Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1868)
- Date
- 1868-01-21
- Page
- Seite 77 (sequence 17)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zu-euthums. Femlleton-Seilage zu tlr. 4. Leipzig, den 21. Januar 1868. Vergleichende Studien über den Talmud?) Von Rabb. D. Oppenheim in Gr. Becskerek. Nirgends lassen sich häufiger Vergleiche und Parallelen anstellen als bei Sprichwörtern und Fabeln, welche als die herrlichsten Erzeugnisse der Bolksweisheit bei allen Nationen angetroffen werden und sich öfters durch eine auffallende Aenhnlichkeit au«zeichnen. Ebenso bieten die zahlreichen Sprichwörter und Fabeln im Talmud und Midrasch reichen Stoff zu interessanten Parallelen, wie dies Dukes in seiner „rabbinischen Blumenlese" und „zur rabbinischen Spruchkunde" gründlich nachgewiesen hat. Seitdem haben gerade auf diesem Literaturgebiete die vergleichenden Studien großartige Resultate zu Tage gefördert. Besonders wurden „über den Zusammenhang indischer Fabeln mit griechischen" eingehende Untersuchungen von A. Weber und mehreren Andern angestellt. Jedenfalls läßt sich trotz der Arbeiten von Dukes, immerhin noch eine ergiebige Nachlese halten, da überhaupt die Fabeln und Parabeln des so ausgedehnten agadischen Schristthums noch nicht einmal vollständig und übersichtlich gesammelt sind. Bei vielen Sprichwörtern, deren Ursprung nicht bekannt ist, lassen sich die Quellen in andern Literaturen Nachweisen, wie ja bekanntlich Fabeln und Gleichnisse am meisten Grund und Veranlassung zu zahlreichen Sprichwörtern gegeben haben. Bei unfern vergleichenden Studien ergaben sich uns sehr häufig solche Proben, von denen wir hier einige folgen lassen. I. Zwei Könige und eine Krone. Plutarch, Maximen der Könige und Feldherren, erzählt, daß Darms dem Alexander als Friedensbedingung angeboten habe, 10,000 Talente geben und mit ihm ganz Asien theilen zu wollen. Parmenio sagte: Ich nähme es an, wenn ich Alexander wäre. Ich auch, versetzte Alexander, wenn ich Parmenio wäre, und ließ hierauf dein Darms antworten: Asien kann ebensowenig zwei Könige dulden als die Erde zwei Sonnen. Auch Lurlius, Hist. Alexandri IV. c. 11. erwähnt dieser ftnt* *) Siehe Jahrg. 1867, S. 545. 585. 765, wort des Alexander mit noch prägnantern Worten: Ceterum, nec mundiis duobns solibus polest regi: nee duo summa regna salvo statu lerrarum potest habere. Es ist gewiß höchst merkwürdig, daß die eigentliche Quelle dieses Sprichworts eine der sinnigsten talmudischen Parabeln ist, die bis zu den Griechen gedrungen zu sein scheint. Wir meinen nämlich die schöne Sage von dem Wettstreit der Sonne und des Mondes, Cholin 60, 1>, die durch Herders vortreffiiche poetische Bearbeitung, „Blumenlese morgenländischer Dichter", ein Gemeingut der deutschen Literatur geworden ist. Als Gott sprach: Es werden Lichter an der Ausdehnung des Himmels und Sonne und Mond in ihrer Pracht am Firmament erglänzten, da blickte der Mond neidisch auf die Sonne und sprach : Herr der Welt! wie ist es möglich, daß zwei Könige sich einer Krone bedienen sollen? nns roomj’ia D's’ya ■'Stab höbn y'todS". Nun wohl, sagte der Schöpfer, so vermindere du deinen Lichtglanz und werde das kleine Licht genannt. — Es ist hier also derselbe Gedanke nur im verkehrten Verhältnis d. h. so wie zwei Könige nicht eine Krone tragen können, so kann auch die Welt nicht zwei Sonnen dulden. Diese Parabel, ein herrliches Produkt des jüdischen Volksgeistes, scheint also im hohen Alterthum sich einen Weg nach Griechenland gebahnt zu haben und Alexander machte davon, dem Darms gegenüber, welchem vielleicht das Sprichwort auch wohl bekannt sein mochte, einen trefflichen Gebrauch. II. Laht hier und kahl dort! Phädrus, der geistreiche Bearbeiter der aesopschen Fabeln, hat folgende prächtige Fabel, II. 2, die sich auch im Talmud, Baba Kama 60, a, findet. Wir glauben aber die Priorität der Erfindung dem Talmud vindiciren zu müssen, weil die kleine Erzählung, der sogar eine wirkliche Thatsache zu Grunde gelegen haben mag, zu einem landläufigen Sprichwort Veranlassung gegeben hat. Bei Phädrus ist die Fabel überschrieben: „Die alte und junge Liebhaberin" und lautet: Daß Weiber jedenfalls die Männer plündern, Ob liebend, ob geliebt, lehrt manches Beispiel. Es fesselt' einen Mann von Mittlern Jahren Ein Weib, die schlau durch Putz ihr Alter barg.