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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-01-07 · Heft 2 (7.1.1868) · p. Seite 37

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 2 (7.1.1868)
Date
1868-01-07
Page
Seite 37 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Zu-enthvms. Femlletoii-Geilage )u Nr. Z. Leipzig, den 7. Januar 1868. Die Lage der Juden in Deutschland nach dem dreißigjährigen Kriege. (Um 1690.) Gustav Freytag im dritten Bande seiner „Bilder aus der deutschen Vergangenheit", die soeben in 5. Auflage erschienen sind, in dem „Jahrhundert des großen Krieges," schildert, nachdem er das Heerwesen, den Zustand der Bürger und Bauern, und die Thätigkeit der Jesuiten zur und nach der Zeit des 30jährigen Krieges gezeichnet hat, besonders aber die Anstrengungen der Jesuiten unter den habsburgischen Kaisern, Böhmen wieder katholisch zu machen, auch die Lage der Juden zu jener Zeit, und geben wir hier diese seine Schilderung wieder, die unparteiisch die Bedeutung der Juden in jener Zeit würdigt. „Nur ein Geschlecht, zäher und hartnäckiger als die Husiitensöhne und die mährischen Brüder, reizte die Bekehrungslust des Jesuitenordens ohne Aufhören, das waren die Juden. Seit den Kreuzzügen trachtete die sinkende Kirche und die Habgier des Stadtpöbels diesen Finanzleuten des Mittelalters nach Gold, Glauben und Leben. Was noch heut als Sage unter den Einfältigen umherläuft, wurde schon damals gegen sie vorgebracht. Sie sollten die Brunnen vergiften, und die Pest herbeiführen, sie sollten Christenkinder ermorden und ihr Blut am Passahfest gebrauchen, ihr Herz genießen; sie sollten geweihte Hostien mit Ruthen peitschen u. s. w. Fast periodisch sind die Verfolgungen, Plünderung der Häuser und massenhaftes Hinschlachten. Durch Waffen, Qualen, Gefängniß wurde ihnen das Christenthum aufgedrängt, in der Regel vergebens. Kein streitbares Volk hat heldenmüthiger roher Gewalt widerstanden als diese Waffenlosen. Die großartigsten Beispiele von beharrlichem Heldenrnuth werden selbst von christlichen Erzählern berichtet. So ging es durch das ganze Mittelalter, auch noch im sechszehnten Jahrhundert suchten die Landesherrn leere Kassen aus dem Beutel der Juden zu füllen, noch immer stürmte der Pöbel ihre Häuser, so 1614 in dem wilden Judenaufstand zu Frankfurt am Main. Einige große Gelehrte, Aerzte, Naturkundige erlangten ein Ansehen, welches durch alle Länder Europas ging, selbst den Christen widerwillige Achtung einflößte, aber das waren seltene Ausnahmen. Unter diesen Gegensätzen zog sich die unzerstörbare Lebenskraft dieses Volkes in 'rie Form, welche den Juden bis heut geblieben ist. Vom Kaiserrecht privilegirt, vor dem Landrecht hülflos, unentbehrlich und tiefverhaßt, begehrt und verflucht, in täglicher Gefahr des Feuers, Raubes, Mordes und wieder der stille Herr über Habe und Wohlfahrt von Hunderten, in unnatürlich abenteuerlicher Stellung und doch in durchaus nüchterner Thätigkeit, mitten unter den dichtesten Schaaren der Christen, und doch durch eherne Schranken von ihnen getrennt, lebten sie ein zwiefaches Leben. Aller Stolz edlen Blutes, großen Reichthums, hoher Talente, die volle Gluth südlicher Empfindungen, jede holde und jede dunkle Leidenschaft umschloß das Haus, die Familie, die Gemeinde; vor den Christen waren sie kalt, zähe, geduldig, furchtsam, kriechend und lauernd, gebeugt unter tausendjährigem Druck. Bei den deutschen Beamtendespotien, welche sich seit dem dreißigjährigen Kriege ausbildeten, fanden die Juden kaum größeren Schutz vor der Wuth der Menge, und ihre geistlichen Anfechtungen wurden fast ärger. Wenn der Protestantismus, damals schwach und verkümmert, sie mehr durch abstoßenden Hochmuth, als durch seine Bekehrungskünste kränkte, war die alte Kirche desto eifriger zu taufen. Dagegen gedieh ihnen Handel und Erwerb, ja seit dem westphälischen Frieden war für sie eine glänzende Zeit gekommen. Die Verminderung des internationalen Großhandels, der Ruin alter Handelshäuser zu Nürnberg und Augsburg, die dauernde Münzverschlechterung, die unaufhörlichen Geldbedürfnisse der großen und kleinen Territorialherrn begünstigten eine vielseitige Thätigkeit des jüdischen Geschäfts, welches durch ganz Deutschland gewandte Werkzeuge und von Constantinopel bis Cadix Gastfteunde und Verwandte fand. Die Bedeutung, welche der innere Zusammenhang der Juden für den deutschen Handel in einer Zeit hatte, wo schlechte Wege, schlechte Zölle und eine sehr unwissende Gesetzgebung dem Verkehr die größten Schranken auflegten, ist noch lange nicht znr Genüge gewürdigt. In unermüdlicher Thätigkeit gruben sie wie Ameisen überall ihre geheimen Wege durch das morsche Holz des römischen Reiches; lange bevor die Briefpost und die Waarenspe-

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