Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1868)
- Date
- 1868-01-21
- Page
- Seite 78 (sequence 18)
- Language
- German
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Zugleich gewann feilt Herz ein schönes Mädchen. Da jede wünscht, daß sie ihm gleich erscheine, Zupft jed' ihm um die Wette Haare aus. Wie er noch glaubt, die Weiber putzen ihn, Steht plötzlich kahl er: ganz hatt' ihn die Junge Bon grau'n, die Alte ihn befreit von schwarzen. Der Talmud gebraucht mm davon das Sprichwort von einem Menschen, der Niemand recht thun kann und dafür von beiden Seiten gerupft wird: ins« mpi irrsv mp. Kahl hier und kahl dort, von allen Seiten geplündert! HI. Omni» me» meeiim porto. Von Bias, einem der sieben Weisen Griechenlands, rührt bekanntlich das Wort her: omni» me» mecum porto! Als nämlich die Perser gegen Griechenland anrückten und die Prienser aus Furcht vor dem Feinde alle Kostbarkeiten siüchteten und versteckten, antwortete Bias auf die Frage der Prienser: Warum er in der Stunde der Gefahr gar nichts thue und sich gar nicht um sein Vermögen kümmere? Ich trage alles bei (in) mir! —Der Midrasch Äalkut zu den Sprüchen, benutzt diese Erzählung mit einigen dem jüdischen Geiste mehr entsprechenden Modisicationen zur Erklärung des Verses: Ein kostbares Gut gebe ich euch, verlasset meine Thora, Lehre, nicht! (Sprüche 4, 2). Die Gotteslehre, bemerkt der Midrasch, ist das edelste und bewährteste Gut, das uns stets bleibt, wenn wir auch all unser Vermögen verloren. Ein Gelehrter, wird nun erzählt, reiste einst auf einem Schiffe mit vielen reichen Kaufleuten. Hier unterhielten sich die Kaufleute lebhaft von ihren Geschäften und Speculationen, zeigten und rühmten einander ihre Maaren und Güter. Da fragten sie nun den Gelehrten, der schweigsam da saß, wo er denn seine Waare habe? O, versetzte darauf der Gelehrte, diese ist wohlverwahrt! Nun so zeige sie uns doch, sielen ihm seine Reisegefährten in's Wort. Gemach, gemach, antwortete der Weise, ich werde euch dieselbe bereitwillig zeigen, wenn wir landen und das Schiff verlassen werden. Die neugierigen Kaufleute aber durchsuchten ungeduldig das Schiss und als sie nichts fanden, machten sie sich über den armen Gelehrten lustig. Endlich lief das Schiff in den Hafen ein — und die Zöllner kamen herbei und belegten unglücklicher Weise die ganze Schiffsfracht mit Beschlag. Die Kaufleute mußten nun, entblößt von allen Mitteln, in Kummer und Sorgen, das Schiff verlassen und auch der Weise stieg an's Land. Hier angekommen, begab er sich sogleich in die Synagoge, wo die ganze Gemeinde versammelt war, und hielt daselbst eine vortreffliche Rede, die ihm reiches Lob und allgemeine Ehrenbezeigungen einbrachte. Als dessen unglückliche Gefährten davon Kunde bekamen, gingen sie zu demselben und baten ihn flehentlich, daß er seinen Einfluß in der Stadt geltend machen möge, damit sie ihre Maaren und Güter wieder zurückerhalten möchten. Da sprach zu ihnen lächelnd der Weise: Ein kostbares Gut (wörtlich einen guten Kauf aita npb vom Zeitworte npb, erwerben, kaufen) gebe ich euch ,' verlasset meine Lehre nicht! — Auch hier ist die jüdische Darstellung eine viel sinnigere und darum läßt sich vermachen, daß die Juden diese Erzählung nicht von den Griechen überkommen, sondern selbstständig erfunden haben. A. Weber ist überhaupt geneigt anzunehmen, daß die Erfindung der Fabeln den Semiten, Juden und Aegyptern zuzuschreiben sei. IV. Wer Andank. Zur Erläuterung des so häufig angewendeten Spruches des Ben Sira: Erweise dem Bösen nichts Gutes, so wird dir auch nichts Böses widerfahren, hat man so manche Fabel ersonnen und es ist immerhin lehrreich die Verschiedenheit der Auffasiung und Ausschmückung nebeneinander zu gruppiren, da dadurch am deutlichsten der Charakter der Völker hervortritt. Aesop und .dessen Bearbeiter Phädrus IV, l8. geben hierüber folgende Erzählung. „Die Schlange oder schädliches Mitleid." Wer Bösen hilft, beklagt es hinterdrein. Von Frost erstarrt, fand Einer eine Schlange Und wärmte sie am mitleidsvollen Busen, Selbst Feind sich; denn erwacht kaum, giebt dem Mann sie Sofort den Tod. Hierauf von einer andern Um solcher Unthat Grund befragt, versetzt sie: Damit den Bösen Niemand nützen lerne. Sirach XII, 13 u. 14, scheint darauf auch anzuspielen mit den Worten: Wer hat Mitleiden mit einem Zauberer (Schlangenbeschwörer), wenn ihn die Schlange beist, oder mit denen, die sich giftigen Thieren nahen? So geht es dem, der sich mit dem Gottlosen verbindet und in seine Sünden sich mengt. — Im Morgenlande, vorzüglich in Aegypten und Indien, wird noch heute die gefährliche Kunst gehandhabt, Schlangen zu bändigen, und daher mag nun die Fabel von der erstarrten Schlange, die ein Mann, ein Schlangenbeschwörer an seinem Busen erwärmte, sich herschreiben. Die Griechen haben also diese Fabel wie so viele andere ans dem Oriente überkommen und dieselbe nach ihrem Geschmacke bearbeitet — ein Umstand, den hier Weber I. e. übersehen hat. Im Midrasch Wajikra, Ab. 22, haben wir hierüber einen andern Bericht. Ein Mann aus Babylon reiste nach Palästina und fand auf der Reise ein heilsames Kraut, das die Wunderkraft befaß Todte zu beleben. Voll Freude über diesen glücklichen Fund, wollte er nun einen Versuch damit machen und anstellen. Da traf er auf der Straße einen tobten Löwen und ohne es sich lange zu überlegen, machte er hier seine Probe. Kaum legte er das Wunderkraut auf den Löwen, so wurde derselbe lebendig. Der Reisende hatte sich noch nicht von seinem Erstaunen erholt, als sich der Löwe aufraffte und den eigenen Wohlthäter zerriß. Auch in dem berühmten indischen Fabelbuche Pantschatantra 5, 4. hat unsere Fabel einen Platz gefunden.