Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1868)
- Date
- 1868-01-07
- Page
- Seite 38 (sequence 18)
- Language
- German
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38 bitton ein großes Netz über die Landkreise gezogen hatten, bestanden ihre stillen Verbindungen für Brief- und Waarentransporte. . Arme Schacherer, und fahrende Bettler, liefen als treue Agenten zwischen Amsterdam und Frankfurt, Prag und Warschau hin und her, Wechsel und Juwelen unter ihren Lumpen, ja im eigenen Leibe verbergend. In gefährlichster Zeit, durch Heere und polizeiliche Verbote, schlich der wehrlose Jude geschäftig aus einem deutschen Gebiete in das andere. Dort trug er vollwichtige Kremnitzer Dukaten nach Frankfurt und brachte die leichten unter das Volk, welche die christlichen Bankhäuser der Reichsstadt so lange gewissenslos beschnitten hatten, bis sie durch eine kaiserliche Untersuchungscommission gezwungen wurden, den ungerechten Gewinn in BestechungHgeldern zu opfern. Hier kaufte er Spitzen und neue Kirchengewänder für seine Gegner, die geistlichen Herren, dort schmuggelte er einem Landesherrn Waffen und Kriegsgeräth durch ein feindliches Territorium, hier geleitete er einen großen Transport feiner Leder aus dem Inneren Rußlands bis auf die Meffe von Leipzig, er allein befähigt, durch Schmeichelei, Geld und Branntwein die Habsucht der slavischen Adligen zu überwinden. Unterdeß saßen die Reichsten in den wohlvergitterten Zimmern ihrer Judenstadt, die Wechsel und Unterpfänder der höchsten Herren im sicheren Verschluß bergend, große Bankiers, vielvermögende Leute auch nach modernem Maaßstabe. So waren die Juden damals im Berhältniß zu den Christen wahrscheinlich reicher als jetzt, jedenfalls mit den Eigenthümlichkeiten ihres Verkehrs unentbehrlicher. Sie hatten schützende Freunde am Kaiserhof wie im Harem des Sultans und im Geheimzimmer des Papstes, sie hatten eine Aristrokatie des Blutes, welche damals von den Glaubensgenoffen noch hoch respektirt wurde und bei Brautfesten mit Stolz die Juwelen trug, welche ein Ahnherr vielleicht lange vor Marco Paolo unter hundertfacher Lebensgefahr aus Indien gebracht, oder ein anderer von einem der großen Maurenkönige in Granada eingetauscht hatte. Auf der Straße aber trug der Jude noch die schimpflichen Zeichen des ungeehrten Fremdlings, im Reiche eine gelbe Kokarde an seinem Rocke, in Böhmen die steife blaue Halskrause, wie er im Mittelalter den hohen, gelben Hut, in Italien den rothen Mantel getragen hatte. Zwar war er der Gläubiger und Arbeitgeber zahlreicher Christen, aber seine Gemeinde lebte in den größeren Städten noch zusammengedrängt in bestimmten Straßen oder Stadttheilen, in anderen war den Juden fester Wohnsitz überhaupt nicht, oder nur in beschränkter Zahl gestattet. Wenige deutsche Judengemeinden waren damals größer und wohlhabender als die zu Prag. Sie war eine der ältesten in Deutschland; sagenhafte Traditionen führen sie auf eine Zeit zurück, wo der Glaube des Gekreuzigten an der Moldau noch unbekannt war. Selten versäumte ein Reisender, die engen Gaffen der Judenstadt zu besuchen, wo die kleinen Häuser, wie Bienenzellen aneinander gedrängt, einst den größten Reichthum und das größte Elend des Landes umschloffen, und wo der Tovesengel so lange den Tropfen Galle in den Mund der Gläubigen träufeln ließ, bis auf dem unheimlichen Kirchhof jeder Zoll Erde zu Menschenasche wurde. Auf engem Raum hausten dort am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts nahe an sechstausend fleißige Menschen, der große Geldhändler wie der ärinste Trödler und Lastträger, in fester Genoffenschaft und gemeinsamen Jntereffen eng verbunden, durch ihre Industrie und unermüdliche Spekulationen dem verarmten Lande unentbehrlich, und doch in einem fortwährenden Krieg gegen die Sitten, die Rohheit und den Glaubenseifer des neubekehrten Königreichs. Denn damals lebte die zweite Generation des neuen Böhmens, welches sich die Habsburger nach der Schlacht am weißen Berge durch Blutgerichte, großartige Vertreibungen und furchtbare Dragonaden zurückgewonnen hatten. Die alten Adelsgeschlechter waren zum großen Theil ausgerottet, ein neuer kaiserlicher Adel fuhr in vergoldeten Karossen durch die schwarze Hussitenstadt, die alte biblische Wissenschaft war in die Fremde gewandert oder im Elend des langen Krieges verkommen, an die Stelle der Kelchpriester und der böhmischen Prädicanten waren die Patres und Bettelmönche getreten; wo einst Huß die Lehre Wiklef's vertheidigte und Ziska die Lauheit der Altstädter gescholten hatte, erhob sich jetzt triumphirend das vergoldete Steinbild der Himmelskönigin. Wenig war dem Volke von seiner Vergangenheit geblieben, als die düstern Steine der Königsstadt, ein roher Pöbel und eine Neigung zu herber Frömmigkeit, welche jetzt vor den neuen Bildern der Heiligen die Ketzer verfluchte." Hierauf theilt Freytag die Geschichte des zwölfjährigen Knaben Simon Abeles mit, wie sie von zwei Jesuitenvätern beschrieben worden, und die wir nach den Akten in Nr. 36, 37, u. 38 des Jahrgangs 1841 dieser Zeitung gegeben haben. Aus den Betrachtungen, welche Freytag hieran schließt, heben wir noch Folgendes hervor: „Wer den Jesuitenbericht unbefangen beurtheilt, wird einiges darin finden, was die Erzähler zu verschweigen wünschen. Und wer mit Abscheu auf die fanatischen Mörder sieht, der wird doch den fanatischen Priestern keine Theilnahme zuwenden. Sie reißen das kaum geborene Kind aus dem Arm der Mutter, sie halten für einen gottseligen Fund den Säugling seiner Mutter heimlich zu stehlen, sie werben durch Spione und Zuträger, durch Versprechungen, Drohungen, Aufregungen der Phantasie ihren Gott, der dem Gott des Evangeliums sehr unähnlich ist, Schaaren von Proselyten zum „Abwaschen"; sie benutzen einen jammervollen Mord mit der Geschicklichkeit erfahrener Regisseure, um ein wirksames Trauerspiel in Scene zu setzen, und den todten Leib eines Judenknaben, um durch Pomp, Flitter und massenhafte Aufzüge, womöglich durch Wunder, ihren Glauben bei Christen und Juden zu empfehlen. Ihr Fanatismus, im Bunde mit der bürgerlichen Obrigkeit und willfähri-