Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-12-03 · Heft 49 (3.12.1867) · p. Seite 986

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 49 (3.12.1867)
Date
1867-12-03
Page
Seite 986 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226631--25578-3261087
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

986 hat Pfade zurückgelegt, die- bis dahin noch kein Fuß betreten?. Er that es, der große Geschichtskundige und Alterthumsforscher!*) er hat seine Stammesgenossen auf ihre eigenen Schätze aufmerksam gemacht! er hat eine Literatur erschlossen, von der bis dahin ihre Angehörigen kaum eine Ahnung hatten! er hat ein Feld urbar gemacht, das bis dahin ein undurchdringliches Dickicht war! er hat Geisteserzeugnisse genießbar gemacht, die völliger Verkennung und Vernichtung anheimgefallen waren! — mit einem Wort, er hat die Juden ihre Literatur kennen und achten gelehrt; er hat die jüdischen Gelehrten gelehrt, bei ihren Studien sich nicht bloß mit Kenntnißnahme der nackten Thatsachen zu begnügen, sondern auch Ort und Zeit in das Bereich der Forschung zu ziehen, wodurch die betreffenden Thatsachen erst in das gehörige Licht gerückt werden. Er hat die historischkritische Methode auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft nach langem, sehr langem Winterschlaf zu neuem Leben wachgerufen; ja, mehr noch, er hat der Welt gezeigt, daß das Judenthum die schonungslose Kritik nicht zu fürchten habe, —daß der Sturm rücksichtsloser Kritik dem Baume des Judenthums höchstens einige welke Blätter rauben, keineswegs aber Stamm und Wurzeln beschädigen könne." . . . Redner gelangt hieraus zur Würdigung der großen Verdienste des Verewigten um die Sichtung und Lichtung der Liturgie, und meint, hier wäre Ausführlichkeit überflüssig, da alle Welt weiß, wie es großenteils ihm zu verdanken sei, daß dieses, Jahrhunderte lang von Dornengestrüpp überwucherte Gebiet allmälig ein freundliches Aussehen gewonnen; alle Welt weiß, wie vorzugsweise er es war, der bewirkte, daß die Besten und Frömmsten in Israel bezüglich einer zeitgemäßen Gestaltung des öffentlichen Gottesdienstes einer geläuterten Anschauung mehr und mehr zugänglich wurden.... Das treuliche Ausharren des Verewigten in seiner aufräumenden Thätigkeit ist um so höher anzuschlagen, wenn man erwägt, wie unvankbar diese Art von Thätigkeit ist. Das Amt der Kritik ist kein beneidenswertes, es ist zunächst verneinender Natur, und eine verneinende Thätigkeit zu würdigen, ist eben nicht Jedermanns Sache. Gewöhnlich hat man nur Auge für das Positive, Bejahende, Schaffende; Positives ist sichtbarer, ist faßbar und greifbar und solcher Gestalt auch für den Mann aus dem Volke leicht kenntlich, und wird darum auch eher gewürdigt. Anders die verneinende Thätigkeit; diese bedarf zu ihrer Würdigung des geübten Auges des Sachkundigen. Das Häuflein der Sachkundigen aber ist klein, verschwindend klein. Die Thätigkeit der Kritik verhält sich zum positiven Schaffen, wie Sturm und Orkan zu R e g e n und Sonnenschein. Der Segen, den der Regen herbeiführt, ist Jedermann klar,— dieWohlthat, die der warme Sonnenschein bewirkt, ist jedem Auge sichtbar; der Nutzen hingegen, den Sturm uüd Orkan bet Welt bringen, ist nur einem kleinen Häuflein Sachverständiger bekannt. Der gewöhnliche Mensch sieht zunächst nur den Schaden, den der Sturm verursacht: hier hebt er ein Dach ab, dort entwurzelt er einen Baum u. s. w. Und doch ist die Wohlthat, die der Sturm der Menschenwelt erweist, nicht minder groß und dankenswerth, als die von Regen und Sonnenschein. Denn der Sturm reinigt die Luft und befreit die Atmosphäre von schädlichen Miasmen. Dasselbe gilt auch von der Kritik; der nicht Eingeweihte hat nur Auge für das Aufhebende und Aufräumende ihrer Thätigkeit, und übersieht das Wohlthätige ihrer Wirksamkeit. Denn auch auf wissenschaftlichem Gebiete ist die Atmosphäre nicht immer rein, auch da fehlt es nicht an schädlichen Miasmen. Die Kritik ist es, die hier als wohlthätiger Sturm die Giftstoffe vertreibt, die Luft reinigt und säubert, die Kritik ist es, die mit ihrer Fackel den Horizont erhellt und die lichtscheuen Nachtvögel aus ihren Schlupfwinkeln verscheucht. Rücksichtlich dessen ist die Thätigkeit der Kritik nicht ausschließlich eine verneinende. Ich frage: wenn der Goldarbeiter das edle Metall von Schlacken reinigt — hat er da bloß eine verneinende Thätigkeit ausgeübt? offenbar hat er sich dabei auch schaffend verhalten: er hat die Reinheit und Lauterkeit des Goldes hergestellt, er hat seine Pracht und seinen Werth, die verhüllt waren, in das gehörige Licht gesetzt — mit einem Wort: er hat es neu geschaffen. . . Ein solcher Goldarbeiter ist auch der Kritiker; indem er das edle Metall geistiger Erzeugnisse von seinen Schlacken befreit, indem er den menschlichen Geist von seinen Jrrthümern und vorgefaßten Meinungen erlöst, — ist seine Thätigkeit eine setzende und schaffende. . . . So war der Verewigte nicht bloß ein Mann der verneinenden Thätigkeit, sondern auch der positiv schaffenden Kraft — hierbei ganz abgesehen von des Verewigten zahlreichen Schriften rein positiver Beschaffenheit. Redner nennt nun mehrere derselben, weist besonders auf den ersten Theil des “p? hin, der so überaus reich ist an neuen Gesichtspunkten, interessanten Aufschlüssen. ... Aber er —- Redner — möchte sich hier mehr andeutend als erschöpfend verhalten, denn von Rapoport als Mann der Wissenschaft zu sprechen — dazu würde die ihm zugemessene Zeit nicht ausreichen. Außerdem müsse er hier noch einen wichtigen Punkt besprechen, nämlich des Verewigten Verhalten als erster Rabbiner in der hiesigen Gemeinde. *) nr-nnn a-np.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.