Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1867)
- Date
- 1867-12-17
- Page
- Seite 1026 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1026 auch bis auf den heutigen Tag beibehielt. Dadurch nun und auch durch den Umstand, daß die Mutter nur eng? lisch sprach, wurden die Söhne der deutschen Sprache und dem deutschen Wesen ganz und gar entfremdet. Um das Jahr 1815 verließ die ganze Familie Rickmond und siedelte sich, mit Ausnahme eines einzigen Sohnes, der sich in Norfolk, ebenfalls in Birginien, niederließ, in Baltimore an. Hier nun zählen die Cohen seit länger als einem halben Jahrhundert zu den hervorragendsten und angesehensten Familien nicht nur der Stadt, sondern des ganzen Staates, eine Stellung, die sie sich, so lange sie noch Geschäftsmänner waren*), durch ihre strenge Redlichkeit, und zu allen Zeiten durch ihren Gemein- und Wohlthätigkeitssinn begründet hatten. Kehren wir nun zu unserem Mendes zurück. Mendes I. Cohen war von Jugend auf ein eifriger und, was in Amerika schon etwas sagen will, ehrlicher Politiker. Niemals machte er die Politik zu einer Profession, niemals war sie ihm „eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt", denn niemals bekleidete er ein bezahltes Amt. In seiner Jugend machte er die Befreiungskriege mit, durchreiste später, in den Jahren 1832 und 33 Palästina, ging von da nach Nubien und besuchte auf der Rückreise fast alle europäischen Staaten. Im Jahre 1836 wurde er zum Aide-<le-camp des Gouverneurs von Maryland ernannt. Im Jahre 1848 wurde er von der demokratischen Partei der Stadt Baltimore mit großer Stimmenmehrheit zum Abgeordneten für die Staats-Legislatur, die in Annapolis tagt, gewählt. Auf seine Collegen übte er bedeutenden Einfluß, weniger durch hervorragende Beredsamkeit, als vielmehr durch seine imposante Persönlichkeit und durch sein gerades und uneigennütziges Wesen. Ihm hauptsächlich haben wir es zu verdanken, daß der sogenannte Test-oath aus der erst vor einigen Monaten in's Leben getretenen neuen Verfassung gestrichen wurde, denn wenn auch Herr Cohen kein Mitglied der letzten Legislatur war, so ist sein Wort doch noch von gutem Klange, nicht nur bei den hervorragendsten Persönlichkeiten seiner Partei, sondern selbst bei seinen politischen Gegneru. Obgleich ein Greis, nimmt Herr Cohen noch immer den lebhaftesten Antheil an allen politischen Vorgängen, aber auch an Allem, was das Wohl und Wehe seiner Glaubensbrüder betrifft. Wo es das Wohl Israels zu *) Die Cohen waren Eigenthümer einer Bank, und als einst bei einer Erise die sämmtlichen hiesigen Banken ihre Noten gegen Gold und Silber einzuwechseln sich weigerten, waren Me die einzigen, die sich dieser Bewegung nicht anschlossen, sondern sich verpflichtet fühlten, nach wie vor ihre Noten einzulösen. Um sie dafür zu strafen, schlossen die andern Banken die Noten der Cohen'schen Firmen aus, und Niemand erwartete etwas anderes, als daß sie in dieser großen Klemme sich ebenfalls gezwungen sehen würden, ihre Zahlungen einzustellen. Aber sie verkauften, oder vielmehr verschleuderten ihr bewegliches und unbewegliches Gut um den geringsten Preis, — denn in einer Crise sinkt der Werth aller Gegenstände — nur um ihren Verpflichtungen Nachkommen zu können. Jetzt zählen dieselben wieder zu den wohlhabendsten Häusern Baltimores.? fördern, wo es irgend ein wohlthätiges Unternehmen zu unterstützen gilt, da finden wir feinen und seiner Brüder Namen immer in der vordersten Reihe. Er ist Jsraelite im schönsten Sinne des Wortes.*) 23. Meier Friede. Hatten wir es in der Schilderung der beiden Abgeordneten Nr. 14. und 22. mit Männern zu thun, die ihrer Geburt und gesellschaftlichen Stellung nach den Kreisen der amerikanischen Aristokratie angehören — auch Amerika, das südliche vorzugsweise, hat seine Aristokratie, und unter den Juden rechnen sich die von portugisischer Abkunft dahin, und wohl auch solche, die sich dem Port. Cultus angeschlofsen haben und die nicht selten hochmüthig auf ihre deutsch redenden Brüder herabsehen, während sie selbst ihr schlechtes Deutsch nur mit einem noch schlechteren Englisch vertauscht haben — in dieser Skizze haben wir es mit einem Manne zu thun, der aus den drückendsten und ärmlichsten Verhältnissen hervorgegangen, durch Geistes- und Willenskraft, durch Fleiß und Ausdauer zu staatlichen Würden und materiellen Gütern gelangt ist, der im vollsten Sinne des Wortes der Schmied seines eigenen Glückes geworden. Meier Friede wurde um das Jahr 1820 in Schenklengsfeld, einem kleinen Orte in Kurhessen, geboren, woselbst sein Vater die Lehrer- und Vorsängerstelle bekleidete. Nur wenige Jahre zählte der Knabe, als der Vater starb, der seine Familie — die gewöhnliche Hinterlassenschaft der Lehrer — in Noch und Armuth zurückließ. Der geistvolle Knabe mußte es sich gefallen lasten, bei einem Buchbinder als Lehrling angedungen zu werden. Wie lange er dieses Handwerk getrieben, wissen wir nicht. Das Jahr 1842 findet ihn in Amerika. Den unvermeidlichen Hausirerbündel auf dem Rücken, durchstreift er mehrere Jahre hindurch das Land „nach seiner Länge und nach seiner Breite", bis es ihm gelingt, einen ,,störe“ zu eröffnen. Der „Store“ ist in der Regel der Gegenstand der heißesten Sehnsucht aller „Peddlar" und der Schlußstein ihrer Wirksamkeit, nur daß mit der Zeit der „störe" zu „Stores" und das „Retail“ zu einem „whole-sale-busiucss" werden muß, dann ist das „Goldland" erreicht. Nicht so bei unserem Friede. Als er durch sein Geschäft sich einiges Vermögen erworben hatte, verlegte er sich auf das Rechtsstudium, und nach wenigen Jahren finden wir ihn in St. Louis, in Missouri, die Advvcatur ausüben und bald darauf als Richter an einem dortigen Gerichtshöfe (court). Er kaufte in jener Zeit ein Stück *) Noch im Jahre 1853 bereiste Herr Cohen Europa, veraß aber nicht nach Wallerstein (in Baiern, an der würtemergischen Gränzc, wohin früher i vielleicht jetzt noch) die Gemeinde Oberndorf ihre Tobten bestattet hatte) zu gchen, um die Gräber seiner Vorfahren aufzusuchen.