Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1867)
- Date
- 1867-12-10
- Page
- Seite 999 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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999 fort, und wir erachten es für überflüssig die übrigen Phrasen desselben anzuführen, da diese, wie die schon erwähnten, nichts ähnliches von einer auf Facta gestützten Basis haben und blos leere Worte sind. Wir wollen nur noch der humanen Anordnung erwähnen, welche anbefiehlt, daß in denjenigen Orten, wo die Zahl der Juden die der Christen übertrisst, wenigstens -/z der Gesammtzahl der Letzteren in dem Gemeinde-Vorstände Antheil nehmen, damit die Christen immer die Mehrheit der Stimmen ausmachen sollen. Das also der Hauptinhalt des Baranoff'schen Circnlairs. Wäre es nicht in diesem Tone abgefaßt, und wäre des letzten Umstandes nicht darin erwähnt, so hätten wir die ersten desselben mit Freuden begrüßt; aber jetzt ist das Circulair nur eine Copie eines Theils des erwähnten Artikels in der „Moskwa" und kann also schon in diesem Falle selbstverständlich nichts Gutes im Schilde führen. Der Artikel in der „Moskwa" stellt aber die Inden auch als eine privilegirte Classe der Bevölkerung Rußlands dar. (Eine privilegirte Classe, die nicht einmal das Recht hat im eigentlichen Rußland zu wohnen.) Diese ihre Meinung gründet die „Moskwa" auf die Besonderstellung der jüdischen Gemeinden, als wären die Juden selbst die Urheber dieser Jsolirung, und nicht die Regierungsgesetze, die sie auch noch jetzt aufrecht halten. Was können die Juden Rußlands dafür, daß man sie isolirt, daß man sie als russische Bürger durchaus nicht anerkennen will, und die „Moskwa" durchaus nicht zugeben will, daß der Jude zugleich Jude und wahrer russischer Bürger sein könnte. Herr Aksakoff verbraucht seinen ganzen Ernst und zugleich seinen ganzen Witz um die Unmöglichkeit der Vereinigung dieser beiden Begriffe zu beweisen. Und das nicht seit gestern, sondern in einem jeden Artikel, den er der sogenannten jüdischen Frage, wie er sich ausdrückt, widmet. Er gebraucht alle ihm zu Gebote stehenden Waffen um den Ausdruck „Russen mosaischen Glaubens" zu bekämpfen. Wer russischer Bürger sein und Rechte als solcher genießen will, der muß Russe sein, und Russe sein, ohne die griechischkatholische Religion zu cultiviren, ist ein modernes Aksakoff'sches non possuinus. Die Consequenzen einer solchen Alternative können die geehrten Leser sich schon von selbst denken. Wenn Sie nun Herrn Aksakoff darauf aufmerksam machen, daß die Juden in England, Frankreich, Deutschland, doch auch nur Juden und keine Reformirten, Lutheraner und Katholiken, und bei alle dem doch sehr gute englische, französische, deutsche Bürger sind, und von den genannten Ländern als solche betrachtet werden, so hat Herr Aksakoff zur Antwort sein panslavistisches Princip, daß ihm der Westen nicht als Beispiel, und noch weniger als Autorität dienen kann. Die Civilisation des Westens ist eine morsche und die Theorien derselben sind der Verwesung verfallen — das ist die Basis, auf der Herr Aksakoff steht und läßt sich von dieser Behauptung nicht ein Wörtchen abstreiten. Das griechisch-katholische Slaventhum, das ist der gesunde Kern, aus dem in nächster Zukunft das Wohl des Weltalls ersprossen wird. Ist es nun nicht eine unerhörte Frevelthat, wenn man einem jüdischen Mädchen, das sich taufen will, das sich griechisch-katholisch taufen will, Schwierigkeiten in dem Weg stellt, und ein russischer Geistlicher nicht die heilige Taufe vollführen will? (So eine Begebenheit nämlich hat den Artikel in der „Moskwa" hervorgerufen). Sie sehen wohl nun die Gründlichkeit und Stichhaltigkeit der Aksakosi'schen Theorien und Behauptungen. Und darauf hin giebt man Circulaire heraus! darauf hin erläßt ein General-Gouvernement Befehle, die sich fast auf Millionen Menschen beziehen..... Wir hatten über den Artikel in der „Moskwa" wahr gesprochen, aber da derselbe schon im „Wilenski Wiesinik“ widerlegt worden, so erachten wir es für unnöthig uns weiter darüber auszulassen. A. L. Amerika. Baltimore, 11. Nov. (Privatmitth.) Bei der am 5. d. M. stattgehabten Wahl wurde der Richter Albert Cardozo mit einer ungeheuren bis her noch nicht dagewesenen Mehrheit >die Stadt Neu-Iork gab 61,000 Stimmen Mehrheit für den democratisch-conservativen Wahlzettel! zum Richter der 8upl emo-6oul t (Oberappellationsgericht) erwählt, also zur höchsten richterlichen Würde des Staates. Es ist dies derselbe Cardozo, von dem ich Ihnen früher schrieb, daß er, damals Richter an einem städtischen Gerichtshöfe, unter allen seinen Collegeu allein den Muth hatte, das drückende Sontagsgesetz als verfassungswi- 50*