Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1867)
- Date
- 1867-12-10
- Page
- Seite 1005 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zu-enthums. Feuilleton-Beilage zu Nr. 50. Leipzig, den io. December 1867. Gedächtnißrede für den verewigten Rapoport, gehalten zu Prag den 3. November 1867, von Prof. Dr. Kämpf. (Nach stenographischem Berichte im Auszuge mitgetheilt von B.) M. Napoport als erster Rabbi in Prag. Wir kommen nun zum dritten Punkt unserer Aufgabe, zur Würdigung des Verhaltens des Verewigten als erster Cultusbeamter in der hiesigen Gemeinde. Denn die Gemeinde hat ein unbestreitbares Recht, zu fragen: was war der Heimgegangene für uns speciell? Alles, was hier von ihm gerühmt worden, war er auch für Andere: für die Wissenschaft, für die Ferne... — was aber war er für uns vorzugsweise? für uns, in deren Mitte er lebte? für uns, die wir ihn aus weiter Ferne herberufen und zu unserm ersten Rabbiner eingesetzt? was waren seine Leistungen für die hiesige Gemeinde insbesondere? welche Werke hat er in seinem Amte vollbracht, die ihn überdauern? welches sind die Merkmale seiner Wirksamkeit an der Spitze unserer religiösen Angelegenheiten? . . . . Diese Fragen im Munde der hiesigen Gemeinde wären gar sehr berechtigt. Und es hieße dem Andenken des Verewigten einen schlechten Dienst erweisen, wollte man über diese gewichtigen Fragen sich mit leeren Phrasen hinweg helfen. Nein, die Ehre, die Amts ehre des Verewigten erheischt gebieterisch, diesen Fragen stracks auf den Leib zu gehen, sie scharf in's Auge zu fassen, um sie gründlich, erschöpfend und befriedigend zu beantworten. Die Antwort auf diese Fragen haben wir aber vorweg gegeben; wir sagten bereits im Eingänge: „Als Hirte, Führer und Leiter der hiesigen Gemeinde bewährte er sich als echter koken, bezüglich dessen es in der heiligen Schrift heißt: „„Denn die Lippen des Priesters sollen bewahren die Erkenntniß, und Belehrung soll man verlangen aus seinem Munde, denn ein Bote des Herrn der Heerschaaren ist er."" — Des Verewigten eigener Mund gab mir einst Aufschluß hierüber. Es war an einem Peßach-Fest — in jenen Tagen der Unruhe — ich besuchte ihn, wie gewöhnlich an hohen Festtagen. Der Empfang war freundlich, wie immer; aber eine Wolke der Verstimmung schien auf seinem sonst so heiter und zufrieden blickenden Antlitz zu lagern. Ich schwieg; da begann er: „Man hat mir den Text Ihrer Festpredigt mitgetheilt, Sie sprachen über eine Stelle aus der Haftarah des Tages, über Josua's Frage an den Himmelsboten: „„Gehörst Du zu uns, oder zu unfern Gegnern?"" — Man sagte mir — fuhr der verehrte Mann mit einem Anflug von Gereiztheit fort — man sagte mir, Sie hätten Josua's Worte allen Führern in Israel als allein zuverlässige Richtschnur empfohlen: „Gehörst Du zu uns, oder zu unfern Gegnern?" das müsse der Wahlspruch jedes Rabbiners sein... er darf nur ein „Entweder oder" kennen" ... — Jetzt war mir der Grund seiner Verstimmung klar; er hatte sich damals in einer Frage sehr nachgiebig gezeigt, nachgiebiger, als seine aufrichtigsten Freunde und Verehrer es gewünscht. Er war nun der Meinung, ich hätte mit der erwähnten Texleswahl seine Nachgiebigkeit mißbilligen wollen — was durchaus nicht der Fall war, und es gelang mir auch bald, den gemüthlichen und leicht versöhnlichen Freund von der Wahrheit zu überzeugen. Er war nun wieder in heiterer Stimmung und sprach : Jetzt hören Sie meine Meinung über die berührte Stelle in Josua. Sie scheinen den Schwerpunkt der betreffenden Mittheilung in der Frage Josua's zu erblicken — dem ist, meiner Ansicht nach — nicht also, der Schwerpunkt liegt vielmehr in der Antwort des Himmelsboten: „Nicht doch! denn ich bin ein Fürst (ein Führer) der Heerschaar Gottes" — Du, Josua, willst aus mir einen Parteimann machen — nicht doch! das bin ich nicht, das kann, das darf ich nicht sein! denn ich bin ein Führer der Heerschaar Gottes