Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1868)
- Date
- 1868-01-14
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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45 In jüdischen Kreisen ist zu allen Zeiten und überall, wo man auf diese Weise bestehende Nebel zu beseitigen, d. h. - wo man vor Allem das religiöse Bewußtsein zu wecken und zu klären bestrebt war, das Werk wohl gelungen und die Frucht der Arbeit war eine in doppelter Beziehung segensreiche: Religion sowohl als sociales Leben wurden den wenig entwickelten Menschen näher gebracht. Die Religion wurde ihrem inneren Wesen nach zugänglicher gemacht und es wurde fortan mehr und Anderes darin gesehen, als ein Conglomerat geistloser und ungeordneter Gewvhnheitsübungen. Das sociale Leben wurde dann nicht mehr als der feindliche Gegensatz des gottesdienstlichen beschaut, sondern beide söhnten sich mit einander aus, unterstützten einander und wirkten mit vereinter Kraft auf sittliche Erhebung und geistige Entwickelung. In Staaten, wo die Volksbildung unter den Juden einen hohen Standpunkt einnimmt, ist es auch nicht immer so gewesen. Aber der Grund zum Letzteren ist dort in Religionsschulen, Synagogen und änderen Gemeindeinstituten gelegt worden. Ja, man kann sagen: das jüdische Gemeindeleben war die bewährte Bildungsanstalt für Jung und Alt, worin Herz und Geist für Religion und Leben erschlossen und für alles Gute und Edle empfänglich gemacht wurden. Nun ist zwar nicht in Abrede zu stellen, daß seit 1814 auch in Holland sich Manches in den jüdischen Verhältnissen bester und zeitgemäßer gestaltet hat; aber hierbei ist wohl zu unterscheiven, was in diesen Veränderungen Erfolg und Wirkung der neuen Gemeindeversastung ist und was die kategorischen Forderungen der Zeit, die hie und da erwachte bessere Einsicht ohne diese Berfastung, bisweilen trotz derselben, bewirkt haben. Als einen wohlthätigen Erfolg der geordneten Gemeindeverfastung müssen wir das Verbannen des Jargons aus den Schulen und die Unzulässigkeit der nichtexaminirten Lehrer bezeichnen. Auch ist nicht zu leugnen, daß eine gewisse Ordnung in die Leitung der gesummten Gemeindeangelegenheiten gekommen ist. Das war ein notwendiges Ergebniß des ganzen, auf äußere Ordnung hinzielenden Geschäftsganges. Wo aber sonst in den einzelnen Gemeinden zeitgemäßere Einrichtungen im Gottesdienste getroffen wurden, wo die Volksbildung sich um etwas hob, da ist das Verdienst nicht der Administration, die wir kennen gelernt, sondern den Gemeinden, oft einzelnen Mitgliedern derselben, beizumessen, die die Verhältniffe klar zu durchschauen vermochten und Hand ans Werk legten. Daß aber im Allgemeinen die Administration seit 1514 wenig Heilsames für die Hebung der Volksbildung gewirkt, dafür liefert der Umstand den unumstößlichen Beweis, daß da, wo diese Hebung sich am meisten als Bedürfniß herausstellte und wo die Mittel dies Bedürfniß zu befriedigen am reichlichsten vorhanden sind, in Amsterdam, die Volksmaste heute noch ziemlich auf demselben Standpunkte steht, auf welchem van Hemert sie im ersten Decennium dieses Jahrhunderts gesehen ts. ob.). Ja, wir wüsten heute noch mit ihm ausrufen: „Zu beklagen ist es, daß die Gebildeten nicht danach strebten, diese Masten aus ihrer Niedrigkeit aufzurichten I" Es könnte vielleicht scheinen, daß dem niedrigen Bildungsgrade eine so bevormundende, gängelnde, jedes selbständige Agiren aufhebende Verfassung die zuträglichste sei. Dem ist aber nicht so. Wenn man ein Kind, das in der Periode der ersten Entwickelung steht, am ganzen Körper und an. jedem einzelnen Gliede so mit Bändern umschlingt, daß ihm jede selbständige Bewegung unmöglich wird; dann kann freilich jede Ungezogenheit verhütet werden; es wird aber auch die natürliche Entwickelung des Körpers, sein Gedeihen und die harmonische Ausbildung aller seiner Theile unterbleiben. Ueberhaupt haben sich die jüdischen Gemeinden, auf jedem Standpunkte der Cultur, immer am heilsamsten entwickelt, wenn die Gemeinde frei von jedem hierarchischen Anstriche geblieben ist. Schauen wir nur auf die jüdischen Verhältnisse in Frankreich und auf die Resultate, die dort seit dem Beginne dieses Jahrhunderts für Gottesdienst, Volksbildung und jüdische Wissenschaften gewonnen worden, im Vergleich mit den Fortschritten auf diesen Gebieten in Staaten, wo weder moralisch noch materiell den Juden Anerkennung und Stütze von Seite der Regierung geworden, wo aber jede Gemeinde frei nach eigener Erkenntniß und eigenem Bedürfniß ihre Angelegenheiten einrichtetete; erwägen wir dies, und unsere Behauptung wird sich bewährt finden. — Dies über den Erfolg der oft genannten Administration im Allgemeinen. Wir haben nun noch ihren Einfluß auf die Gemeinden ins Besondere zu betrachten. «Schluß folgt.!