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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-01-07 · Heft 2 (7.1.1868) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 2 (7.1.1868)
Date
1868-01-07
Page
Seite 23 (sequence 3)
Language
German
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2S zeigt z. B. das Gebet, welches unter den täglichen Morgengebeten vorgeschrieben ist: „Mein Gott, die Seele, die Du mir gabst, sie war rein" ('121 nv«: °>ndrr). Nun fragen wir, kann dieser Gott, welcher alle neugeborenen Geschlechter der Menschen durch den Fehl des ersten Menschenpaars der Sünde anheimgegeben, einer Sünde, von der sie sich durch keine Liebe zu Gott, durch keine Erkenntniß Gottes, durch keine Werke der Liebe und Gerechtigkeit wieder freimachen können, der sie also, ohne daß sie es verschuldeten, der unerbittlichen Verdammniß überliefert hat, kann dieser als ein Gott der Liebe angesehen werden, oder ist er ein Straf- und Rachegott, wie man ihn in dieser Eigenschaft kaum furchtbarer zu denken vermag? Ferner, wenn dieser Gott, aber erst nach Jahrtausenden, um die Menschen von dieser angebornen und fortdauernden Sündhaftigkeit zu erlösen, seinen Sohn den Leiden und dem Tode hingeben mußte,' und die Menschen nicht anders als durch die Leiden und den Tod eines Dritten erlöst, wird er hierin wirklich als ein allbarmherziger Gott angeschaut werden können, oder bethätigt er sich selbst hierdurch nicht als ein Straf- und Rachegott? Ferner, wenn durch diesen Akt die Menschen nicht einmal ebenso unbewußt von der Sünde befreit werden, wie sie durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares unbewußt versündigt worden, sondern zu dieser Erlösung der Glaube an diesen Erlösungsakt unumgänglich erforderlich ist, ist er hierin ein Gott der Gnade, oder zeigt er sich vielmehr auch hiermit als ein unerbittlicher Strafgott? Denn selbst bei denen, welche in diesem Glauben geboren und erzogen worden, hängt es nicht von dem Willen der Einzelnen allein ab, diesen Glauben wirklich und intensiv zu hegen und zu bewahren, sondern die! vielfachsten Einflüsse, über welche sie nicht Herr sind, können diesen Glauben in ihnen schwächen und verdrängen : wie sollen erst die Milliarden veranwortlich gemacht werden, welche von diesen Dogmen gar keine Kenntniß erhalten, oder doch in ganz anderen religiösen Vorstellungen, zu einer entgegengesetzten religiösen Ueberzeugung erzogen und herangebildet wurden? Gehört nach dem katholischen Dogma doch auch zur Erreichung dieser Erlösung, zur Befreiung von der Verdammniß, zur Erlangung der Seligkeit noch die Fürsprache der „Mutter Gottes und der Heiligen." Die zahllosen Menschenseelen also, vom ersten Menschenpaare an bis zum Tode Jesu, die Israeliten einschließlich, höchstens mit Ausnahme der Patriarchen, Moses und der Propheten, sind sämmtlich der Verdammniß verfallen und können niemals zur Seligkeit kommen;*) die nicht minder Zahllosen, welche seitdem zur Kenntniß jenes Aktes gar nicht gelangen konnten, oder demselben ohne eine Verschuldung ihren Glauben nicht zuzuwenden vermochten, sind sämmtlich unselig. Kann hierin wirklich ein väterliches Verhältniß Gottes zum Menschen, eine wirkliche Liebe, oder nicht vielmehr eine Art von Strafe und Rache gefunden werden, die weit über jede Vorstellung von „Zorn Gottes" über die hartnäckigen Bösewichter und Frevler hinausreicht? Man spreche also nicht mehr von einem jüdischen „Rachegott," während ein solcher in dem christlichen Dogma in einer unvergleichbar härteren Weise lebt. Wir brauchen es hier nicht, auszuführen, daß dieser Charakter der christlichen Dogmen nicht etwa blos abstrakt verblieben, sondern in der geschichtlichen Wirklichkeit zu oft furchtbarem thatsächlichem Ausdruck gekommen ist. Er hat sich in den drückendsten Ausschließungen, in den blutigsten Verfolgungen, in den erbittertsten Kriegen verwirklicht. Vor einiger Zeit hat Kaulbach zwei Bilder geschaffen, von denen das eine Nero darstellt, wie er trunken vor Lust, von Odalisken umgeben, die Leier in der Hand vom Theater kommt, während drunten die Scheiterhaufen flammen , auf welchen die Christen den Märtyrertod erleiden, das andere aber den vor Kurzem heilig gesprochenen Arbues, eine asketische Gestalt, von Dominikanern gestützt, darstellt, während drunten die Scheiterhaufen flammen, auf welchen Juden, Mauren und andere Ketzer den Märtyrertod erleiden. Es sind über diese Zusammenstellung in den öffentlichen Blättern Betrachtungen angestellt worden, welche wir hier nicht wiederholen wollen. Jndeß sei doch bemerkt, daß die Bethätigung jener Dogmen noch heute nicht ganz aufgehört hat, und bald hier bald dort bittere Leiden über mehr oder weniger Individuen ausgießt. Unsere Zeit ist dazu angethan, der Wahrheit überall das Steuer zu geben, auch wenn dabei gegen Vorurtheile anzukämpfen ist, welche Jahrtausende bestanden haben. Möge es mit dem hier bestrittenen ebenso der Fall sei. Wir glauben aber unsre Ansicht dadurch stützen zu können, daß wir auf deren Originalität ver- *) So bewohnen auch bei Dante, der auf Sittenreinheit so großen Werth legt, die vorzüglichsten und edelsten der Heiden einen besondern Kreis der Hölle, den „der Leideu ohne Qual," und sehnen sich vergebens nach Erlösung und Seligkeit. 2*

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