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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-01-21 · Heft 4 (21.1.1868) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 4 (21.1.1868)
Date
1868-01-21
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 von Gegnern, und zwar einflußreichen, gegenübersteht, wird diesem Manne die volle Anerkennung nicht versagen. Bevor wir jedoch in die Sache selbst eingehen, müssen wir noch eine Bemerkung voranschicken. In dem Jahrhundert der Reformation waren die evangelischen Geistlichen bei Fürsten, Herren und Volk von außerordentlichem Ansehen und Einfluß. Politik und Religion liefen damals mit vielfachen Fäden in einander. Aus dem neuen Berhältniß erwuchsen in politischer, socialer wie cultueller Beziehung viele sehr bedeutende Fragen, bei deren Lösung die Mitwirkung der Geistlichen theils unerläßlich war, theils sehr nahe lag. War doch auch von dem katholischen Beichtvater Vieles auf den protestantischen Seelsorger übergegangen. Nicht blos bei Luther, sondern auch bei seinen Genossen und Nachfolgern erholten sich Fürsten und Herren in allen Angelegenheiten Rath. Aber gerade in der Stellung der neuen Kirche lag es, daß mit der weiteren Entwickelung dieser Einfluß immer schwächer ward. Der Staat und die Gesellschaft erstarkten immer mehr, und dabei nahm sehr bald die protestantische Theologie eine Richtung, welche sie in die Zelle einschloß, sie der Welt und die Welt ihr entfremdete. Jndeß in Landschaften, die von dem Mutterlande entfernt, von der großen Weltbühne abgeschlossen, und in denen die Deutschen von fremden Elementen umgeben waren, erhielt sich dieser Einfluß der evangelischen Geistlichen länger. Die drei Momente des alten deutschen Lebens: die Feudal-Aristokratie auf dein Lande, die Patricier in den Municipien der Städte und die Geistlichkeit waren zu eng mit einander verbunden und ihre Interessen zu sehr verwachsen, als daß sie sich nicht gegenseitig stützen und konserviren sollten. Kurland war eine Landschaft, in welcher dies bis in die neueste Zeit sich so forterbte, und 'die etwa mit Mecklenburg auf derselben Stufe blieb. Die neueste Zeit hat aber auch dort hierin Vieles geändert und die Landaristokratie wie die Municipalpatricier mußten viel von ihren Vorrechten und Ansprüchen aufgeben. Am schwersten thun dies die Herren Geistlichen, die um so unumwundener ihre Autorität vertheidigen, weil sie dabei vorgeben können, nicht blos für ihren Stand, sondern auch für Gott, für das ewige Heil und die Seligkeit ihrer Heerde zu streiten. Die Juden und ihre Bekehrung müssen nun die Prügelknaben für jene Geistlichen abgeben, um sie und ihre Wichtigkeit in die Erinnerung der Welt zu bringen und den ganzen Apparat ihrer geistlichen Herrlichkeit aufzufrischen. Dies scheint uns der Schlüssel zu dieser sonderbaren Erscheinung zu sein. Geben wir, damit unsre Leser nicht glauben, daß es sich hier nur um Wortkämpfe handele, zwei Vorgänge in der Stadt Bauske, die von dem Vorstande der jüdischen Gemeinde daselbst verbürgt sind, und über die Herr Rabbiner Puch er in der „Rigaischen Zeitung" Nr. 271 berichtet. Vor einiger Zeit spielte eines der Kinder des Proselyten Adler mit den Kindern des in seiner Nachbarschaft wohnenden Juden Meyer Borochowitz und wurde von seinen Eltern vermißt. Nach kurzem Suchen wurve es im Hause des Juden gefunden. Herr Adler aber benutzte sofort die Gelegenheit und klagte den Juden des Versuches auf Kinderraub an. Vor den Schranken des Bauskeschen Gerichts ward nun eine tragikomische, in die Vorurtheile der verflossenen Jahrhunderte getauchte Scene aufgeführt, und nur das Geständniß des Kindes vor der Behörde, daß ihm im Hause des Juden kein Leid zugefügt worden, machte dem Proceß ein Ende. Ein junger Mensch, Namens Mendelsohn, im Alter von l 8 Jahren, wurde vor etwa drei Wochen zur Taufe bewogen. Seine Mutter, eine arme Wittwe, die ihn von seinem sechsten Lebensjahre ab ohne männliche Stütze genährt und gepflegt, gerieth dadurch in grenzenlose Verzweiflung, uyd von Gram verzehrt, fühlte die unglückliche Wittwe, die seit 12 Jahren mit der größten Anstrengung und mit der mühseligsten Arbeit ihrer Hände noch drei vaterlose Waisen sehr kümmerlich ernährt hatte, ihre Gesundheit zerrüttet und wurde von einer schweren Krankheit überfallen. Die Krankheit machte rasche Fortschritte und schon nach wenigen Tagen glaubte sich die Wittwe Mendelsohn ihrem Ende nahe. Nach langen und eindringlichen Bitten gelang es, den örtlichen Pastor, Herrn Seiler, dessen Obhut der junge Mendelsohn anvertraut war, zu bewegen, daß dem letzten Wunsche der bejammernswerthen Frau, ihren Sohn vor ihrem Tode umarmen zu können, nachgegeben werde, und am verflossenen Sonnabend brachte Herr Pastor Seiler selbst den Sohn zur Mutter. Unter herzzerreißenden Klagen umarmte die Mutter ihren Sohn und es entwickelte sich eine Scene, die jedes Herz mit den schmerzlichsten Empfindungen erfüllen mußte. Auch Pastor Seiler schien sein Herz diesen Eindrücken nicht verschließen zu können. Trotzdem er seine Aufgabe nicht aus den Augen ließ, indem er mit dem jüdischen Vorstande darüber unterhandelte, daß dieser ihm dafür Garantie leiste, daß in seiner Abwesenheit der Täufling weder entführt

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