Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1868)
- Date
- 1868-01-07
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 teramt Gottes in höchster Gerechtigkeit in ergreifendster Weise aussprechen. Wie als das höchste religiöse Gesetz: ,Liebe den Ewigen, Deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen!" hingestellt wird (5. Mos. 6, 5?, so belehrt uns jene klassische Stelle (2. Mos. 34, 6. 7.) von der unendlichen Gnade und Huld des Ewigen, die Sünde, Mifsethat und Schuld vergiebt, und ihre Barmherzigkeit an Tausenden der Geschlechter übt und deren Worte so oft im Verlaufe der h. Schrift wiederkehren; so' sprechen zahllose Stellen von der Allgüte Gottes, die sich über alle Wesen erstreckt, die neu ist jeglichen Morgen, die aus dem Staube erhebt, und der Hülflosen sich annimmt; daß Gott zum Menschen im Verhältuiß des Vaters zum Kinde zu denken, zu fassen und zu empfinden ist. Eben so lehrt und feiert die h. Schrift Gott als den Richter der ganzen Erde (I.Mos. 18, 25.), der Herz und Nieren Prüft, sein Auge aus alle Schritte des Menschen hat und lohnt und straft in unendlicher Gerechtigkeit. Hier ist es nun, wo an manchen Stellen der Schrift zur Verwarnung, zur Abmahnung, zur Abschreckung der zur Sünde geneigten Menschen das Richteramt Gottes in starken, einschneidenden Ausdrücken hervorgehoben wird, aber überall nur, wo es gilt, die Menschen von Abfall, Gottlosigkeit, Gewaltthat aller Art, die überhand zu nehmen drohen, zurückzuschrecken, abzubringen. Da wird Gott als „ein eiftiger Gott" t2. Mos. 20, 5.), als „ein verzehrendes Feuer" (5. Mos. 4, 24. 9, 3.) und in gigantisch. poetischer Größe (5. Mos. 32, 22.) als „ein Gott der Rache" (Psalm 94, I.) bezeichnet, dessen Zorn entbrannt ist über die Frevler, welche über die Gerechten und Schuldlosen unsägliches Elend verbreiten. Einen anderen Sinn, als die Bösewichter von ihrem Thun zurückzuschrecken, haben alle diese Stellen nicht, und ein vorurtheilslos forschender Blick wird dies überall leicht erkennen. Sie gehören nicht der eigentlichen Lehre, sondern nur den Mahn- und Strafreden au, sowie den lyrischen Ergüssen der Unglücklichen und Bedrängten. Gerade der citirte 94. Psalm zeigt dies zweifellos. Er. beginnt mit dem furchtbaren Ausrufe: „Gott der Rache, Ewiger, Gott der Rache erscheine!" Aber schon der zweite Vers fährt fort: „Richter der Erde, erhebe Dich, bringe Vergeltung über die Hoffärtigen!" Und der dritte Vers besagt: „Wie lange sollen die Frevler, Ewiger, wie lange die Frevler ftohlvcken?" Nicht allein also, daß diese „Rache" doch nichts weiter als die gerechte „Vergeltung" (n»p: und biva) ist: so spricht sich der Psalm vielmehr klagend über die Langmutch aus, die Gott den Frevlern gewährt, so daß sie sich sogar die Leugnung der göttlichen Gerechtigkeit gestatten, über die Gottgläubigen spotten, und dadurch die Schwächer» unter den letzteren zum Zweifel verleitet werden. Wir haben hiermit nichts Neuesgesagt, und nur erwiesen, was schon hundert Male erwiesen worden. Aber unsre Leser wissen auch, daß demungeachtet viele christliche Theologen behauptet und immer wiederholt haben, daß die h. Schrift Israels nur einen „Zorn- und Rachegott" kenne, und daß erst im sg. Neuen Testamente Gott in seiner Allliebe und als Vater der Menschen gelehrt worden sei. Konnten sie den offenbaren Gegenbeweisen nicht mehr Stand halten, so zogen sie sich dahin zurück, daß wenigstens die Juden aus den Lehren der h. Schrift nur diesen Begriff gezogen hätten. Auch diese Behauptung konnte und kann nur die Unkenntniß des Judenthums, ja eine völlige Unwissenheit auf diesem Gebiete aufrecht erhalten. Denn nicht blos die ganze Lehre des Judenthums ist von dem Begriffe der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit, der „Alles zum Besten leitenden Vorsehung" durchdrungen, sondern im Herzen des Volkes selbst lebt diese Ueberzeugung als innerstes religiöses Motiv und es ist keine Sette des jüdischen Gebetbuches, wo Gott nicht als „barmherziger Vater" in seiner Liebe und Gnade gefeiert und angerufen wird. Kehren wir nun aber die Betrachtung um und sehen einmal nach, wie dieser Begriff der göttlichen Liebe, den die Lehrer des Christenthums als deffen Eigenthum und Charakter in Anspruch nehmen, in dem ganzen dogmatischen Gebäude, in den wirklichen Grundvesten des Christeuthums sich bewahrheitet, ob er wirklich darin vorhanden ist. Es ist durchaus hier nicht unsre Absicht, gegen diese Dogmen des Christenthums zu streiten, und wir geben gern zn, daß „die Gnade bei uns nicht zum Durchbruch gekommen, um den Glauben an sie zu finden." Sondern es kommt uns nur darauf au, sie in rechter Weise nach ihrem Inhalte zu chaiakterisiren. Die Wurzel dieser Dogmen ist die Erbsünde, durch welche also, was unsre h. Schrift als die Sünde des ersten Menschenpaars schildert und von den Einen als faktisch, von den Andern unter unseren Erklärer» als allegorisch angesehen wird, thatsächlich alle Abkömmlinge des ersten Menfchenpaars für alle Zeiten als in und mit der Sünde behaftet geboren werden. Wie weit das Judenthum von der „Erbsünde," also auch vom „Sündenfall" im christlichen Sinne entfernt ist,