Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1868)
- Date
- 1868-01-28
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
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'yu als Hier, nirgends erfreuten sich die Ghettos einer längeren Lebensdauer als in Galizien. Ja nicht blos einzelne Stadtviertel, ganze galizische Städte waren und sind noch Heutzutage für die Juden geschlossen, und die Nächstenliebe veranlaßte die Diener der katholischen Kirche noch vor den letzten Ostern, allen jenen christlichen Ammen die Absolution zu verweigern, welche das Kapitalverbrechen begingen, jüdische Kinder zu stillen. Der Graf Agenor v. Goluchowski, der Schöpfer des famosen Besitzfähigkeitsgesetzes für Israeliten, war auch in seinen Beschränkungen den geistlichen Herren zu liberal, weshalb sie es für gut fanden, auch jenen Juden, welche nach dem Gesetze die Besitzfähigkeit hatten, den Ankauf der Güter zu erschweren, wenn nicht gar unmöglich zu machen. Sie verboten einfach den Christen dem jüdischen Grundbesitzer Dienste zu leisten, und wenn man weiß, wie dünn gesäet die jüdische Bevölkerung bei uns am Lande ist, und dies in Folge beschränkender Gesetze, der wird die Tragweite des obgedachten Verbotes würdigen können. Die neue December-Verfassung hebt wohl alle hier angeführten und nicht angeführten Beschränkungen der Juden auf; und so sehr auch diese allen Grund zu jubeln hätten, will bei ihnen doch die Freude nicht recht durchschlagen. Diese Gattung Indolenz liegt gewiß nicht in einer Unempfänglichkeit des jüdischen Gemüthes für Wohlthaten, sondern einfach in einem grenzenlosen Mißtrauen, als dem Producte langer Leiden, langjähriger Enttäuschungen. Das Gesetz stellt wohl die Juden den Andersgläubigen gleich, wird aber das Gesetz das Papier verlassen und Fleisch und Blut zu einem kräftigen Leben annehmen? Diese Frage will und kann leider Niemand beantworten, daher die Verzagtheit, daher die Indolenz. So viel weiß man übrigens mit Bestimmheit, daß jene Herren, welche den Himmel sammt dessen Bewohnern gepachtet zu haben wähnen, so lange als möglich ein erfolgreiches Veto gegen die „Neuerungen" erheben werden, und die Möglichkeit dazu ist ihnen geboten, solange das Conkordat aufrecht steht. Bach wußte, was er schuf, und wie cs scheint, hat er sein Werk für die Ewigkeit angelegt. Schon nach erfolgter Publizirung der December-Akte wurde von den Kanzeln herab gar weidlich gegen das Dienen der Christen bei den Juden losgedonnert. — Die December-Verfassung wird übrigens dem Staate ein hübsches Sümmchen eintragen. Wie überhaupt manchen Gesetzen, haftete dem 90 Goluchowskischen Besitzfähigkeitsgesetze die Eigenschaft an, daß es da war, um umgangen zu werden. Die Juden kauften nemlich bisher christtiche Güter „auf fremde Namen"; und obwohl jedes Kind von dieser Ueberschrettung des Gesetzes wußte, wurde es dennoch, wahrscheinlich um die Moral zu heben, aufrecht erhalten. Nun beginnen sich bereits die versteckten Eigenthümer zu rühren, und ihre Güter von den bisherigen singirten Besitzern „zurückzukaufen," und sie sind somit in die angenehme Lage versetzt, abermals diverse Stempelgebühren und Taxen zu entrichten. So schafft man manchmal, statt für den lieben Herrgott für den Finanzminister ein angenehmes Werk. Aus Mähren, 1. Jan. Die Comitü-Berathungen über das in Brünn zu creirende jüdische Proseminar wurden am 9. v. Mdurch den Schulrath Di-. Novak mit einer Rede eröffnet, in der er im Namen des Statthalters die Befriedigung der Regierung mit den in dieser Frage gewonnenen Resultaten der Borconferenz vom 30. und 31. October zum Ausdrucke brachte. Rzeszow, «Galizien) 4. Jan. (Privatmitth.) Es giebt noch Gegenden, in welchen Vorgänge von großer Culturbedeutung sind, die an anderen Orten zu den täglichen und darum nicht bemerkenswerthen Erreignissen gehören. Gestatten Sie mir daher zu berichten, daß es mir am hiesigen Orte gelungen ist, mit Hülfe einiger Männer, die dem Fortschritte ergeben sind, ein Casino zu gründen, deffen Direktorat Herr vr. mecl. Segel übernommen hat. Es sind bereits auch zwei angesehene christliche Mitbürger beigetreten, obschon hier seit vielen Jahren ein christliches Casino besteht. Dieses Casino nun bewirke am 2. d. M. anlässig der in Oesterreich erlangten Gleichberechtigung der Israeliten eine gottesdienstliche Feier und eine Speisung aller Armen ohne Unterschied der Confession. In der prächtig geschmückten Synagoge versammelten sich außer der Gemeinde die Spitzen der Behörden, die Beamten und das k. k. Offiziercorps. Nach Absingung des 72. Palms betrat der Arzt Herr S. Blum die Kanzel und verlas nach einer Ansprache über die Bedeutung der Feier die betreffenden Paragraphen der neuen Verfassung. Nach Psalm 111 hielt der Unterzeichnete als Vertreter des unpäßlichen Rabbiners die Predigt über Jes. 42, 1. 7. Nach dem Gebet für