Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1867)
- Date
- 1867-12-10
- Page
- Seite 1006 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1006 — ist Gott Partei? so darf auch sein Bote, der in Seinem Namen spricht, nicht Partei sein, sondern muß, wie sein Herr und Meister, über den Parteien stehen .. . Wir feiern gegenwärtig das Peßach-Fest, Sie kennen die sinnige Bemerkung des Talmuds bezüglich des Umstandes, daß an den letzten Tagen dieses Festes nicht „Ganz Hallel" gesagt wird — Gott sprach: 'ist waa ’T irasa — Gott beklagte den Untergang der Egypter, der Feinde Israel's. — Welche beherzigenswerthe Mahnung für die Führer in Israel, „über den Parteien ihren Standpunkt zu nehmen!" „Diese Auffassung — fuhr der Verklärte fort — findet ihre Bestätigung in folgendem Ausspruche des Propheten Maleachi: „„Denn die Lippen des Priesters (des Lehrers in Israel) sollen bewahren die Erkenntniß."" — Der Lehrer muß stets gerüstet sein, auf religiöse Fragen gründlichen Bescheid zu ertheilen; aber es ist nicht seine Aufgabe, in die Häuser einzudringen und den Leuten die Lehrmeinungen aufzuzwingen., denn er ist Lehrer und nicht Befehlshaber! ... So weit — sprach der Verewigte weiter — gilt die Mahnung Maleachi's dem Priester; nunmehr aber wendet sich der Prophet dem Volke zu und spricht: „„Und Belehrung soll man verlangen aus seinem (des Priesters) Munde!"" — er hat nur auf Befragen Bescheid zu ertheilen — „„denn er ist ein Bote des Herrn der Heerschaaren!"" darum muß er, wie dieser, stets über den Parteien stehen"". Diese Darlegung aus des Verewigten eigenem Munde ist wohl der beste Schlüssel zum richtigen Verständniß seines Verhaltens als erster Rabbiner in unserer Gemeinde. Mit seinem Scharfblicke hat er richtig erkannt, und in seiner großen Wahrheitsliebe hat er offen und rückhaltslos anerkannt, daß innerhalb der Judenheit kein Raum vorhanden ist für hierarchische Bestrebungen, — daß es da dem geistlichen Führer nicht zustehet, zu sprechen: „Sowillich — sobefehl' ich!" — Wir erinnern uns wohl noch jenes wahrhaft feierlichen Momentes bei der Feier des siebzigsten Geburtstages des Verewigten, wo dieser in gehobener Stimmung nachdrucksvoll sprach: „Ich habe mich in meinem Rabbiner-Amte stets als Diener der Gemeinde und nicht als ihren Herrn betrachtet!" — Es lag ein tiefer Sinn in diesen Worten; der Verklärte selbst fühlte das Bedürfniß, der Gemeinde gegenüber bei einer schicklichen Gelegenheit, wo die Gemeinde in ihren Häuptern und Vertretern um ihn versammelt war, — Rechenschaft zu geben über sein Verhalten in seinem Hirtenamte. Und er that dies auf die ihm eigen gewesene sinnige Weise; er gab kund seine Auffassung vom Rabbiner-Amte — und die Gemeinde hatte nun den Schlüssel zum Verständniß seines Verhaltens in der eigenen Hand. „Religiöse Freiheit!" ist der Wahlspruch eines jeden echten und wahrhaften Juden; und dieser Thatsache hat der Verewigte in seiner Herzensfreude stets Rechnung getragen, und darob verdiente er einen Lorbeerkranz ... Er war ein treuer Wächter und Hüter der religiösen Freiheit in unserer Mitte. Nur dieser erleuckteten Anschauung und selbstbeherrschenden Haltung des Verewigten haben wir es zu verdanken, daß in unserer Gemeinde der religiöse Friede nicht gestört wurde und ihr freier Spielraum zu immer höherer Entwicklung gegönnt war; daß in ihr keine einseitigen Bestrebungen Platz greifen konnten, — daß weder die eine, noch die andere extreme Richtung die Oberhand zu gewinnen vermochte. Gerade das scheinbar passive Verhalten des Verewigten in seinem Amte war ein großer Segen für die Gemeinde selbst, wie auch für weitere Kreise, deren Blick auf sie gerichtet ist.... Man versetze sich nun im Geiste in die Zeit zurück, wo der Verewigte herberufen worden — wie stand es damals um die Entwickelung der Gemeinde? .. wie war es damals um den öffentlichen Cultus in den meisten Bethäusern bestellt? Kaum daß ein Bethaus begonnen, dem unabweisbaren Bedürfniß der Zeit Rechnung zu tragen. Und selbst dieses in der tüchtigsten geistigen Entwicklung begriffene Haus — wie sah es äußerlich aus? es war allem Andern eher ähnlich, als einem Tempel Gottes. Und jetzt? vor unseren Augen wächst es empor zu nie geahnter Größe, Pracht und Herrlichkeit; bald wird es dastehen in seiner Vollendung, eine Lust für das Auge und eine Erquickung für das Herz, würdig des erhabenen Zweckes, dem es dienen soll, — würdig der großen Gemeinde, die es in's Dasein ruft. Auch mehre der andern Bethäuser haben bereits mit löblichem Eifer die Fahne der zeitgemäßen Gestaltung auf ihren Zinnen entfaltet.... Und nicht bloß im Synagogenwesen allein, sondern auch auf den übrigen Gebieten des Gemeindeberufs hat entschiedener Fortschritt feste Wurzel gefaßt: in der Vertretung und Verwaltung, wie im Bereinswesen ... Solche friedliche und gedeihliche Entwicklung konnte nur unter der milden und sanften Leitung eines Hirten vor sich gehen, der, von Liebe zur Freiheit durchdrungen, allemhierarchischenWesen völlig fremd war .... Ueberhaupt wäre es jetzt an der Zeit, sich weniger mit dem Cultus im engeren Sinne — den Synagogen — als vielmehr mit dem Cultus im weiteren Sinne — der jüdischen Wissenschaft und dem Unterrichts¬ und Erziehungswesen — zu befassen. Hier wäre ein weites Feld, ein weiter Spielraum für ersprießliche Thätigkeit... Nicht an Lehrkräften fehlt es, sondern an Lernenden, und zwar vorzugsweise aus dem Grunde, weil ein Mittelpunkt fehlt, um welchen die vorhandenen Kräfte sich reihen und schaaren können, um eine Gesammtthätigkeit und ein Gesammtstreben zu entwickeln. Einen solchen Mittelpunkt lasset uns schaffen! der jüdischen Wissenschaft lasset uns in unserer Mitte einen Sitz bereiten, wo sie thronen soll, von wo aus