Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1868)
- Date
- 1868-01-14
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
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44 und so entstanden und häuften sich die bereits erwähnten alteratien, ampliatien und interpretatien, die keines- Weges immer in einem harmonischen Verhältnisse zu einander stehn. — Man wartete nicht geduldig ab, beobachtete nicht genug, welche Gesetze die Zeit unter bestimmten Verhältnissen als heilsam Herausstellen, oder ob vielleicht solche als ganz überflüssig erscheinen werden; man ließ nicht die Theorie für die Praxis aus der Praxis selbst naturgemäß hervorgehen; man übersah allzusehr, daß,s wenn irgendwo, gewiß in jüdischen Gemeindeangelegenheiten mit wenigen Gesetzen sich am leichtesten regieren läßt: man systematisirte zu viel aus Mangel an'System. Daher oft die Unklarheit, Unbestimmtheit, Vieldeutigkeit und Elasticität der Verfügungen und Verordnungen. Die eigentliche Aufgabe, das Ziel ist also von der llookdeomwissie, als deren Werk diese ganze Gestaltung der neuen Organisation anzusehen ist, nicht begriffen worden, weshalb der sich darin kundgebende Geist ein verfehlter sein mußte. Fragen wir nun: welcher Geist beherrscht und durchzieht denn dies ganze Werk? so wird die Antwort, im Hinblick auf all' das bisher Gesagte, in wenig Worte zu fassen sein: Es offenbart sich darin ein Geist der Prinziplosigkeit, der keinen festen Zielpunkt kennt; ein Geist der Aeußerlichkeit, der Fremdes nachahmt, weil es dem Auge schmeichelt und das Ohr kitzelt; aber dabei ängstlich verhütet, daß irgendwie von dem alten breitgetreteuen Wege der Gewohnheit abgewichen werde; ein Geist der Halbheit und der Kurzsichtigkeit, dem die Kraft gebricht, das Ganze zu umfasien, die Fähigkeit es zu durchzuschauen und in die Zukunft zu blicken; ein Geist der Seichtheit, der den lebendigen, stärkenden Quell frischen Lebens nicht kennt; ein Geist des Ueberflusses an Akten und des Mangels an Thaten. Was den Erfolg dieser ganzen Administration betrifft, so ist er aus einer richtigen Würdigung der jüdischen Zustände, wie sie in den ersten Decennien dieses Jahrhunderts waren und seitdem geworden, leicht zu erkennen. Den Culturstandpunkt der Juden im Allgemeinen zur Zeit der Restauration des Königreichs der Niederlande haben wir aus vorstehenden Mittheilungen bereits ersehen, und wie es mit der geistigen Bildung gegenwärtig steht, darüber ist früher (Sk. II) ausführlich berichtet. In Hinsicht darauf werden wir uns nun hier kurz fassen können. Nur ein Wort eines mit den Zuständen der Juden zu Amsterdam sehr vertrauten und vorurtheilslosen ManneS wollen wir hier anführen Paulus van Hemert nämlich schrieb im ersten Decennium dieses Jahrhunderts über die Leitung der Gemeinden durch Parnassim und Rabbinen Folgendes*): „Die Juden hier zu Lande waren im Allgemeinen bis heute noch dumm, leichtgläubig und in Folge hiervon biegsam und sehr leicht zu leiten." Ferner**): „Wie eine Heerde Schafe lassen sie sich von diesen Hirten leiten, in deren Interesse es liegt, das Volk in diesem trübseligen Zustande zu halten." Endlich***): „Außer der neuen Gemeinde findet man auch, sowohl bei den deutschen als portugiesischen Juden, erleuchtete, brave, kenntnißreiche Männer, die den Namen nützlicher Mitglieder der Gesellschaft in jeder Beziehung verdienen. Traurig ist es nur, daß diese bis jetzt nicht die Hände an's Werk gelegt haben, um die Juden aus ihrem jämmerlichen Zustande aufzurichten." Wir kommen auch hier wieder zurück auf das erste Dekret des souveränen Fürsten, worin die Nothwendigkeit und die Absicht, die Juden zu bilden, aus ihnen nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu machen, ausgesprochen ist, und die Reorganisation der gottesdienstlichen Angelegenheiten als der Weg bezeichnet wird, der zur Verwirklichung dieses Zieles führen sollte. Hieraus allein ist schon der niedrige Standpunkt der jüdischen Masse zweifellos abzuleiten. Dieser Weg, wäre er nur in der gehörigen Weise verfolgt worden, war unbedingt der sicherste zur Erreichung des Zieles. Denn auf die Erziehung und Bildung, des Individuums wie einer Gesammtheit, wird immer am leichtesten und erfolgreichsten gewirkt werden können, wenn man an Bekanntes anknüpst; wenn man vor Allem das zu ordnen und zu läutern sucht, woran das geistige Leben gewöhnt, womit es vertraut, was ihm unentbehrlich geworden ist. Die Religion bildet dieses vom Seelenleben des Menschen untrennbare Element, und beginnt die vollständige Erziehung hier zu ordnen und zu läutern, dann wird das Werk wohl gedeihen; werden Verstand und Herz nach dieser einen Seite hin veredelt, für Besseres empfänglich gemacht, so ist für die allgemeine geistige Hebung die vortrefflichste Vorbereitung getroffen, sind die bedeutendsten Schritte schon gethan. *) Paulus van Hemeret: Lectuur bij het ontbijt en de thectafel. VIII S. 4. **) Das. S. io. ***) Das. S. 14—15.