Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1868)
- Date
- 1868-01-14
- Page
- Seite 50 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226639--25704-3261211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 herzufahren. Gelingt es seinem Freunde und Gönner Langrand Dumonceau nicht, seine Papiere auf der Höhe zu erhalten, auf die der Schwindel sie gebracht hat, so sind die juifs allemands und usuriers israelites die eigentlichen Sündenböcke dafür. Eigenthümlicher Weise — und das ist der ganze Aerger des Redakteurs, des ehrenwerthen Herrn Crampon — gehören die bedeutenden hiesigen Bankhäuser Juden, und befinden sich unter den eigentlichen Börsenspekulanten nur wenige Männer dieses Bekenntnisses. Am Ende des berühmt gewordenen Artikels über die Bestechung der fünf liberalen Blätter von Paris durch die preußische Regierung, sagt der Verfasser des Artikels plötzlich wie mit einem caeterum censeo mit höhnischen Worten: „In dem Augenblicke, wo Herr v. Bismarck weiß, daß ein Jude bei einem wichtigen europäischen Blatte beschäftigt ist, ist er seiner Sache gewiß." Des que Mr. Bismarck sait qu’il y a uii juif dans un journal europeen important, il est certain de son affaire.) Daß in den Redaktionen der fünf liberalen französischen Blätter sich kein Jude befindet, hält Blätter wie die „Finance" nicht ab, Haß gegen die Juden zu verbreiten, der leider selbst hier im freien Lande noch allzu häufig ist. Hätte übrigens der Verfasser des Artikels nur einige Kenntnisse über das Verhalten der Juden als Journalisten, so dürfte es ihm nicht unbekannt sein, daß die Redakteure von den in Deutschland wegen Liberalismus verfolgten Blättern sehr oft Juden sind, also ihre Bestechungen in Gefängnißstrafen bestanden.*) Frankreich. Paris, 31. December (Privatmitth.) Die langen Streitigkeiten, welche zwischen dem Centralconsistorium einerseits und dessen Mitgliede Herrn Carvalho and- *) Die „Finance" ist dasselbe Blatt, welches bei Gelegenheit der italienischen Kirchengüterfrage die italienische Regierung aufforderte, die Kirchengüter der Juden einzuziehen, die gut eine Milliarde Lire betrügen — während die sämmtlichen jüdischen . Gemeinden außer ihren Synagogen, Gottesäckern, hier und da einem Hospital oder Schulhause, keinen Fußbreit Landes besitzen! Solche Lügen sind bekanntlich in klerikalen Blättern keine Neuigkeit, nur daß in der „Finance" sich die neue Erscheinung eröffnet, daß der Ultramvntanismus im Gewände der Finanz austritt. Redaktion. rerseits vor sich gingen, und welche zur Gesammtentlassung des erstereu geführt hatten, haben nunmehr eine wenigstens vorläufige Lösung erhalten. Der Cultusminister hat die Entlassung der Herrn insgesammt angenommen und auf den 26. Januar Neuwahlen angeordnet. — Eine der größten hiesigen Verlagshandlungen ist bekanntlich diejenige der Gebrüder Michel Levh. Der bekannte Romanschriftsteller Ernst Feydeau gab bei denselben ein neues Werk, den „Roman einer Neuvermählten," heraus. In demselben kamen einige beleidigende Stellen gegen die Israeliten vor, welche der Oberkorrektor der Verlagshandlung, ein Christ, strich. Da aber der Schriftsteller auf das Einrücken derselben bestand, so weigerten sich nun die Herren Lövh das Werk zu verlegen, welches der Autor auf seine eigenen Kosten herauszugeben gezwungen war. — Am 19. Dec. fand vor einem sehr zahlreich versammelten Auditorium die 7. öffentliche Jahressitzung der Alliance israelite universelle Statt, in welcher Cremieux als Bicepräsident den Vorsitz führte, während der Präsidentenstuhl, welchen der sel. Munck hätte einehmen sollen, ihm zu ehrendem Andenken unbesetzt blieb. Die „Arch. isr.“ werfen der Versammlung Längen, überflüssige Verhandlungen und selbst Mangel an Ordnung vor. Es ist dies wahr, aber sie entbehrte auch des Imponierenden und sogar einiger dramatischer Momente nicht ganz. Der Sekretär des Vereins, Hr. Leven, las einen sehr ausführlichen Jahresbericht, sowie der Schriftführer Hr. L6vy-Alvares, einen Rapport über die Finanzgebahrung. Nach längeren Debatten hielt Hr. Cremieux eine Rede über die Mission der Alliance und des Volkes Israel im Allgemeinen. Hierauf erhob sich der Großrabbiner Isidor und hielt eine vortreffliche Lobrede auf Crömieux, der zur Antwort sich erhob u. Hrn. Isidor zweimal umarmte, bei welchem Anblick der Saal von Acclamation und lange hallenden Bravos ertönte*). In der Nacht vom 28. starb Herr Furtado, Chef des Bankhauses Fould & Co., Mitglied des Centralconsistoriums, dessen Vater der bekannte Präsident des Sanhedrin 1867 in Paris gewesen. *) Sobald der Jahresbericht im Druck erschienen sein wird, werden wir über die sich ergebenden Daten näher berichten. Redaktion.