnahm, wo und bei wem sie es auch vorfand. Im Gegensätze zum großen Volkshanfen legten die Gelehrten und Religionsphilosophen der Halacha mehr Wichtigkeit bei, indem sie die Hagada meist nur sprichwörtlich nahmen; so entstanden besonders über solche Gegenstände, über welche die Halacha sowohl als die Hagada verhandelt, zwei, wenn auch nicht in den Grundgedanken, doch in manchen Beziehungen verschiedene Ansichten: die des Volkes und