Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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e indem er auf dem jüdischen Friedhof in Tschufutkale die . Inschriften von acht Grabsteinen absägen ließ, und diese Steinplatten nach St. Petersburg schickte. Tschufutkale, dessen Name die Judenburg bedeutet, ist eine der Hauptfundstätten. Wir vergegenwärtigen uns diese beispielsweise. — Der Ort war im Mittelalter ausschließlich von Juden bewohnt, die ihn 1261 tapfer gegen die Genuesen vertheidigten. Er liegt auf einem hohen kalkigen Vorgebirge ungefähr in gleicher Linie mit dem auf der andern westlichen Seite gelegenen stolzen Sebastopol, eine Stunde von Bachtschiserai. Im Eingang eines Thals, nahe dem Ort, ist ein alter jüdischer Friedhof, dessen ehrwürdiges hohes Alter die Karäer dadurch bezeugen, daß sie ihn das Thal Josaphat nennen. Beschattet von hohen Bäumen, die als unantastbar gelten, liegen hier reihenweise viele Leichensteine, meistens bereits tief in die Erde eingesunken und nahezu von ihr verschlungen. Sie sind anders gestaltet als sonst auf jüdischen Friedhöfen, und z. B. auch auf dem der Prager Altschul. Sie stehen nicht, sondern liegen, große Steinmassen, welche oben theils gleichmäßig gewölbt, theils an beiden Enden der Längenseite mit hörnerartig emporstehenden Giebeln versehen sind, in beiden Formen den Aufsatz einer niedrigen Basis bildend. Die Inschriften befinden sich nicht oben auf der Wölbung, sondern an der Breitseite, und meist in einer sie noch mehr versteckenden Vertiefung, stimmt man hinzu, daß diese schweren Grabsteine sich im Laufe der Jahrhunderte so in den Boden eingesenkt haben, daß nur noch die Bedachung einigermaßen sichtbar ist, so wird man es begreiflich finden, daß selbst Firkowitsch die an der Breitseite befindlichen Inschriften nur durch einen glücklichen Zufall entdeckte. Es ist nun das schon für die jüdische Volks- und Literaturgeschichte von großer Bedeutung, daß unter diesen Gräbern von Tschufutkale sich laut Inschrift das Grab jenes Isaak Sangari befindet, welcher um 750 den Chazaren-König zum Judenthum bekehrte, und in dem classischen Werk Juda Halevi's betitelt Cuzri, d. i. der Chazare, in Unterredung über die Principien der Religion mit diesem Fürsten begriffen dargestellt wird. Die Bedeutung dieser Gräber reicht aber noch viel weiter; sie beurkunden eine nicht nur in vorkaräischer, schon in vorchristlicher Zeit in der Krim seßhaft gewesene jüdische Bevölkerung, denn die 30 ältesten Grabsteine gehen von dem Jahr 555 bis auf das Jahr 6 n. Ehr. zurück. Einer von jenen acht, deren Jnschriftenplatten im asiatischen Museum in St. Petersburg aufgestellt sind, datirt vom Jahre 30 n. Ehr.; die Inschrift lautet: „Rabbi Mose Levi, gestorben im Jahr 726 unseres Exils." Das Exil ist wie das anderwärts dabei stehende Jahr der Schöpfungsära zeigt, das assyrische Exil, das Exil der zehn Stämme, als dessen epochemachendes Jahr auf diesen Denkmälern das Jahr 696 gilt. Eine andere Inschrift lautet nach dem in St. Petersburg befindlichen Abklatsch: „Dies das Denkzeichen Buki's, Sohns Isaaks, des Priesters, er ruhe im Paradiese! Zur Zeit der Erlösung Israels im Jahre 702 unseres Exils." Das Jahr 702 ist das Jahr 3 n. Ehr. Man hat die zehn Stämme vom Urmia-See bis nach Afghanistan und China gesucht, und vermeintlich gefunden. Hier aber zuerst beurkunden redende Steine das Vorhandensein eines Theils derselben, welcher mitten unter Heiden Religion und Sitte der Väter bewahrt hatte, und seine Tobten in taurische Erde bettete. Außer der Aera ves Exils erscheinen auf diesen Grabdenkmälern noch zwei Schöpfungsären: die alte krimische und die matarchische. Matarcha ist ein Ort in der Nähe der Krim, wohin ungefähr 350 n. Ehr. griechische Juden eingewandert, welche die noch jetzt unter den Juden übliche Schöpfungsära mitbrachten. Sie heißt in den Inschriften die der Matarchier. Die alte krimische Schöpfungsära weicht davon um ein Mehr von 15t Jahren ab, so daß man, um das christliche Jahr zu finden, zu dem Hundert nicht wie bei der gemeinen Schöpfungsära 240, sondern nur 89 hinzuzuaddiren hat. Dies die Ergebnisse, zu welchen Chwolson in seiner der kaiserlichen Akademie vorgelegten Abhandlung mit dem Titel „Achtzehn Grabschriften aus der Krim. Ein Beitrag zur Biblischen Chronologie, semitischen Paläographie und alten Ethnographie" (1865) gelangt. Die achtzehn Grabschriften sind in meisterhaften, photographisch treuen Abbildungen beigegeben. Der Streit der Meinungen, den diese Funde seit ihrem ersten Verlauten hervorgerufen haben, ist in Folge dieser Veröffentlichung von neuem entbrannt. Der unermüdliche Forscher, welcher schon einmal mit seinen immerhin höchst verdienstvollen Werken über die Ssabier und über Reste altbabylonischer Literatur vor das Forum der Kritik gezogen und endgültig wegen Verkennung offenbarer Fälschungen verurtheilt > worden ist, hat jetzt ein zweites Fegfeuer der Kritik zu bestehen, welches, wie wir annehmen zu dürfen glauben, nicht allein seine urkundlichen Belege unantastbar finden, sondern auch dem Wesentlichen seiner Behauptungen nichts anhaben wird.